Schon die Sendung des Appius Claudius hatte neben der Aufgabe, den Krieg diplomatisch zu motivieren, den Zweck gehabt, die Fürsten und Städte zunächst Syriens gegen den Großkönig unter die Waffen zu bringen; im Frühling 685 (69) erfolgte der förmliche Angriff. Während des Winters hatte der König von Kappadokien im stillen für Transportschiffe gesorgt; auf diesen ward der Euphrat bei Melitene überschritten und der Marsch dann weiter über die Tauruspässe auf den Tigris gerichtet. Auch diesen überschritt Lucullus in der Gegend von Amida (Diarbekr) und rückte weiter vor auf die Straße zu, welche die an der südlichen Grenze Armeniens neu gegründete zweite Hauptstadt Tigranokerta ^3 mit der alten Metropole Artaxata verband. Bei jener stand der Großkönig, kurz zuvor aus Syrien zurückgekommen, nachdem er die Verfolgung seiner Eroberungspläne am Mittelmeer wegen der Verwicklung mit den Römern vorläufig vertagt hatte. Eben entwarf er einen Einfall in das römische Kleinasien von Kilikien und Lykaonien aus und überlegte bei sich, ob die Römer Asien sofort räumen oder vorher noch, etwa bei Ephesos, sich ihm zur Schlacht stellen würden, als ihm die Nachricht von dem Anmarsche Luculls gebracht ward, welcher ihn von der Verbindung mit Artaxata abzuschneiden drohte. Er ließ den Boten aufknüpfen, aber die lästige Wirklichkeit blieb wie sie war; so verließ er denn die neue Hauptstadt und begab sich in das innere Armenien, um dort, was bis jetzt nicht geschehen war, gegen die Römer zu rüsten. Inzwischen sollte Mithrobarzanes mit den eben zur Verfügung stehenden Truppen in Verbindung mit den schleunigst aufgebotenen benachbarten Beduinenstämmen die Römer beschäftigen. Allein das Korps des Mithrobarzanes ward schon von dem römischen Vortrab, die Araber von einem Detachement unter Sextilius zersprengt; Lucullus gewann die von Tigranokerta nach Artaxata führende Straße, und während auf dem rechten Tigrisufer ein römisches Detachement den nordwärts abziehenden Großkönig verfolgte, ging er selbst auf das linke über und rückte vor Tigranokerta. Der nie versiegende Pfeilregen, mit dem die Besatzung das römische Heer überschüttete, und die Anzündung der Belagerungsmaschinen durch Naphtha weihten hier die Römer ein in die neuen Gefahren der iranischen Kriege, und der tapfere Kommandant Mankäos behauptete die Stadt, bis endlich die große königliche Entsatzarmee aus allen Teilen des weiten Reiches und den angrenzenden, den armenischen Werbern offenstehenden Landschaften versammelt und durch die nordöstlichen Pässe zum Entsatz der Hauptstadt herangerückt war. Der in den Kriegen Mithradats erprobte Führer Taxiles riet, die Schlacht zu vermeiden und die kleine römische Schar durch die Reiterei zu umstellen und auszuhungern. Allein als der König den römischen Feldherrn, der sich entschieden hatte, die Schlacht zu liefern, ohne darum die Belagerung aufzuheben, mit nicht viel mehr als 10000 Mann gegen die zwanzigfache Übermacht ausrücken und keck das Gewässer überschreiten sah, das beide Heere trennte; als er auf der einen Seite diese kleine Schar überblickte, “zur Gesandtschaft zu viel, zum Heere zu wenig”, auf der andern seine ungeheuren Heerhaufen, in denen die Völker vom Schwarzen und vom Kaspischen mit denen vom Mittelmeer und vom Persischen Golf sich begegneten, deren gefürchtete eisenbedeckte Lanzenreiter allein zahlreicher waren als Lucullus’ ganzes Heer und in denen es auch an römisch gerüstetem Fußvolk nicht mangelte: da entschloß er sich, die vom Feinde begehrte Schlacht ungesäumt anzunehmen. Während aber die Armenier noch sich dazu