In diese Verhältnisse hinein traf Sullas plötzlicher Tod (676 78). Solange der Mann lebte, auf dessen Stimme ein geübtes und zuverlässiges Veteranenheer jeden Augenblick sich zu erheben bereit war, mochte die Oligarchie den fast, wie es schien, entschiedenen Verlust der spanischen Provinzen an die Emigranten sowie die Wahl des Führers der Opposition daheim zum höchsten Beamten des Reiches allenfalls als vorübergehende Mißgeschicke ertragen und, freilich in ihrer kurzsichtigen Art, aber doch nicht ganz mit Unrecht, darauf sich verlassen, daß entweder die Opposition es nicht wagen werde, zum offenen Kampfe zu schreiten, oder daß, wenn sie es wage, der zweimalige Erretter der Oligarchie dieselbe zum dritten Male herstellen werde. Jetzt war der Stand der Dinge ein anderer geworden. Die demokratischen Heißsporne in der Hauptstadt, längst ungeduldig über das endlose Zögern und angefeuert durch die glänzenden Botschaften aus Spanien, drängten zum Losschlagen, und Lepidus, bei dem augenblicklich die Entscheidung stand, ging mit dem ganzen Eifer des Renegaten und mit der ihm persönlich eigenen Leichtfertigkeit darauf ein. Einen Augenblick schien es, als solle an der Fackel, die den Scheiterhaufen des Regenten anzündete, auch der Bürgerkrieg sich entflammen; indes Pompeius’ Einfluß und die Stimmung der Sullanischen Veteranen bestimmten die Opposition, das Leichenbegängnis des Regenten noch ruhig vorübergehen zu lassen. Allein nur um so offener traf man sodann die Einleitung zur abermaligen Revolution. Bereits hallte der Markt der Hauptstadt wider von Anklagen gegen den “karikierten Romulus” und seine Schergen. Noch bevor der Gewaltige die Augen geschlossen hatte, wurden von Lepidus und seinen Anhängern der Umsturz der Sullanischen Verfassung, die Wiederherstellung der Getreideverteilungen, die Wiedereinsetzung der Volkstribune in den vorigen Stand, die Zurückführung der gesetzwidrig Verbannten, die Rückgabe der konfiszierten Ländereien offen als das Ziel der Agitation bezeichnet. Jetzt wurden mit den Geächteten Verbindungen angeknüpft; Marcus Perpenna, in der cinnanischen Zeit Statthalter von Sizilien, fand sich ein in der Hauptstadt. Die Söhne der Sullanischen Hochverräter, auf denen die Restaurationsgesetze mit unerträglichem Drucke lasteten, und überhaupt die namhafteren marianisch gesinnten Männer wurden zum Beitritt aufgefordert; nicht wenige, wie der junge Lucius Cinna, schlossen sich an; andere freilich folgten dem Beispiele Gaius Caesars, der zwar auf die Nachricht von Sullas Tode und Lepidus’ Plänen aus Asien heimgekehrt war, aber nachdem er den Charakter des Führers und der Bewegung genauer kennengelernt hatte, vorsichtig sich zurückzog. In der Hauptstadt ward auf Lepidus’ Rechnung in den Weinhäusern und den Bordellen gezecht und geworben. Unter den etruskischen Mißvergnügten endlich ward eine Verschwörung gegen die neue Ordnung der Dinge angezettelt ^4.
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^4 Die folgende Erzählung beruht wesentlich auf dem Bericht des Licinianus, der, so trümmerhaft er auch gerade hier ist, dennoch über die Insurrektion des Lepidus wichtige Aufschlüsse gibt.
