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^10 “Freilich”, sagt Cicero (Tusc. 3, 19, 45) in Beziehung auf Ennius, “wird der herrliche Dichter von unseren Euphorionrezitierern verachtet.” “Ich bin glücklich angelangt”, schreibt derselbe an Atticus (7, 2 z. A.), “da uns von Epirus herüber der günstige Nordwind wehte. Diesen Spondaicus kannst du, wenn du Lust hast, einem von den Neumodischen als dein eigen verkaufen” (ita belle nobis flavit ab Epiro lenissumus Onchesmites. Hunc σποδειάζοντα si cui voles τών νεοτέρων pro tuo vendito).

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Von den beiden ersten, deren Schriften untergegangen sind, können wir dies freilich nur mutmaßen; über die Gedichte des Catullus steht auch uns noch ein Urteil zu. Auch er hängt in Stoff und Form ab von den Alexandrinern. Wir finden in seiner Sammlung Übersetzungen von Stücken des Kallimachos und nicht gerade von den recht guten, sondern von den recht schwierigen. Auch unter den Originalen begegnen gedrechselte Modepoesien, wie die überkünstlichen Galliamben zum Lobe der Phrygischen Mutter; und selbst das sonst so schöne Gedicht von der Hochzeit der Thetis ist durch die echt alexandrinische Einschachtelung der Ariadneklage in das Hauptgedicht künstlerisch verdorben. Aber neben diesen Schulstücken steht die melodische Klage der echten Elegie, steht das Festgedicht im vollen Schmuck individueller und fast dramatischer Durchführung, steht vor allem die solideste Kleinmalerei gebildeter Geselligkeit, die anmutigen sehr ungenierten Mädchenabenteuer, davon das halbe Vergnügen im Ausschwatzen und Poetisieren der Liebesgeheimnisse besteht, das liebe Leben der Jugend bei vollen Bechern und leeren Beuteln, die Reise- und die Dichterlust; die römische und öfter noch die veronesische Stadtanekdote und der launige Scherz in dem vertrauten Zirkel der Freunde. Jedoch nicht bloß in die Saiten greift des Dichters Apoll, sondern er führt auch den Bogen: der geflügelte Pfeil des Spottes verschont weder den langweiligen Versemacher noch den sprachverderbenden Provinzialen, aber keinen trifft er öfter und schärfer als die Gewaltigen, von denen der Freiheit des Volkes Gefahr droht. Die kurzzeiligen und kurzweiligen, oft von anmutigen Refrains belebten Maße sind von vollendeter Kunst und doch ohne die widerwärtige Glätte der Fabrik. Umeinander führen diese Gedichte in das Nil- und in das Potal; aber in dem letzteren ist der Dichter unvergleichlich besser zu Hause. Seine Dichtungen ruhen wohl auf der alexandrinischen Kunst, aber doch auch auf dem bürgerlichen, ja dem landstädtischen Selbstgefühl, auf dem Gegensatz von Verona zu Rom, auf dem Gegensatz des schlichten Munizipalen gegen die hochgeborenen, ihren geringen Freunden gewöhnlich übel mitspielenden Herren vom Senat, wie er in Catulls Heimat, dem blühenden und verhältnismäßig frischen Cisalpinischen Gallien, lebendiger noch als irgendwo anders empfunden werden mochte. In die schönsten seiner Lieder spielen die süßen Bilder vom Gardasee hinein und schwerlich hätte in dieser Zeit ein Hauptstädter ein Gedicht zu schreiben vermocht wie das tief empfundene auf des Bruders Tod oder das brave, echt bürgerliche Festlied zu der Hochzeit des Manlius und der Arunculeia. Catullus, obwohl abhängig von den alexandrinischen Meistern und mitten in der Mode- und Cliquendichtung jener Zeit stehend, war doch nicht bloß ein guter Schüler unter vielen mäßigen und schlechten, sondern seinen Meistern selbst um so viel überlegen, als der Bürger einer freien italischen Gemeinde mehr war als der kosmopolitische hellenische Literat. Eminente schöpferische Kraft und hohe poetische Intentionen darf man freilich bei ihm nicht suchen; er ist ein reichbegabter und anmutiger, aber kein großer Poet, und seine Gedichte sind, wie er selbst sie nennt, nichts als “Scherze und Torheiten”. Aber wenn nicht bloß die Zeitgenossen von diesen flüchtigen Liedchen elektrisiert wurden, sondern auch die Kunstkritiker der augustischen Zeit ihn neben Lucretius als den bedeutendsten Dichter dieser Epoche bezeichnen, so hatten die Zeitgenossen wie die Späteren vollkommen recht. Die lateinische Nation hat keinen zweiten Dichter hervorgebracht, in dem der künstlerische Gehalt und die künstlerische Form in so gleichmäßiger Vollendung wiedererscheinen wie bei Catullus; und in diesem Sinne ist Catullus’ Gedichtsammlung allerdings das Vollkommenste, was die lateinische Poesie überhaupt aufzuweisen vermag.

