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Weniger läßt es sich rechtfertigen, daß der Senat es unterließ, in die kleinasiatischen und syrischen Angelegenheiten unmittelbar einzugreifen. Die römische Regierung erkannte zwar den armenischen Eroberer nicht als König von Kappadokien und Syrien an; aber sie tat doch auch nichts, um ihn zurückzudrängen, wie nahe immer der Krieg, den sie 676 (78) notgedrungen in Kilikien gegen die Piraten begann, ihr namentlich das Einschreiten in Syrien legte. In der Tat gab sie, indem sie den Verlust Kappadokiens und Syriens ohne Kriegserklärung hinnahm, damit nicht bloß ihre Schutzbefohlenen, sondern die wichtigsten Grundlagen ihrer eigenen Machtstellung preis. Es war schon bedenklich, wenn sie in den griechischen Ansiedlungen und Reichen am Euphrat und Tigris die Vorwerke ihrer Herrschaft opferte; aber wenn sie die Asiaten am Mittelmeer sich festsetzen ließ, welches die politische Basis ihres Reiches war, so war dies nicht ein Beweis von Friedensliebe, sondern das Bekenntnis, daß die Oligarchie durch die Sullanische Restauration wohl oligarchischer, aber weder klüger noch energischer geworden war, und für die römische Weltmacht der Anfang des Endes.
Auch auf der andern Seite wollte man den Krieg nicht. Tigranes hatte keine Ursache, ihn zu wünschen, wenn Rom ihm auch ohne Krieg all seine Bundesgenossen preisgab. Mithradates, der denn doch nicht bloß Sultan war und Gelegenheit genug gehabt hatte, im Glück und Unglück Erfahrungen über Freunde und Feinde zu machen, wußte sehr wohl, daß er in einem zweiten römischen Krieg sehr wahrscheinlich ebenso allein stehen würde wie in dem ersten und daß er nichts Klügeres tun konnte, als sich ruhig zu verhalten und sein Reich im Innern zu stärken. Daß es ihm mit seinen friedlichen Erklärungen Ernst war, hatte er in dem Zusammentreffen mit Murena hinreichend bewiesen; er fuhr fort, alles zu vermeiden, was dazu führen mußte, die römische Regierung aus ihrer Passivität herauszudrängen.
Allein wie schon der Erste Mithradatische Krieg sich entsponnen hatte, ohne daß eine der Parteien ihn eigentlich wünschte, so entwickelte auch jetzt aus den entgegengesetzten Interessen sich gegenseitiger Argwohn, aus diesem gegenseitige Verteidigungsanstalten, und es führten diese endlich durch ihr eigenes Schwergewicht zum offenen Bruch. Das seit langem die römische Politik beherrschende Mißtrauen in die eigene Schlagfertigkeit und Kampfbereitschaft, welches bei dem Mangel stehender Armeen und dem wenig musterhaften kollegialischen Regiment wohl erklärlich ist, machte es gleichsam zu einem Axiom der römischen Politik, jeden Krieg nicht bloß bis zur Überwältigung, sondern bis zur Vernichtung des Gegners zu führen; man war insofern mit dem Frieden Sullas von Haus aus in Rom so wenig zufrieden wie einst mit den Bedingungen, die Scipio Africanus den Karthagern gewährt hatte. Die vielfach geäußerte Besorgnis, daß ein zweiter Angriff des pontischen Königs bevorstehe, ward einigermaßen gerechtfertigt durch die ungemeine Ähnlichkeit der gegenwärtigen Verhältnisse mit denen vor zwölf Jahren. Wieder traf ein gefährlicher Bürgerkrieg zusammen mit ernstlichen Rüstungen Mithradats; wieder überschwemmten die Thraker Makedonien und bedeckten die Korsarenflotten das ganze Mittelmeer; wieder kamen und gingen die Emissäre, wie einst zwischen Mithradates und den Italikern, so jetzt zwischen den römischen Emigranten in Spanien und denen am Hofe von Sinope. Schon im Anfang des Jahres 677 (77) ward es im Senat ausgesprochen, daß der König nur auf die Gelegenheit warte, während des italischen Bürgerkriegs über das römische Asien herzufallen; die römischen Armeen in Asia und Kilikien wurden verstärkt, um möglichen Ereignissen zu begegnen.