ordneten, erkannte Lucullus’ scharfes Auge, daß sie es versäumt hatten, eine Höhe zu besetzen, die ihre ganze Reiterstellung beherrschte: er eilte sie mit zwei Kohorten einzunehmen, indem zugleich seine schwache Reiterei durch einen Flankenangriff die Aufmerksamkeit der Feinde von dieser Bewegung ablenkte, und sowie er oben angekommen war, führte er seinen kleinen Haufen der feindlichen Reiterei in den Rücken. Sie ward gänzlich zersprengt und warf sich auf die noch nicht völlig geordnete Infanterie, die davonlief, ohne auch nur zum Schlagen zu kommen. Das Bulletin des Siegers, daß 100000 Armenier und 5 Römer gefallen seien und der König Turban und Stirnbinde von sich werfend unerkannt mit wenigen Reitern davongesprengt sei, ist im Stile seines Meisters Sulla abgefaßt; allein nichtdestoweniger bleibt der am 6. Oktober 685 (69) vor Tigranokerta erfochtene Sieg einer der glänzendsten Sterne in der ruhmreichen Kriegsgeschichte Roms; und er war nicht minder erfolgreich als glänzend. Alle südlich vom Tigris den Parthern oder den Syrern entrissenen Landschaften waren damit strategisch den Armeniern verloren und gingen größtenteils ohne weiteres über in den Besitz des Siegers. Die neu erbaute zweite Hauptstadt selber machte den Anfang. Die in ihr sehr zahlreichen griechischen Zwangsansiedler empörten sich gegen die Besatzung und öffneten dem römischen Heere die Pforten der Stadt, die den Soldaten zur Plünderung preisgegeben ward. Sie war geschaffen für das neue Großreich und ward wie dieses von dem Sieger vertilgt. Aus Kilikien und Syrien hatte der armenische Satrap Magadates bereits alle Truppen herausgezogen, um die Entsatzarmee vor Tigranokerta zu verstärken. Lucullus rückte in die nördlichste Landschaft Syriens Kommagene ein und erstürmte die Hauptstadt Samosata; bis in das eigentliche Syrien kam er nicht, doch langten von den Dynasten und Gemeinden bis zum Roten Meere hinab, von Hellenen, Syrern, Juden, Arabern, Gesandte an, um den Römern als den neuen Oberherren zu huldigen. Selbst der Fürst von Corduene, der östlich von Tigranokerta gelegenen Landschaft, unterwarf sich; wogegen freilich in Nisibis und damit in Mesopotamien der Bruder des Großkönigs Guras sich behauptete. Durchaus trat Lucullus auf als Schirmherr der hellenischen Fürsten und Bürgerschaften; in Kommagene setzte er einen Prinzen des seleukidischen Hauses, Antiochos, auf den Thron; Antiochos den Asiaten, der nach dem Abzug der Armenier nach Antiocheia zurückgekehrt war, erkannte er an als König von Syrien; die gezwungenen Ansiedler von Tigranokerta entließ er wieder in ihre Heimatorte. Die unermeßlichen Vorräte und Schätze des Großkönigs - an Getreide wurden 30 Millionen Medimnen, an Geld allein in Tigranokerta 8000 Talente (12½ Mill. Taler) erbeutet - machten es Lucullus möglich, die Kosten des Krieges zu bestreiten, ohne die Staatskasse in Anspruch zu nehmen, und jedem seiner Soldaten außer reichlichster Verpflegung noch eine Verehrung von 800 Denaren (240 Taler) zu machen.

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^3 Daß Tigranokerta in der Gegend von Mardin etwa zwei Tagemärsche westlich von Nisibis gelegen hat, hat die von K. E. Sachau (Über die Lage von Tigranokerta, Abh. der Berliner Akademie, 1880) an Ort und Stelle angestellte Untersuchung erwiesen, wenn auch die von Sachau vorgeschlagene genauere Fixierung der Örtlichkeit nicht außer Zweifel ist. Dagegen steht seiner Auseinandersetzung über den Feldzug Luculls das Bedenken entgegen, daß auf der dabei angenommenen Route von einer Überschreitung des Tigris in der Tat nicht die Rede sein kann.