Es beginnt endlich in dieser Epoche die Dichtung in prosaischer Form. Das bisher unwandelbar festgehaltene Gesetz der echten, naiven wie bewußten, Kunst, daß der poetische Stoff und die metrische Fassung sich einander bedingen, weicht der Vermischung und Trübung aller Kunstgattungen und Kunstformen, welche zu den bezeichnendsten Zügen dieser Zeit gehört. Zwar von Romanen ist noch weiter nichts anzuführen, als daß der berühmteste Geschichtschreiber dieser Epoche, Sisenna, sich nicht für zu gut hielt, die viel gelesenen Milesischen Erzählungen des Aristeides, schlüpfrige Modenovellen der plattesten Sorte, ins Lateinische zu übersetzen. Eine originellere und erfreulichere Erscheinung auf diesem zweifelhaften poetisch-prosaischen Grenzgebiet sind die ästhetischen Schriften Varros, der nicht bloß der bedeutendste Vertreter der lateinischen philologisch-historischen Forschung, sondern auch in der schönen Literatur einer der fruchtbarsten und interessantesten Schriftsteller ist. Einem in der sabinischen Landschaft heimischen, dem römischen Senat seit zweihundert Jahren angehörigen Plebejergeschlechte entsprossen, streng in altertümlicher Zucht und Ehrbarkeit erzogen ^11 und bereits am Anfang dieser Epoche ein reifer Mann, gehörte Marcus Terentius Varro von Reate (638-727 116-27) politisch, wie sich von selbst versteht, der Verfassungspartei an und beteiligte sich ehrlich und energisch an ihrem Tun und Leiden. Er tat dies teils literarisch, indem er zum Beispiel die erste Koalition, das “dreiköpfige Ungeheuer” in Flugschriften bekämpfte, teils im ernsteren Kriege, wo wir ihn im Heere des Pompeius als Kommandanten des Jenseitigen Spaniens fanden. Als die Sache der Republik verloren war, ward Varro von seinem Überwinder zum Bibliothekar der neu zu schaffenden Bibliothek in der Hauptstadt bestimmt. Die Wirren der folgenden Zeit rissen den alten Mann noch einmal in ihren Strudel hinein, und erst siebzehn Jahre nach Caesars Tode, im neunundachtzigsten seines wohlausgefüllten Lebens rief der Tod ihn ab. Die ästhetischen Schriften, die ihm einen Namen gemacht haben, waren kürzere Aufsätze, teils einfach prosaische ernsteren Inhalts, teils launige Schilderungen, deren prosaisches Grundwerk vielfach eingelegte Poesien durchwirken. Jenes sind die ‘Philosophisch-historischen Abhandlungen’ (logistorici), dies die Menippischen Satiren. Beide schließen nicht an lateinische Vorbilder sich an, namentlich die Varronische Satura keineswegs an die Lucilische; wie denn überhaupt die römische Satura nicht eigentlich eine feste Kunstgattung, sondern nur negativ das bezeichnet, daß “das mannigfaltige Gedicht” zu keiner der anerkannten Kunstgattungen gezählt sein will und darum denn auch die Saturapoesie bei jedem begabten Poeten wieder einen andern und eigenartigen Charakter annimmt. Es war vielmehr die voralexandrinische griechische Philosophie, in der Varro die Muster für seine strengeren wie für seine leichteren ästhetischen Arbeiten fand: für die ernsteren Abhandlungen in den Dialogen des Herakleides von Herakleia am Schwarzen Meer († um 450 300), für die Satiren in den Schriften des Menippos von Gadara in Syrien (blüht um 475 280). Die Wahl war bezeichnend. Herakleides, als Schriftsteller angeregt durch Platons philosophische Gespräche, hatte über deren glänzende Form den wissenschaftlichen Inhalt gänzlich aus den Augen verloren und die poetisch-fabulistische Einkleidung zur Hauptsache gemacht; er war ein angenehmer und vielgelesener Autor, aber nichts weniger als ein Philosoph. Menippos war es ebensowenig, sondern der echteste literarische Vertreter derjenigen