Andererseits verfolgte auch Mithradates mit steigender Besorgnis die Entwicklung der römischen Politik. Er mußte es fühlen, daß ein Krieg der Römer gegen Tigranes, wie sehr auch der schwächliche Senat davor sich scheute, doch auf die Länge kaum vermeidlich sei und er nicht umhin können werde, sich an demselben zu beteiligen. Der Versuch, das immer noch mangelnde schriftliche Friedensinstrument von dem römischen Senat zu erlangen, war in die Wirren der Lepidianischen Revolution gefallen und ohne Erfolg geblieben; Mithradates fand darin ein Anzeichen der bevorstehenden Erneuerung des Kampfes. Die Einleitung dazu schien die Expedition gegen die Seeräuber, die mittelbar doch auch die Könige des Ostens traf, deren Verbündete sie waren. Noch bedenklicher waren die schwebenden Ansprüche Roms auf Ägypten und Kypros; es ist bezeichnend, daß der pontische König den beiden Ptolemäern, denen der Senat fortfuhr, die Anerkennung zu weigern, seine beiden Töchter Mithradatis und Nyssa verlobte. Die Emigranten drängten zum Losschlagen; Sertorius’ Stellung in Spanien, die zu erkunden Mithradates unter passenden Vorwänden Boten in das Pompeianische Hauptquartier abordnete, und die in der Tat eben um diese Zeit imposant war, eröffnete dem König die Aussicht, nicht wie in dem ersten Krieg gegen die beiden römischen Parteien, sondern mit der einen gegen die andere zu fechten. Ein günstigerer Moment konnte kaum gehofft werden, und am Ende war es immer besser, den Krieg zu erklären, als ihn sich erklären zu lassen. Da starb im Jahre 679 (75) König Nikomedes III. Philopator von Bithynien und hinterließ als der letzte seines Stammes - denn ein von der Nysa geborener Sohn war oder hieß unecht - sein Reich im Testament den Römern, welche diese mit der römischen Provinz grenzende und längst von römischen Beamten und Kaufleuten erfüllte Landschaft in Besitz zu nehmen nicht säumten. Gleichzeitig wurde auch Kyrene, das bereits seit dem Jahr 658 (96) den Römern angefallen war, endlich als Provinz eingerichtet und ein römischer Statthalter dorthin geschickt (679 75). Diese Maßregeln in Verbindung mit den um dieselbe Zeit an der Südküste von Kleinasien gegen die Piraten ausgeführten Angriffen müssen in dem Könige Besorgnisse erregt haben; die Einziehung Bithyniens namentlich machte die Römer zu unmittelbaren Nachbarn des Pontischen Reiches; und dies vermutlich gab den Ausschlag. Der König tat den entscheidenden Schritt und erklärte im Winter 679/80 (75/74) den Römern den Krieg.
Gern hätte Mithradates die schwere Arbeit nicht allein übernommen. Sein nächster und natürlicher Bundesgenosse war der Großkönig Tigranes; allein der kurzsichtige Mann lehnte den Antrag seines Schwiegervaters ab. So blieben nur die Insurgenten und die Piraten. Mithradates ließ es sich angelegen sein, mit beiden durch starke, nach Spanien und nach Kreta entsandte Geschwader sich in Verbindung zu setzen. Mit Sertorius ward ein förmlicher Vertrag abgeschlossen, durch den Rom an den König Bithynien, Paphlagonien, Galanen und Kappadokien abtrat - freilich lauter Erwerbungen, die erst auf dem Schlachtfeld ratifiziert werden mußten. Wichtiger war die Unterstützung, die der spanische Feldherr dem König durch Sendung römischer Offiziere zur Führung seiner Heere und Flotten gewährte. Die tätigsten unter den Emigranten im Osten, Lucius Magius und Lucius Fannius, wurden von Sertorius zu seinen Vertretern am Hofe von Sinope bestellt. Auch von den Piraten kam Hilfe; sie stellten in großer Anzahl im Pontischen Reich sich ein, und namentlich durch sie scheint es dem Könige gelungen zu sein, eine durch die Zahl wie durch die Tüchtigkeit der Schiffe imponierende Seemacht zu bilden. Die Hauptstütze blieben die eigenen Streitkräfte, mit denen der König, bevor die Römer in Asien eintreffen würden, sich ihrer Besitzungen daselbst bemächtigen zu können hoffte, zumal da in der Provinz Asia die durch die Sullanische Kriegssteuer hervorgerufene finanzielle Not, in Bithymen der Widerwille gegen das neue römische Regiment, in Kilikien und Pamphylien der von dem kürzlich beendigten verheerenden Krieg zurückgebliebene Brandstoff einer pontischen Invasion günstige Aussichten eröffnete. An Vorräten fehlte es nicht; in den königlichen Speichern lagen zwei Millionen Medimnen Getreide. Flotte und Mannschaft waren zahlreich und wohlgeübt, namentlich die bastarnischen Soldknechte eine auserlesene, selbst italischen Legionären gewachsene Schar. Auch diesmal war es der König, der die Offensive begann. Ein Korps unter Diophantos ruckte in Kappadokien ein, um die Festungen daselbst zu besetzen und den Römern den Weg in das Pontische