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Alles dies geschah unter den Augen der Regierung. Der Konsul Catulus sowie die verständigeren Optimaten drangen darauf, sofort entschieden einzuschreiten und den Aufstand im Keime zu ersticken; allein die schlaffe Majorität konnte sich nicht entschließen, den Kampf zu beginnen, sondern versuchte so lange wie möglich, durch ein System von Transaktionen und Konzessionen sich selber zu täuschen. Lepidus ging zunächst auf dasselbe auch seinerseits ein. Das Ansinnen, die Zurückgabe der den Volkstribunen entzogenen Befugnisse zu beantragen, wies er nicht minder ab wie sein Kollege Catulus. Dagegen wurde die Gracchische Kornverteilung in beschränktem Umfang wiederhergestellt. Es scheinen danach nicht wie nach dem Sempronischen Gesetz alle, sondern nur eine bestimmte Anzahl - vermutlich 40000 - ärmere Bürger die früheren Spenden, wie sie Gracchus bestimmt hatte, fünf Scheffel monatlich für den Preis von 6 1/3 Assen (2¾ Groschen) empfangen zu haben - eine Bestimmung, aus der dem Ärar ein jährlicher Nettoverlust von mindestens 300000 Talern erwuchs ^5. Die Opposition, durch diese halbe Nachgiebigkeit natürlich ebensowenig befriedigt wie entschieden ermutigt, trat in der Hauptstadt nur um so schroffer und gewaltsamer auf; und in Etrurien, dem rechten Herd aller italischen Proletarierinsurrektionen, brach bereits der Bürgerkrieg aus: die expropriierten Faesulaner setzten sich mit gewaffneter Hand wieder in den Besitz ihrer verlorenen Güter und mehrere der von Sulla daselbst angesiedelten Veteranen kamen bei dem Auflauf um. Der Senat beschloß auf diese Nachricht, die beiden Konsuln dorthin zu senden, um Truppen aufzubieten und den Aufstand zu unterdrücken ^6. Es war nicht möglich, kopfloser zu verfahren. Der Senat konstatierte der Insurrektion gegenüber seine Schwachmütigkeit und seine Besorgnisse durch die Wiederherstellung des Getreidegesetzes: er gab, um vor dem Straßenlärm Ruhe zu haben, dem notorischen Haupte der Insurrektion ein Heer; und wenn die beiden Konsuln durch den feierlichsten Eid, den man zu ersinnen vermochte, verpflichtet wurden, die ihnen anvertrauten Waffen nicht gegeneinander zu kehren, so gehörte wahrlich die dämonische Verstocktheit oligarchischer Gewissen dazu, um ein solches Bollwerk gegen die drohende Insurrektion aufrichten zu mögen. Natürlich rüstete Lepidus in Etrurien nicht für den Senat, sondern für die Insurrektion, höhnisch erklärend, daß der geleistete Eid nur für das laufende Jahr ihn binde. Der Senat setzte die Orakelmaschine in Bewegung, um ihn zur Rückkehr zu bestimmen, und übertrug ihm die Leitung der bevorstehenden Konsulwahlen: allein Lepidus wich aus, und während die Boten deswegen kamen und gingen und über Vergleichsvorschlägen das Amtsjahr zu Ende lief, schwoll seine Mannschaft zu einem Heer an. Als endlich im Anfang des folgenden Jahres (677 77) an Lepidus der bestimmte Befehl des Senats erging, nun ungesäumt zurückzukehren, weigerte der Prokonsul trotzig den Gehorsam und forderte seinerseits die Erneuerung der ehemaligen tribunizischen Gewalt und die Wiedereinsetzung der gewalttätig Vertriebenen in ihr Bürgerrecht und ihr Eigentum, überdies für sich die Wiederwahl zum Konsul für das laufende Jahr, das heißt die Tyrannis in gesetzlicher Form. Damit war der Krieg erklärt. Die Senatspartei konnte, außer auf die Sullanischen Veteranen, deren bürgerliche Existenz durch Lepidus bedroht ward, zählen auf das von dem Prokonsul Catulus unter die Waffen gerufene Heer; und auf die dringenden Mahnungen der Einsichtigen, namentlich des Philippus, wurde demgemäß die Verteidigung der Hauptstadt und die Abwehr der in Etrurien stehenden Hauptmacht der Demokratenpartei dem Catulus vom Senat übertragen, auch gleichzeitig Gnaeus Pompeius mit einem anderen Haufen ausgesandt, um seinem ehemaligen Schützling das Potal zu entreißen, das dessen Unterbefehlshaber Marcus Brutus besetzt hielt. Während Pompeius rasch seinen Auftrag vollzog und den feindlichen Feldherrn eng in Mutina einschloß, erschien Lepidus vor der Hauptstadt, um, wie einst Marius, sie mit stürmender Hand für die Revolution zu erobern. Das rechte Tiberufer geriet ganz in seine Gewalt und er konnte sogar den Fluß überschreiten; auf dem Marsfelde, hart unter den Mauern der Stadt, wurde die entscheidende Schlacht geschlagen. Allein Catulus siegte; Lepidus mußte zurückweichen nach Etrurien, während eine andere Abteilung unter Lepidus’ Sohn Scipio sich in die Festung Alba warf. Damit war der Aufstand im wesentlichen zu Ende. Mutina ergab sich an Pompeius; Brutus wurde trotz des ihm zugestandenen sicheren Geleits nachträglich auf Befehl des Pompeius getötet. Ebenso ward Alba nach langer Belagerung durch Hunger bezwungen und der Führer gleichfalls hingerichtet. Lepidus, durch Catulus und Pompeius von zwei Seiten gedrängt, lieferte am etrurischen Gestade noch ein Treffen, um nur den Rückzug sich zu ermöglichen, und schiffte dann in dem Hafen Cosa nach Sardinien sich ein, von wo aus er der Hauptstadt die Zufuhr abzuschneiden und die Verbindung mit den spanischen Insurgenten zu gewinnen hoffte. Allein der Statthalter der Insel leistete ihm kräftigen Widerstand, und er selbst starb nicht lange nach seiner Landung an der Schwindsucht (677 77), womit in Sardinien der Krieg zu Ende war. Ein Teil seiner Soldaten verlief sich; mit dem Kern der Insurrektionsarmee und mit wohlgefüllten Kassen begab sich der gewesene Prätor Marcus Perpenna nach Ligurien und von da nach Spanien zu der Sertorianern.