Philosophie, deren Weisheit darin besteht, die Philosophie zu leugnen und die Philosophen zu verhöhnen, der Hundeweisheit des Diogenes; ein lustiger Meister ernsthafter Weisheit, bewies er in Exempeln und Schnurren, daß außer dem rechtschaffenen Leben alles auf Erden und im Himmel eitel sei, nichts aber eitler als der Hader der sogenannten Weisen. Dies waren die rechten Muster für Varro, einen Mann voll altrömischen Unwillens über die erbärmliche Zeit und voll altrömischer Laune, dabei durchaus nicht ohne plastisches Talent, aber für alles, was nicht wie Bild und Tatsache aussah, sondern wie Begriff oder gar wie System, vollständig vernagelt und vielleicht den unphilosophischsten unter den unphilosophischen Römern ^12. Allein Varro war kein unfreier Schüler. Die Anregung und im allgemeinen die Form entlehnte er von Herakleides und Mennippos; aber er war eine zu individuelle und zu entschieden römische Natur, um nicht seine Nachschöpfungen wesentlich selbständig und national zu halten. Für seine ernsten Abhandlungen, in denen ein moralischer Satz oder sonst ein Gegenstand von allgemeinem Interesse behandelt ward, verschmähte er in der Fabulierung an die Milesischen Märchen zu streifen, wie Herakleides es getan, und so gar kinderhafte Geschichten wie die vom Abaris und von dem nach siebentägigem Tode wieder zum Leben erwachenden Mädchen dem Leser aufzutischen. Nur selten entnahm er die Einkleidung den edleren Mythen der Griechen, wie in dem Aufsatz ‘Orestes oder vom Wahnsinn’; regelmäßig gab ihm einen würdigeren Rahmen für seine Stoffe die Geschichte, namentlich die gleichzeitige vaterländische, wodurch diese Aufsätze zugleich, wie sie auch heißen, ‘Lobschriften’ wurden auf geachtete Römer, vor allem auf die Koryphäen der Verfassungspartei. So war die Abhandlung ‘Vom Frieden’ zugleich eine Denkschrift auf Metellus Pius, den letzten in der glänzenden Reihe der glücklichen Feldherrn des Senats; die ‘Von der Götterverehrung’ zugleich bestimmt, das Andenken an den hochgeachteten Optimaten und Pontifex Gaius Curio zu bewahren; der Aufsatz ‘Über das Schicksal’ knüpfte an Marius an, der ‘Über die Geschichtschreibung’ an den ersten Historiker dieser Epoche, Sisenna, der ‘Über die Anfänge der römischen Schaubühne’ an den fürstlichen Spielgeber Scaurus, der ‘Über die Zahlen’ an den feingebildeten römischen Bankier Atticus. Die beiden philosophisch-historischen Aufsätze ‘Laelius oder von der Freundschaft, ‘Cato oder vom Alter’, welche Cicero, wahrscheinlich nach dem Muster der Varronischen, schrieb, mögen von Varros halb lehrhafter, halb erzählender Behandlung dieser Stoffe ungefähr eine Vorstellung geben.

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^11 “Mir als Knaben”, sagt er irgendwo, “genügte ein einziger Flausrock und ein einziges Unterkleid, Schuhe ohne Strümpfe, ein Pferd ohne Sattel; ein warmes Bad hatte ich nicht täglich, ein Flußbad selten.” Wegen seiner persönlichen Tapferkeit erhielt er im Piratenkrieg, wo er eine Flottenabteilung führte, den Schiffskranz.

^12 Etwas Kindischeres gibt es kaum als Varros Schema der sämtlichen Philosophien, das erstlich alle nicht die Beglückung des Menschen als letztes Ziel aufstellenden Systeme kurzweg für nicht vorhanden erklärt und dann die Zahl der unter dieser Voraussetzung denkbaren Philosophien auf zweihundertachtundachtzig berechnet. Der tüchtige Mann war leider zu sehr Gelehrter um einzugestehen, daß er Philosoph weder sein könne noch sein möge, und hat deshalb als solcher zeit seines Lebens zwischen Stoa, Pythagoreismus und Diogenismus einen nicht schönen Eiertanz aufgeführt.