Reich zu verlegen; der von Sertorius gesandte Führer, der Proprätor Marcus Marius, ging in Gemeinschaft mit dem pontischen Offizier Eumachos nach Phrygien, um die römische Provinz und das Taurusgebirge zu insurgieren; die Hauptarmee, über 100000 Mann nebst 16000 Reitern und 100 Sichelwagen, geführt von Taxiles und Hermokrates unter der persönlichen Oberleitung des Königs, und die von Aristonikos befehligte Kriegsflotte von 400 Segeln bewegten sich die kleinasiatische Nordküste entlang, um Paphlagonien und Bithymen zu besetzen. Römischerseits ward zur Führung des Krieges in erster Reihe der Konsul des Jahres 680 (74), Lucius Lucullus, ausersehen, der als Statthalter von Asien und Kilikien an die Spitze der in Kleinasien stehenden vier Legionen und einer fünften von ihm aus Italien mitgebrachten gestellt und angewiesen ward, mit dieser auf 30000 Mann zu Fuß und 1600 Reiter sich belaufenden Armee durch Phrygien in das Pontische Reich einzudringen. Sein Kollege Marcus Cotta ging mit der Flotte und einem anderen römischen Korps nach der Propontis, um Asia und Bithynien zu decken. Endlich wurde eine allgemeine Armierung der Küsten, namentlich der von der pontischen Flotte zunächst bedrohten thrakischen, angeordnet und die Säuberung der sämtlichen Meere und Küsten von den Piraten und ihren pontischen Genossen außerordentlicherweise einem einzigen Beamten übertragen, wofür die Wahl auf den Prätor Marcus Antonius fiel, den Sohn des Mannes, der dreißig Jahre zuvor zuerst die kilikischen Korsaren gezüchtigt hatte. Außerdem stellte der Senat dem Lucullus eine Summe von 72 Mill. Sesterzen (5½ Mill. Talern) zur Verfügung, um davon eine Flotte zu erbauen; was Lucullus indes ablehnte. Aus allem sieht man, daß die römische Regierung in der Vernachlässigung des Seewesens den Kern des Übels erkannte und hierin wenigstens so weit Ernst machte, als ihre Dekrete reichten.
So begann im Jahre 680 (74) der Krieg auf allen Punkten. Es war ein Unglück für Mithradates, daß eben im Moment seiner Kriegserklärung der Wendepunkt im Sertorianischen Kriege eintrat, wodurch von vornherein eine seiner hauptsächlichsten Hoffnungen ihm zugrunde ging und es der römischen Regierung möglich ward, ihre ganze Macht auf den See- und den kleinasiatischen Krieg zu verwenden. In Kleinasien dagegen erntete Mithradat die Vorteile der Offensive und der weiten Entfernung der Römer von dem unmittelbaren Kriegsschauplatz. Dem Sertorianischen Proprätor, der in der römischen Provinz Asia vorangestellt ward, öffneten eine beträchtliche Anzahl kleinasiatischer Städte die Tore und metzelten wie im Jahre 666 (88) die bei ihnen ansässigen römischen Familien nieder; die Pisider, Isaurer, Kiliker ergriffen gegen Rom die Waffen. Die Römer hatten an den bedrohten Punkten augenblicklich keine Truppen. Einzelne tüchtige Männer versuchten wohl auf ihre eigene Hand dieser Aufwiegelung der Provinzialen zu steuern - so verließ auf die Kunde von diesen Ereignissen der junge Gaius Caesar Rhodos, wo er seiner Studien wegen sich aufhielt, und warf sich mit einer rasch zusammengerafften Schar den Insurgenten entgegen; allein viel konnten solche Freikorps nicht ausrichten. Wenn nicht der tapfere Vierfürst des um Pessinus ansässigen Keltenstammes der Tolistoboger, Deiotarus, die Partei der Römer ergriffen und glücklich gegen die pontischen Feldherrn gefochten hätte, so hätte Lucullus damit beginnen müssen, das Binnenland der römischen Provinz dem Feind wiederabzunehmen. Auch so aber verlor er mit der Beruhigung der Landschaft und mit der Zurückdrängung des Feindes eine kostbare Zeit, die durch die geringen Erfolge, welche seine Reiterei dabei erfocht, nichts weniger als vergütet ward. Ungünstiger noch als in Phrygien gestalteten sich die Dinge für die Römer an der Nordküste Kleinasiens. Hier hatte die große Armee und die Flotte der Pontiker sich Bithyniens vollständig bemeistert und den römischen Konsul Cotta genötigt, mit seiner wenig zahlreichen Mannschaft und seinen Schiffen in den Mauern und dem Hafen von Kalchedon Schutz zu suchen, wo Mithradates sie blockiert hielt. Indes war diese Einschließung insofern ein günstiges Ereignis für die Römer, als, wenn Cotta die pontische Armee vor Kalchedon festhielt und Lucullus ebendahin sich wandte, die sämtlichen römischen Streitkräfte bei Kalchedon sich vereinigen und schon hier statt in dem ferneren und unwegsamen pontischen Land, die Waffenentscheidung erzwingen konnten. Lucullus schlug auch die Straße nach Kalchedon ein; allein Cotta, um noch vor dem Eintreffen des Kollegen auf eigene Hand eine Großtat auszuführen, ließ seinen Flottenführer Publius Rutilius Nudus