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^7 Vom Staat erhielt er für jeden Spieltag 1000 Denare (300 Taler) und außerdem die Besoldung für seine Truppe. In späteren Jahren wies er für sich das Honorar zurück.
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In der rezitativen Poesie scheint es an metrischen Chroniken nach dem Muster der Ennianischen nicht gefehlt zu haben; aber sie dürften ausreichend kritisiert sein durch jenes artige Mädchengelübde, von dem Catullus singt: der heiligen Venus, wenn sie den geliebten Mann von seiner bösen politischen Poesie ihr wieder zurück in die Arme führe, das schlechteste der schlechten Heldengedichte zum Brandopfer darzubringen. In der Tat ist auf dem ganzen Gebiet der rezitativen Dichtung in dieser Epoche die ältere nationalrömische Tendenz nur durch ein einziges namhaftes Werk vertreten, das aber auch zu den bedeutendsten dichterischen Erzeugnissen der römischen Literatur überhaupt gehört. Es ist das Lehrgedicht des Titus Lucretius Carus (655-699 99-55) ‘Vom Wesen der Dinge’, dessen Verfasser, den besten Kreisen der römischen Gesellschaft angehörig, vom öffentlichen Leben aber, sei es durch Kränklichkeit, sei es durch Abneigung ferngehalten, kurz vor dem Ausbruch des Bürgerkrieges im besten Mannesalter starb. Als Dichter knüpft er energisch an Ennius an und damit an die klassische griechische Literatur. Unwillig wendet er sich weg von dem “hohlen Hellenismus” seiner Zeit und bekennt sich mit ganzer Seele und vollem Herzen als den Schüler der “strengen Griechen”, wie denn selbst des Thukydides heiliger Ernst in einem der bekanntesten Abschnitte dieser römischen Dichtung keinen unwürdigen Widerhall gefunden hat. Wie Ennius bei Epicharmos und Euhemeros seine Weisheit schöpft, so entlehnt Lucretius die Form seiner Darstellung dem Empedokles, “dem herrlichsten Schatz des gabenreichen sizilischen Eilands”, und liest dem Stoffe nach “die goldenen Worte alle zusammen aus den Rollen des Epikuros”, “welcher die anderen Weisen überstrahlt, wie die Sonne die Sterne verdunkelt”. Wie Ennius verschmäht auch Lucretius die der Poesie von dem Alexandrinismus aufgelastete mythologische Gelehrsamkeit und fordert nichts von seinem Leser als die Kenntnis der allgemein geläufigen Sagen ^8. Dem modernen Purismus zum Trotz, der die Fremdwörter aus der Poesie auswies, setzt Lucretius, wie es Ennius getan, statt matten und undeutlichen Lateins lieber das bezeichnende griechische Wort. Die altrömische Alliteration, das Nichtineinandergreifen der Vers- und Satzeinschnitte und überhaupt die ältere Rede- und Dichtweise begegnen noch häufig in Lucretius’ Rhythmen, und obwohl er den Vers melodischer behandelt als Ennius, so wälzen sich doch seine Hexameter nicht wie die der modernen Dichterschule zierlich hüpfend gleich dem rieselnden Bache, sondern mit gewaltiger Langsamkeit gleich dem Strome flüssigen Goldes. Auch philosophisch und praktisch lehnt Lucretius durchaus an Ennius sich an, den einzigen einheimischen Dichter, den sein Gedicht feiert; das Glaubensbekenntnis des Sängers von Rudiae:
Himmelsgötter freilich gibt es, sagt’ ich sonst und sag’ ich noch,
Doch sie kümmern keinesweges, mein’ ich, sich um der Menschen Los
bezeichnet vollständig auch Lucretius’ religiösen Standpunkt und nicht mit Unrecht nennt er deshalb selbst sein Lied gleichsam die Fortsetzung dessen,
Das uns Ennius sang, der des unverwelklichen Lorbeers
Kranz zuerst mitbracht’ aus des Helikon lieblichem Haine,
Daß Italiens Völkern er strahl’ in glänzender Glorie.