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^5 Unter dem Jahre 676 (78) berichtet Licinianus (p. 23 Pertz, p. 42 Bonn): (Lepidus) [Ie]gem frumentari[am] nullo resistente l[argi]tus est ut annon[ae] quinque modi popu[lo da]rentur. Danach hat also das Gesetz der Konsuln des Jahres 681 (73) Marcus Terentius Lucullus und Gaius Cassius Varus, welches Cicero (Verr. 3, 70, 136; 5, 21, 52) erwähnt und auf das auch Sallust (hist. 3, 61, 19 Dietsch) sich bezieht, die fünf Scheffel nicht erst wiederhergestellt, sondern nur durch Regulierung der sizilischen Getreideankäufe die Kornspenden gesichert und vielleicht im einzelnen manches geändert. Daß das Sempronische Gesetz jedem in Rom domizilierenden Bürger gestattete, an den Getreidespenden teilzunehmen, steht fest. Allein die spätere Getreideverteilung hat diesen Umfang nicht gehabt; denn da das Monatkorn der römischen Bürgerschaft wenig mehr als 33000 Medimnen = 198000 röm. Scheffel betrug (Cic. Verr. 3, 30, 72), so empfingen damals nur etwa 40000 Bürger Getreide, während doch die Zahl der in der Hauptstadt domizilierenden Bürger sicher weit beträchtlicher war. Diese Einrichtung rührt wahrscheinlich aus dem Octavischen Gesetze her, das im Gegensatze zu der übertriebenen Sempronischen eine “mäßige, für den Staat erträgliche und für das gemeine Volk notwendige Spendung” (Cic. off. 2, 21, 72; Brut. 62, 222) einführte; und allem Anschein nach ist ebendies Gesetz die von Licinianus erwähnte lex frumentaria. Daß Lepidus sich auf einen solchen Ausgleichsvorschlag einließ, stimmt zu seinem Verhalten in Betreff der Restitution des Tribunats. Ebenso paßt es zu den Verhältnissen, daß die Demokratie durch die hiermit herbeigeführte Regulierung der Kornverteilung sich keineswegs befriedigt fand (Sallust a. a. O.).
Die Verlustsumme ist danach berechnet, daß das Getreide mindestens den doppelten Wert hatte; wenn die Piraterie oder andere Ursachen die Kornpreise in die Höhe trieben, mußte sich ein noch weit beträchtlicherer Schaden herausstellen.
^6 Aus den Trümmern des Licinianischen Berichts (p. 44 Bonn) geht auch dies hervor, daß der Beschluß des Senats: “uti Lepidus et Catulus decretis exercitibus maturrume proficiscerentur” (Sall. hist. 1, 14 Dietsch) - nicht von einer Entsendung der Konsuln vor Ablauf des Konsulats in ihre prokonsularischen Provinzen zu verstehen ist, wozu es auch an jedem Grunde gefehlt haben würde, sondern von der Sendung nach Etrurien gegen die aufständischen Faesulaner, ganz ähnlich wie im Catilinarischen Kriege der Konsul Gaius Antonius ebendorthin geschickt ward. Wenn Philippus bei Sallust (hist. 1, 84, 4) sagt daß Lepidus ob seditionem provinciam cum exercitu adeptus est so ist dies damit vollständig im Einklang; denn das außerordentliche konsularische Kommando in Etrurien ist ebensowohl eine provincia wie das ordentliche prokonsularische im Narbonensischen Gallien.
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