einen Ausfall machen, der nicht bloß mit einer blutigen Niederlage der Römer endigte, sondern auch den Pontikern es möglich machte, den Hafen anzugreifen, die Kette, die denselben sperrte, zu sprengen und sämtliche daselbst befindliche römische Kriegsschiffe, gegen siebzig an der Zahl, zu verbrennen. Auf die Nachricht von diesen Unfällen, die Lucullus am Fluß Sangarios erhielt, beschleunigte derselbe seinen Marsch, zur großen Unzufriedenheit seiner Soldaten, welche nach ihrer Meinung Cotta nichts anging und die weit lieber ein unverteidigtes Land geplündert als ihre Kameraden siegen gelehrt hätten. Sein Eintreffen machte die erlittenen Unfälle zum Teil wieder gut: der König hob die Belagerung von Kalchedon auf, ging aber nicht nach Pontos zurück, sondern südwärts in die altrömische Provinz, wo er an der Propontis und am Hellespont sich ausbreitete, Lampsakos besetzte und die große und reiche Stadt Kyzikos zu belagern begann. Immer fester verrannte er sich also in die Sackgasse, die er eingeschlagen hatte, statt, was allein für ihn Erfolg versprach, die weiten Entfernungen gegen die Römer ins Spiel zu bringen. In Kyzikos hatte die alte hellenische Gewandtheit und Tüchtigkeit sich so rein erhalten wie an wenigen anderen Orten; ihre Bürgerschaft, obwohl sie in der unglücklichen Doppelschlacht von Kalchedon an Schiffen und Mannschaft starke Einbuße erlitten hatte, leistete dennoch den entschlossensten Widerstand. Kyzikos lag auf einer Insel unmittelbar dem Festland gegenüber und durch eine Brücke mit demselben verbunden. Die Belagerer bemächtigten sich sowohl des Höhenzuges auf dem Festland, der an der Brücke endigt, und der hier gelegenen Vorstadt, als auch auf der Insel selbst der berühmten Dindymenischen Höhen, und auf der Festland- wie auf der Inselseite boten die griechischen Ingenieure alle ihre Kunst auf, den Sturm möglich zu machen. Allein die Bresche, die endlich zu machen gelang, wurde während der Nacht wieder von den Belagerten geschlossen und die Anstrengungen der königlichen Armee blieben ebenso fruchtlos wie die barbarische Drohung des Königs, die gefangenen Kyzikener vor den Mauern töten zu lassen, wenn die Bürgerschaft noch länger die Übergabe verweigere. Die Kyzikener setzten die Verteidigung mit Mut und Glück fort; es fehlte nicht viel, so hätten sie im Laufe der Belagerung den König selbst gefangengenommen. Inzwischen hatte Lucullus sich einer sehr festen Position im Rücken der pontischen Armee bemächtigt, die ihm zwar nicht gestattete, der bedrängten Stadt unmittelbar zu Hilfe zu kommen, aber wohl dem Feinde alle Zufuhr zu Lande abzuschneiden. So stand die ungeheure, mit dem Troß auf 300000 Köpfe geschätzte Mithradatische Armee, weder imstande zu schlagen, noch zu marschieren, fest eingekeilt zwischen der unbezwinglichen Stadt und dem unbeweglich stehenden römischen Heer und für allen ihren Bedarf einzig angewiesen auf die See, die zum Glück für die Pontiker ihre Flotte ausschließlich beherrschte. Aber die schlechte Jahreszeit brach herein; ein Unwetter zerstörte einen großen Teil der Belagerungsbauten; der Mangel an Lebensmitteln und vor allem an Pferdefutter fing an unerträglich zu werden. Die Lasttiere und der Troß wurden unter Bedeckung des größten Teils der pontischen Reiterei weggesandt mit dem Auftrag, um jeden Preis sich durchzuschleichen oder durchzuschlagen; aber am Fluß Rhyndakos östlich von Kyzikos holte Lucullus sie ein und hieb den ganzen Haufen zusammen. Eine andere Reiterabteilung unter Metrophanes und Lucius Fannius mußte nach langer Irrfahrt im westlichen Kleinasien wieder in das Lager vor Kyzikos zurückkehren. Hunger und Seuchen räumten unter den pontischen Scharen fürchterlich auf. Als der Frühling herankam (681 73), verdoppelten die Belagerten ihre Anstrengungen und nahmen die auf dem Dindymon angelegten Schanzen; es blieb dem König nichts übrig, als die Belagerung aufzuheben und mit Hilfe der Flotte zu retten, was zu retten war. Er selber ging mit der Flotte nach dem Hellespont, erlitt aber teils bei der Abfahrt, teils unterwegs durch Stürme beträchtliche Einbuße. Eben dahin brach auch das Landheer unter Hermaeos und Marius auf, um in Lampsakos und von dessen Mauern geschützt sich einzuschiffen. Ihr Gepäck ließen sie im Stich, sowie die Kranken und Verwundeten, die von den erbitterten Kyzikenern sämtlich niedergemacht wurden. Unterwegs fügte ihnen Lucullus beim Übergang über die Flüsse Äsepos und Granikos sehr ansehnlichen Verlust zu; doch erreichten sie ihr Ziel: die pontischen Schiffe entführten die Überreste der großen Armee und die lampsakenische Bürgerschaft selbst aus dem Bereiche der Römer.