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Der Großkönig war tief gedemütigt. Er war ein schwächlicher Charakter, übermütig im Glück, im Unglück verzagt; wahrscheinlich würde zwischen ihm und Lucullus ein Abkommen zustande gekommen sein, das der Großkönig mit ansehnlichen Opfern zu erkaufen, der römische Feldherr unter leidlichen Bedingungen zu gewähren beide alle Ursache hatten, wenn der alte Mithradates nicht gewesen wäre. Dieser hatte nicht teilgenommen an den Kämpfen um Tigranokerta. Durch die zwischen dem Großkönig und den Römern eingetretene Spannung nach zwanzigmonatlicher Haft um die Mitte des Jahres 684 (70) befreit, war er mit 10000 armenischen Reitern in sein ehemaliges Reich abgesandt worden, um die Kommunikationen des Feindes zu bedrohen. Zurückgerufen, noch ehe er hier etwas ausrichten konnte, als der Großkönig seine gesamte Macht aufbot, um die von ihm erbaute Hauptstadt zu entsetzen, kamen bei seinem Eintreffen vor Tigranokerta ihm schon die vom Schlachtfeld flüchtenden Haufen entgegen. Vom Großkönig bis zum gemeinen Soldaten schien allen alles verloren. Wenn aber Tigranes jetzt Frieden machte, so schwand für Mithradates nicht bloß die letzte Möglichkeit der Wiedereinsetzung in sein Reich, sondern seine Auslieferung war ohne Zweifel die erste Bedingung des Friedens; und sicher würde Tigranes gegen ihn nicht anders gehandelt haben als Bocchus einst gegen Jugurtha. Seine ganze Persönlichkeit setzte darum der König ein, um diese Wendung zu verhindern und den armenischen Hof zur Fortführung des Krieges zu bestimmen, bei der er nichts zu verlieren und alles zu gewinnen hatte; und flüchtig und entthront wie Mithradates war, war sein Einfluß an diesem Hofe nicht gering. Noch war er ein stattlicher und gewaltiger Mann, der, obwohl schon über sechzig Jahre alt, sich in voller Rüstung auf das Pferd schwang und im Handgemenge gleich dem Besten seinen Mann stand. Seinen Geist schienen die Jahre und die Schicksale gestählt zu haben: während er in früheren Zeiten seine Heerführer aussandte und selbst an dem Kriege nicht unmittelbar teilnahm, finden wir fortan als Greis ihn in der Schlacht selber befehligen und selber fechten. Ihm, der während seines fünfzigjährigen Regiments so viele unerhörte Glückswechsel erlebt hatte, schien die Sache des Großkönigs durch die Niederlage von Tigranokerta noch keineswegs verloren, vielmehr Lucullus’ Stellung sehr schwierig und, wenn es jetzt nicht zum Frieden kam und der Krieg in zweckmäßiger Weise fortgeführt ward, sogar in hohem Maße bedenklich. Der vielerfahrene Greis, der fast wie ein Vater dem Großkönig gegenüberstand und jetzt persönlich auf denselben zu wirken vermochte, bezwang den schwachen Mann durch seine Energie und bestimmte ihn, nicht nur sich für die Fortsetzung des Krieges zu entscheiden, sondern auch ihn selber mit dessen politischer und militärischer Leitung zu betrauen. Aus einem Kabinettskrieg sollte der König jetzt ein national asiatischer werden, die Könige und die Völker Asiens sich vereinigen gegen die übermächtigen und übermütigen Okzidentalen. Es wurden die größten Anstrengungen gemacht, die Armenier und die Parther miteinander zu versöhnen und sie zum gemeinschaftlichen Kampfe gegen Rom zu bestimmen. Auf Mithradates’ Betrieb erbot sich Tigranes, dem Arsakiden Phraates, dem Gott (regierte seit 684 70), die von den Armeniern eroberten Landschaften Mesopotamien, Adiabene, die “großen Täler”, zurückzugeben und mit ihm Freundschaft und Bündnis zu machen. Allein nach allem, was vorhergegangen war, konnte dieses Anerbieten kaum auf eine günstige Aufnahme rechnen; Phraates zog es vor, die Euphratgrenze durch einen Vertrag nicht mit den Armeniern, sondern mit den Römern sich zu sichern und zuzusehen, wie sich der verhaßte Nachbar und der unbequeme Fremdling untereinander aufrieben. Mit größerem Erfolg als an die Könige wandte Mithradates sich an die Völker des Ostens. Es hielt nicht schwer, den Krieg darzustellen als einen nationalen des Orients gegen den Okzident, denn er war es; gar wohl konnte er auch zum Religionskrieg gemacht und die Rede verbreitet werden, daß das Ziel des Lucullischen Heeres der Tempel der persischen Nanäa oder Anaitis in Elymais oder dem heutigen Luristan sei, das gefeiertste und das reichste Heiligtum der ganzen Euphratlandschaft ^4. Scharenweise drängten sich von nah und fern die Asiaten unter die Banner der Könige, welche sie aufriefen, den Osten und seine Götter vor den gottlosen Fremdlingen zu schirmen. Allein die Tatsachen hatten gezeigt, daß das bloße Zusammentreiben ungeheurer Heerhaufen nicht allein fruchtlos war, sondern durch die Einfügung in dieselben selbst die wirklich marschier- und schlagfähigen Scharen unbrauchbar gemacht und in das allgemeine Verderben mitverwickelt wurden. Mithradates suchte vor allem die Waffe auszubilden, die zugleich die schwächste der Okzidentalen und die stärkste der Asiaten war, die Reiterei: in der von ihm neugebildeten Armee war die Hälfte der Mannschaft beritten. Für den Dienst zu Fuß las er aus der Masse der aufgebotenen oder freiwillig sich meldenden Rekruten die dienstfähigen Leute sorgfältig aus und ließ diese durch seine pontischen Offiziere dressieren. Das ansehnliche Heer, das bald wieder unter den Fahnen des Großkönigs zusammenstand, war aber nicht bestimmt, auf der ersten Walstatt mit den römischen Veteranen sich zu messen, sondern sich auf die Verteidigung und auf den kleinen Krieg zu beschränken. Schon den letzten Krieg in seinem Reiche hatte Mithradates stetig zurückweichend und die Schlacht vermeidend geführt; auch diesmal wurde eine ähnliche Taktik angenommen und zum Kriegsschauplatz das eigentliche Armenien bestimmt, das vom Feinde noch vollkommen unberührte Erbland des Tigranes, durch seine physische Beschaffenheit ebenso wie durch den Patriotismus seiner Bewohner vortrefflich für diese Kriegsweise geeignet.

