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^13 “Willst du etwa”, schreibt er einmal, “die Redefiguren und Verse des Quintussklaven Clodius abgurgeln und ausrufen: O Geschick! o Schicksalsgeschick!” Anderswo: “Da der Quintussklave Clodius eine solche Anzahl von Komödien ohne irgendeine Muse gemacht hat, sollte ich da nicht einmal ein einziges Büchlein mit Ennius zu reden ‘fabrizieren’ können?” Dieser sonst nicht bekannte Clodius muß wohl ein schlechter Nachahmer des Terenz gewesen sein, da zumal jene ihm spöttisch heimgegebenen Worte: “O Geschick! o Schicksalsgeschick!” in einem Terenzischen Lustspiel sich wiederfinden. Die folgende Selbstvorstellung eines Poeten in Varros ‘Esel beim Lautenspiel’:

Schüler mich heißt man Pacuvs; er dann war des Ennius Schüler,

Dieser der Musen; ich selbst nenne Pompilius mich

könnte füglich die Einleitung des Lucretius parodieren, dem Varro schon als abgesagter Feind des epikurischen Systems nicht geneigt gewesen sein kann und den er nie anführt.

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Gewiß, niemals hat ein Kranker etwas je geträumt

So toll, was nicht gelehrt schon hätte ein Philosoph.

Es ist spaßhaft anzusehen, wie so ein Langbart- der etymologisierende Stoiker ist gemeint - ein jedes Wort bedächtig auf der Goldwaage wägt; aber nichts geht doch über den echten Philosophenzank - ein stoischer Faustkampf übertrifft weit jede Athletenbalgerei. In der Satire ‘Die Marcusstadt oder vom Regimente’, wo Marcus sich ein Wolkenkuckucksheim nach seinem Herzen schuf, erging es, ebenwie in dem attischen, dem Bauern gut, dem Philosophen aber übel; der Schnell-durch-ein-Glied-Beweis (Celer-δι΄-ενός-λήμματος-λόγος), Antipatros, des Stoikers Sohn, schlägt darin seinem Gegner, offenbar dem philosophischen Zweiglied (Dilemma), mit der Feldhacke den Schädel ein. Mit dieser sittlich polemischen Tendenz und diesem Talent, einen kaustischen und pittoresken Ausdruck für sie zu finden, das, wie die dialogische Einkleidung der im achtzigsten Jahre geschriebenen Bücher vom Landbau beweist, bis in das höchste Alter ihn nicht verließ, vereinigte sich auf das glücklichste Varros unvergleichliche Kunde der nationalen Sitte und Sprache, die in den philologischen Schriften seines Greisenalters kollektaneenartig, hier aber in ihrer ganzen unmittelbaren Fülle und Frische sich entfaltet. Varro war im besten und vollsten Sinne des Wortes ein Lokalgelehrter, der seine Nation in ihrer ehemaligen Eigentümlichkeit und Abgeschlossenheit wie in ihrer modernen Verschliffenheit und Zerstreuung aus vieljähriger eigener Anschauung kannte und seine unmittelbare Kenntnis der Landessitte und Landessprache durch die umfassendste Durchforschung der geschichtlichen und literarischen Archive ergänzt und vertieft hatte. Was insofern an verstandesmäßiger Auffassung und Gelehrsamkeit in unserem Sinn ihm abging, das gewann die Anschauung und die in ihm lebendige Poesie. Er haschte weder nach antiquarischen Notizen noch nach seltenen veralteten oder poetischen Wörtern ^14; aber er selbst war ein alter und altfränkischer Mann und beinah ein Bauer, die Klassiker seiner Nation ihm liebe, langgewohnte Genossen; wie konnte es fehlen, daß von der Sitte der Väter, die er über alles liebte und vor allen kannte, gar vielerlei in seinen Schriften erzählt ward, und daß seine Rede überfloß von sprichwörtlichen griechischen und lateinischen Wendungen, von guten alten, in der sabinischen Umgangssprache bewahrten Wörtern, von Ennianischen, Lucilischen, vor allem Plautinischen Reminiszenzen? Den Prosastil dieser ästhetischen Schriften aus Varros früherer Zeit darf man sich nicht vorstellen nach dem seines im hohen Alter geschriebenen und wahrscheinlich im unfertigen Zustand veröffentlichten sprachwissenschaftlichen Werkes, wo allerdings die Satzglieder am Faden der Relative aufgereiht werden wie die Drosseln an der Schnur; daß aber Varro grundsätzlich die strenge Stilisierung und die attische Periodisierung verwarf, wurde früher schon bemerkt, und seine ästhetischen Aufsätze waren zwar ohne den gemeinen Schwulst und die falschen Flitter des Vulgarismus, aber in mehr lebendig gefügten als wohl gegliederten Sätzen unklassisch und selbst schluderig geschrieben. Die eingelegten Poesien dagegen bewiesen nicht bloß, daß ihr Urheber die mannigfaltigsten Maße meisterlich wie nur einer der Modepoeten zu bilden verstand, sondern auch, daß er ein Recht hatte, denen sich zuzuzählen, welchen ein Gott es vergönnt hat, “die Sorgen aus dem Herzen zu bannen durch das Lied und die heilige Dichtkunst” ^15. Schule machte die Varronische Skizze so wenig wie das Lucretische Lehrgedicht; zu den allgemeineren Ursachen kam hier noch hinzu das durchaus individuelle Gepräge derselben, welches unzertrennlich war von dem höheren Alter, der Bauernhaftigkeit und selbst von der eigenartigen Gelehrsamkeit ihres Verfassers. Aber die Anmut und Laune vor allem der menippischen Satiren, welche an Zahl wie an Bedeutung Varros ernsteren Arbeiten weit überlegen gewesen zu sein scheinen, fesselte die Zeitgenossen sowohl wie diejenigen Späteren, die für Originalität und Volkstümlichkeit Sinn hatten; und auch wir noch, denen es nicht mehr vergönnt ist, sie zu lesen, mögen aus den erhaltenen Bruchstücken einigermaßen es nachempfinden, daß der Schreiber “es verstand, zu lachen und mit Maß zu scherzen”. Und schon als der letzte Hauch des scheidenden guten Geistes der alten Bürgerzeit, als der jüngste grüne Sproß, den die volkstümliche lateinische Poesie getrieben hat, verdienten es Varros Satiren, daß der Dichter in seinem poetischen Testament diese seine menippischen Kinder jedem empfahl,

Dem da Romas liegt und Latiums Blühen am Herzen,