Lucullus’ folgerechte und bedächtige Kriegführung hatte nicht bloß die Fehler seines Kollegen wieder gutgemacht, sondern auch, ohne eine Hauptschlacht zu liefern, den Kern der feindlichen Armee - angeblich 200 000 Soldaten - aufgerieben. Hätte er noch die Flotte gehabt, die im Hafen von Kalchedon verbrannt war, so würde er die ganze feindliche Armee vernichtet haben; so blieb das Zerstörungswerk unvollendet, und er mußte sogar es leiden, daß trotz der Katastrophe von Kyzikos die pontische Flotte in der Propontis sich aufstellte, Perinthos und Byzantion auf der europäischen Küste von ihr blockiert, Priapos auf der asiatischen ausgeraubt, das königliche Hauptquartier nach dem bithynischen Hafen Nikomedeia gelegt ward. Ja ein erlesenes Geschwader von fünfzig Segeln, das 10000 erlesene Leute, darunter Marcus Marius und den Kern der römischen Emigranten trug, fuhr sogar hinaus in das Ägäische Meer; es ging die Rede, daß es bestimmt sei, in Italien zu landen, um dort aufs neue den Bürgerkrieg zu entfachen. Indes fingen die Schiffe, die Lucullus nach dem Unfall von Kalchedon von den asiatischen Gemeinden eingefordert hatte, an, sich einzustellen und ein Geschwader lief aus, um das in das Ägäische Meer abgegangene feindliche aufzusuchen. Lucullus selbst, als Flottenführer erprobt, übernahm das Kommando. Vor dem Achäerhafen, in den Gewässern zwischen der troischen Küste und der Insel Tenedos, wurden dreizehn feindliche, auf der Fahrt nach Lemnos begriffene Fünfruderer unter Isidoros überfallen und versenkt. Bei der kleinen Insel Neä zwischen Lemnos und Skyros sodann, an welchem wenig besuchten Punkte die pontische Flottille von 32 Segeln auf den Strand gezogen lag, fand sie Lucullus, griff zugleich die Schiffe und die auf der Insel zerstreute Bemannung an und bemächtigte sich des ganzen Geschwaders. Hier fanden Marcus Marius und die tüchtigsten der römischen Emigrierten entweder im Kampfe oder nachher durch das Henkerbeil den Tod. Die ganze ägäische Flotte der Feinde war von Lucullus vernichtet. Den Krieg in Bithynien hatten inzwischen mit dem durch Nachsendungen aus Italien verstärkten Landheer und einem in Asien zusammengezogenen Geschwader Cotta und die Legaten Luculls Voconius, Gaius Valerius Triarius und Barba fortgesetzt. Barba nahm im Binnenland Prusias am Olymp und Nikäa, Triarius an der Küste Apameia (sonst Myrleia) und Prusias am Meer (sonst Kios). Man vereinigte sich dann zu einem gemeinschaftlichen Unternehmen gegen Mithradates selbst in Nikomedeia; indes der König, ohne nur den Kampf zu versuchen, entwich auf seine Schiffe und fuhr heimwärts, und auch dies gelang ihm nur, weil der mit der Blockierung des Hafens von Nikomedeia beauftragte römische Flottenführer Voconius zu spät eintraf. Unterwegs ward zwar das wichtige Herakleia an den König verraten und von ihm besetzt; aber ein Sturm in diesen Gewässern versenkte über sechzig seiner Schiffe und zerstreute die übrigen; fast allein gelangte der König nach Sinope. Die Offensive Mithradats endigte mit einer vollständigen und durchaus nicht, am wenigsten für den obersten Leiter, rühmlichen Niederlage der pontischen Land- und Seemacht.