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^4 Cicero (imp. Cn. Pomp. 9, 23) meint schwerlich einen anderen als einen der reichen Tempel der Landschaft Elymais, wohin die Raubzüge der syrischen wie der parthischen Könige regelmäßig sich richteten (Strab. 16, 744; Polyb. 31, 11; 1. Makk. 6 u. a. m.), und wahrscheinlich diesen als den bekanntesten; auf keinen Fall darf an den Tempel von Komana oder überhaupt irgendein Heiligtum im Pontischen Reiche gedacht werden.

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Das Jahr 686 (68) fand Lucullus in einer schwierigen und täglich bedenklicher sich gestaltenden Lage. Trotz seiner glänzenden Siege war man in Rom durchaus nicht mit ihm zufrieden. Der Senat empfand die Eigenmächtigkeit seines Verfahrens; die von ihm empfindlich verletzte Kapitalistenpartei setzte alle Mittel der Intrige und Bestechung in Bewegung, um seine Abberufung durchzusetzen. Täglich erscholl der Markt der Hauptstadt von gerechten und ungerechten Beschwerden über den tollkühnen, den habsüchtigen, den unrömischen, den hochverräterischen Feldherrn. Den Klagen über die Vereinigung einer so grenzenlosen Macht, zweier ordentlicher Statthalterschaften und eines wichtigen außerordentlichen Kommandos, in der Hand eines solchen Mannes gab auch der Senat insoweit nach, daß er die Provinz Asia einem der Prätoren, die Provinz Kilikien nebst drei neu ausgehobenen Legionen dem Konsul Quintus Marcius Rex bestimmte, und den Feldherrn auf das Kommando gegen Mithradates und Tigranes beschränkte.

Diese in Rom gegen den Feldherrn sich erhebenden Anklagen fanden einen gefährlichen Widerhall in den Quartieren am Iris und am Tigris: um so mehr, als einzelne Offiziere, darunter der eigene Schwager des Feldherrn, Publius Clodius, in diesem Sinne die Soldaten bearbeiteten. Das ohne Zweifel von diesen in Umlauf gesetzte Gerücht, daß Lucullus jetzt mit dem Pontisch-Armenischen Krieg noch eine Expedition gegen die Parther zu verbinden gedenke, nährte die Erbitterung der Truppen. Während aber also die schwierige Stimmung der Regierung wie der Soldaten den siegreichen Feldherrn mit Abberufung und Meuterei bedrohte, fuhr er selber fort, dem verzweifelten Spieler gleich, seinen Einsatz und sein Wagen zu steigern. Zwar gegen die Parther zog er nicht; aber als Tigranes sich weder bereit zeigte, Frieden zu machen, noch, wie Lucullus es wünschte, eine zweite Hauptschlacht zu bestehen, entschloß sich Lucullus von Tigranokerta durch die schwierige Berglandschaft am östlichen Ufer des Wansees in das Tal des östlichen Euphrat (oder des Arsanias, jetzt Murad Tschai) und aus diesem in das des Araxes vorzudringen, wo, am nördlichen Abhang des Ararat, die Hauptstadt des eigentlichen Armeniens Artaxata mit dem Erbschloß und dem Harem des Königs lag. Er hoffte den König durch die Bedrohung seiner angestammten Residenz entweder unterwegs oder mindestens doch vor Artaxata zum Schlagen zu zwingen. Unumgänglich notwendig war es freilich, bei Tigranokerta eine Abteilung zurückzulassen; und da das Marschheer unmöglich noch weiter vermindert werden konnte, so blieb nichts übrig als die Stellung im Pontos zu schwächen und von dort Truppen nach Tigranokerta zu berufen. Die Hauptschwierigkeit aber war die für militärische Unternehmungen so unbequeme Kürze des armenischen Sommers. Auf der armenischen Hochebene, die 5000 Fuß und mehr über der Meeresfläche liegt, sproßt bei Erzerum das Korn erst Anfang Juni, und mit der Ernte im September stellt auch schon der Winter sich ein; in höchstens vier Monaten mußte Artaxata erreicht und die Kampagne beendigt sein.