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Ebenso originell in Form und Inhalt ward von Varro die Menippische Satire behandelt; die dreiste Mischung von Prosa und Versen ist dem griechischen Original fremd und der ganze geistige Inhalt von römischer Eigentümlichkeit, man möchte sagen von sabinischem Erdgeschmack durchdrungen. Auch diese Satiren behandeln, wie die philosophisch-historischen Aufsätze, irgendein moralisches oder sonst für das größere Publikum geeignetes Thema, wie dies schon einzelne Titel zeigen: ‘Hercules’ Säulen oder vom Ruhm’; ‘Der Topf findet den Deckel oder von den Pflichten des Ehemanns’; ‘Der Nachttopf hat sein Maß oder vom Zechen’; ‘Papperlapapp oder von der Lobrede’. Die plastische Einkleidung, die auch hier nicht fehlen durfte, ist natürlich der vaterländischen Geschichte nur selten entlehnt, wie in der Satire ‘Serranus oder von den Wahlen’. Dagegen spielt die Diogenische Hundewelt wie billig eine große Rolle: es begegnen der Hund Gelehrter, der Hund Rhetor, der Ritter-Hund, der Wassertrinker-Hund, der Hundekatechismus und dergleichen mehr. Ferner wird die Mythologie zu komischen Zwecken in Kontribution gesetzt: wir finden einen ‘Befreiten Prometheus’, einen ‘Strohernen Aias’, einen ‘Herkules Sokratiker’, einen ‘Anderthalb Odysseus’, der nicht bloß zehn, sondern fünfzehn Jahre in Irrfahrten sich umhergetrieben hat. Der dramatisch-novellistische Rahmen schimmert in einzelnen Stücken, zum Beispiel im ‘Befreiten Prometheus’, in dem ‘Mann von sechzig Jahren’, im ‘Frühauf’ noch aus den Trümmern hervor; es scheint, daß Varro die Fabel häufig, vielleicht regelmäßig als eigenes Erlebnis erzählte, wie zum Beispiel im ‘Frühauf’ die handelnden Personen zum Varro hingehen und ihm Vortrag halten, “da er als Büchermacher ihnen bekannt war”. Über den poetischen Wert dieser Einkleidung ist uns ein sicheres Urteil nicht mehr gestattet; einzeln begegnen noch in unseren Trümmern allerliebste Schilderungen voll Witz und Lebendigkeit - so eröffnet im ‘Befreiten Prometheus’ der Heros nach Lösung seiner Fesseln eine Menschenfabrik, in welcher Goldschuh, der Reiche, sich ein Mädchen bestellt von Milch und feinstem Wachs, wie es die milesischen Bienen aus mannigfachen Blüten sammeln, ein Mädchen ohne Knochen und Sehnen, ohne Haut und Haar, rein und fein, schlank, glatt, zart, allerliebst. Der Lebensatem dieser Dichtung ist die Polemik - nicht so sehr die politische der Partei, wie Lucilius und Catullus sie übten, sondern die allgemeine sittliche des strengen Alten gegen die zügellose und verkehrte Jugend, des in seinen Klassikern lebenden Gelehrten gegen die lockere und schofle oder doch ihrer Tendenz nach verwerfliche moderne Poesie ^13, des guten Bürgers von altem Schlag gegen das neue Rom, in dem der Markt, mit Varro zu reden, ein Schweinestall ist und Numa, wenn er auf seine Stadt den Blick wendet, keine Spur seiner weisen Satzungen mehr gewahrt. Varro tat in dem Verfassungskampf, was ihm Bürgerpflicht schien; aber sein Herz war bei diesem Parteitreiben nicht - “warum”, klagt er einmal, “riefet ihr mich aus meinem reinen Leben in den Rathausschmutz?” Er gehörte der guten alten Zeit an, wo die Rede nach Zwiebeln und Knoblauch duftete, aber das Herz gesund war. Nur eine einzelne Seite dieser altväterischen Opposition gegen den Geist der neuen Zeit ist die Polemik gegen die Erbfeinde des echten Römertums, die griechischen Weltweisen; aber es lag sowohl im Wesen der Hundephilosophie als in Varros Naturell, daß die menippische Geißel ganz besonders den Philosophen um die Ohren schwirrte und sie denn auch in angemessene Angst versetzte - nicht ohne Herzklopfen übersandten die philosophischen Skribenten der Zeit dem “scharfen Mann” ihre neu erschienenen Traktate. Das Philosophieren ist wahrlich keine Kunst. Mit dem zehnten Teil der Mühe, womit der Herr den Sklaven zum Kunstbäcker erzieht, bildet er selbst sich zum Philosophen; freilich, wenn dann der Bäcker und der Philosoph beide unter den Hammer kommen, geht der Kuchenkünstler hundertmal teurer weg als der Weltweise. Sonderbare Leute, diese Philosophen! Der eine befiehlt, die Leichen in Honig beizusetzen - ein Glück, daß man ihm nicht den Willen tut, wo bliebe sonst der Honigwein? Der andere meint, daß die Menschen wie die Kresse aus der Erde gewachsen sind. Der dritte hat einen Weltbohrer erfunden, durch den die Erde einst untergehen wird.