Lucullus ging jetzt seinerseits zum Angriff vor. Triarius übernahm den Befehl über die Flotte mit dem Auftrag, vor allem den Hellespont zu sperren und den aus Kreta und Spanien rückkehrenden pontischen Schiffen aufzupassen, Cotta die Belagerung von Herakleia; das schwierige Verpflegungsgeschäft ward den treuen und tätigen Galaterfürsten und dem König Ariobarzanes von Kappadokien übertragen; Lucullus selbst rückte im Herbst 681 (73) ein in die gesegnete und seit langem von keinem Feinde betretene pontische Landschaft. Mithradates, jetzt entschlossen zur strengsten Defensive, wich, ohne eine Schlacht zu liefern, zurück von Sinope nach Amisos, von Amisos nach Kabeira (später Neo-Caesarea, jetzt Niksar) am Lykos, einem Nebenfluß des Iris; er begnügte sich, den Feind immer tiefer landeinwärts sich nachzuziehen und ihm die Zufuhren und Verbindungen zu erschweren. Rasch folgte Lucullus; Sinope blieb seitwärts liegen; die alte Grenze des römischen Machtgebiets, der Halys, ward überschritten, die ansehnlichen Städte Amisos, Eupatoria (am Iris), Themiskyra (am Thermodon) umstellt, bis endlich der Winter den Märschen, aber nicht den Einschließungen der Städte ein Ende machte. Die Soldaten Luculls murrten über das unaufhaltsame Vordringen, das ihnen nicht gestattete, die Früchte ihrer Anstrengungen zu ernten, und über die weitläufigen und in der rauben Jahreszeit beschwerlichen Blockaden. Allein es war nicht Lucullus’ Art, auf dergleichen Klagen zu hören; im Frühjahr 682 (72) ging es sofort weiter gegen Kabeira unter Zurücklassung zweier Legionen vor Amisos unter Lucius Murena. Der König hatte während des Winters neue Versuche gemacht, den Großkönig von Armenien zum Eintritt in den Kampf zu bestimmen; sie blieben wie die früheren vergeblich oder führten doch nur zu leeren Verheißungen. Noch weniger bezeigten die Parther Lust, bei der verlorenen Sache sich zu beteiligen. Indes hatte sich, besonders durch Werbungen im Skythenland, wieder eine ansehnliche Armee unter Diophantos und Taxiles bei Kabeira zusammengefunden. Das römische Heer, das nur noch drei Legionen zählte und das an Reiterei den Pontikern entschieden nachstand, sah sich genötigt, das Blachfeld möglichst zu vermeiden, und gelangte nach Kabeira auf schwierigen Nebenpfaden, nicht ohne Beschwerden und Verluste. Bei dieser Stadt lagerten die beiden Armeen längere Zeit einander gegenüber. Gestritten ward hauptsächlich um die Zufuhr, die auf beiden Seiten knapp war; Mithradates bildete deswegen aus dem Kern seiner Reiterei und einer Abteilung erlesener Fußsoldaten unter Diophantos und Taxiles ein fliegendes Korps, das bestimmt war, zwischen dem Lykos und dem Halys zu streifen und die aus Kappadokien kommenden römischen Lebensmitteltransporte aufzufangen. Allein der Unterbefehlshaber Lucullus, Marcus Fabius Hadrianus, der einen solchen Zug eskortierte, schlug nicht bloß die ihm auflauernde Schar in dem Engpaß, wo sie ihn zu überfallen gedachte, vollständig aufs Haupt, sondern auch, nachdem er Verstärkung aus dem Lager erhalten hatte, die Armee des Diophantos und Taxiles selbst, so daß dieselbe völlig sich auflöste. Es war für den König ein unersetzlicher Verlust, daß seine Reiterei, auf die er allein vertraute, ihm hier zugrunde gegangen war; sowie er durch die ersten vom Schlachtfeld nach Kabeira gelangenden Flüchtlinge - bezeichnend genug die geschlagenen Generale selbst - die Hiobspost, früher noch als Lucullus die Nachricht von dem Sieg, erhalten hatte, beschloß er sofortigen weiteren Rückzug. Aber der gefaßte Entschluß des Königs verbreitete sich mit Blitzesschnelle unter seiner nächsten Umgebung; und wie die Soldaten die Vertrauten des Königs eiligst einpacken sahen, wurden auch sie von panischem Schreck ergriffen. Niemand wollte bei dem Aufbruch der letzte sein; Vornehme und Geringe liefen durcheinander wie gescheuchtes Wild; keine Autorität, nicht einmal die des Königs, ward noch beachtet und der König selbst fortgerissen in dem wilden Getümmel. Die Verwirrung gewahrend, griff Lucullus an, und fast ohne Widerstand zu leisten ließen die pontischen Scharen sich niedermetzeln. Hätten die Legionen Mannszucht zu halten und ihre Beutegier zu mäßigen vermocht, so wäre kaum ein Mann ihnen entronnen und der König ohne Zweifel selbst gefangen worden. Mit Not entkam Mithradates mit wenigen Begleitern durch die Berge nach Komana (unweit Tokat und der Irisquelle), von wo ihn aber auch bald eine römische Schar unter Marcus Pompeius wiederaufscheuchte und ihn verfolgte, bis er, von nicht mehr als 2000 Reitern begleitet, in Talaura in Klein-Armenien die Grenze seines Reiches überschritt. In dem Reiche des Großkönigs fand er eine Zufluchtsstätte, aber auch nicht mehr (Ende 682 72). Tigranes ließ seinem flüchtigen Schwiegervater zwar königliche Ehre erzeigen, aber er lud ihn nicht einmal an seinen Hof, sondern hielt ihn in der abgelegenen Grenzlandschaft, wo er sich befand, in einer Art von anständiger Haft. Ganz Pontos und Klein-Armenien überschwemmten die römischen Truppen und bis nach Trapezus hinauf unterwarf sich das platte Land ohne Widerstand dem Sieger. Auch die Befehlshaber der königlichen Schatzhäuser ergaben sich nach kürzerem oder längerem Zaudern und lieferten ihre Kassenvorräte aus. Die Frauen des königlichen Harems, die königlichen Schwestern, seine zahlreichen Gemahlinnen und Kebse ließ der König, da sie zu flüchten nicht möglich war, durch einen seiner Verschnittenen in Pharnakeia (Kerasunt) sämtlich töten. Hartnäckigen Widerstand leisteten nur die Städte. Zwar die wenigen im Binnenland, Kabeira, Amaseia, Eupatoria, waren bald in der Gewalt der Römer; aber die größeren Seestädte, Amisos und Sinope in Pontos, Amastris in Paphlagonien, Tios und das pontische Herakleia in Bithynien, wehrten sich wie Verzweifelte, teils begeistert durch die Anhänglichkeit an den König und die von ihm geschirmte freie hellenische Stadtverfassung, teils terrorisiert durch die Scharen der vom König herbeigerufenen Korsaren. Sinope und Herakleia ließen sogar die Schiffe gegen die Römer auslaufen, und das sinopische Geschwader bemächtigte sich einer römischen Flottille, die von der Taurischen Halbinsel für Lucullus’ Heer Getreide brachte. Herakleia unterlag erst nach zweijähriger Belagerung, nachdem die römische Flotte der Stadt den Verkehr mit den griechischen Städten auf der Taurischen Halbinsel abgeschnitten hatte und in den Reihen der Besatzung Verräterei ausgebrochen war. Als Amisos aufs äußerste gebracht war, zündete die Besatzung die Stadt an und bestieg unter dem Schutze der Flammen ihre Schiffe. In Sinope, wo der kecke Piratenkapitän Seleukos und der königliche Verschnittene Bakchides die Verteidigung leiteten, plünderte die Besatzung die Häuser, bevor sie abzog, und steckte die Schiffe, die sie nicht mitnehmen konnte, in Brand; es sollen hier, obwohl der größte Teil der Verteidiger sich hatte einschiffen können, doch noch 8000 Korsaren von Lucullus getötet worden sein. Zwei volle Jahre nach der Schlacht von Kabeira und darüber (682-684 72-70) währten diese Städtebelagerungen, die Lucullus großenteils durch seine Unterbefehlshaber betrieb, während er selbst die Verhältnisse der Provinz Asia ordnete, die eine gründliche Reform erheischten und erhielten. Wie geschichtlich merkwürdig auch jener hartnäckige Widerstand der pontischen Kaufstädte gegen die siegreichen Römer ist, so kam doch zunächst wenig dabei heraus; die Sache des Königs Mithradates war darum nicht minder verloren. Der Großkönig hatte offenbar für jetzt wenigstens durchaus nicht die Absicht, ihn in sein Reich zurückzuführen. Die römische Emigration in Asien hatte durch die Vernichtung der ägäischen Flotte ihre Besten eingebüßt; von den Übriggebliebenen hatten nicht wenige, wie zum Beispiel die tätigen Führer Lucius Magius und Lucius Fannius, ihren Frieden mit Lucullus gemacht, und mit dem Tode des Sertorius, der in dem Jahre der Schlacht von Kabeira umkam, schwand die letzte Hoffnung der Emigration. Die eigene Macht Mithradats war vollständig zerschmettert und eine nach der andern brachen ihre noch übrigen Stützen zusammen: auch seine von Kreta und Spanien heimkehrenden Geschwader, siebzig Segel stark, wurden von Triarius bei der Insel Tenedos angegriffen und vernichtet; auch der Statthalter des Bosporanischen Reiches, des Königs eigener Sohn Machares, fiel von ihm ab und schloß als selbständiger Fürst des Taurischen Chersones auf eigene Hand mit den Römern Frieden und Freundschaft (684 70). Der König selbst saß nach nicht allzurühmlicher Gegenwehr in einem entlegenen armenischen Bergschloß, ein Flüchtling aus seinem Reiche und fast ein Gefangener seines Schwiegersohns. Mochten die Korsarenscharen noch auf Kreta sich behaupten und was aus Amisos und Sinope entkommen war, an die schwer zugängliche Ostküste des Schwarzen Meeres zu den Sanigen und Lazen sich retten: Lucullus’ geschickte Kriegführung und seine verständige Mäßigung, die es nicht verschmähte, den gerechten Beschwerden der Provinzialen abzuhelfen und die reumütigen Emigranten als Offiziere in seinem Heere anzustellen, hatte mit mäßigen Opfern Kleinasien vom Feinde befreit und das Pontische Reich vernichtet, so daß dasselbe aus einem römischen Klientelstaat in eine römische Provinz verwandelt werden konnte. Eine Kommission des Senats ward erwartet, um in Gemeinschaft mit dem Oberfeldherrn die neue Provinzialorganisation festzustellen.
Aber noch waren die Verhältnisse mit Armenien nicht geschlichtet. Daß eine Kriegserklärung der Römer gegen Tigranes an sich gerechtfertigt, ja geboten war, wurde früher gezeigt. Lucullus, der die Verhältnisse aus größerer Nähe und mit höherem Sinn betrachtete als das Senatorenkollegium in Rom, erkannte deutlich die Notwendigkeit, Armenien über den Tigris zurückzuweisen und die verlorene Herrschaft Roms über das Mittelmeer wiederherzustellen. Er zeigte in der Leitung der asiatischen Angelegenheiten sich als keinen unwürdigen Nachfolger seines Lehrmeisters und Freundes Sulla; Philhellene wie wenige Römer seiner Zeit, war er nicht unempfänglich für die Verpflichtung, die Rom mit der Erbschaft Alexanders übernommen hatte: Schild und Schwert der Griechen im Osten zu sein. Persönliche Beweggründe, der Wunsch, auch jenseits des Euphrat Lorbeeren zu ernten, die Empfindlichkeit darüber, daß der Großkönig in einem Schreiben an ihn den Imperatorentitel weggelassen, können freilich Lucullus mitbestimmt haben; allein es ist ungerecht, kleinliche und egoistische Motive für Handlungen anzunehmen, zu deren Erklärung die pflichtmäßigen vollkommen ausreichen. Indes von dem ängstlichen, lässigen, schlecht unterrichteten und vor allen Dingen von ewiger Finanznot bedrängten römischen Regierungskollegium ließ sich nimmermehr erwarten, daß es, ohne unmittelbar dazu genötigt zu sein, die Initiative zu einer so weitschichtigen und kostspieligen Expedition ergreifen werde. Um das Jahr 682 (72) waren die legitimen Repräsentanten der Seleukidendynastie, Antiochos, der Asiate genannt, und dessen Bruder, veranlaßt durch die günstige Wendung des Pontischen Krieges, nach Rom gegangen, um eine römische Intervention in Syrien und nebenbei die Anerkennung ihrer Erbansprüche auf Ägypten zu erwirken. Wenn die letztere Anforderung nicht gewährt werden konnte, so ließen doch der Augenblick wie die Veranlassung sich nicht günstiger finden, um den längst notwendigen Krieg gegen Tigranes zu beginnen. Allein der Senat hatte die Prinzen wohl als die rechtmäßigen Könige Syriens anerkannt, aber sich nicht entschließen können, die bewaffnete Intervention zu verfügen. Sollte die gute Gelegenheit benutzt und gegen Armenien Ernst gemacht werden, so mußte Lucullus den Krieg ohne eigentlichen Auftrag des Senats auf eigene Hand und eigene Gefahr beginnen; auch er sah sich ebenwie Sulla in die Notwendigkeit versetzt, was er im offenbarsten Interesse der bestehenden Regierung tat, nicht mit ihr, sondern ihr zum Trotz ins Werk zu setzen. Erleichtert ward ihm der Entschluß durch die seit langem unklar zwischen Krieg und Frieden schwankenden Verhältnisse Roms zu Armenien, welche die Eigenmächtigkeit seines Verfahrens einigermaßen bedeckten und es an formellen Kriegsgründen nicht fehlen ließen. Die kappadokischen und syrischen Zustände boten Anlässe genug, und es hatten auch schon bei der Verfolgung des pontischen Königs römische Truppen das Gebiet des Großkönigs verletzt. Da indes Lucullus’ Auftrag auf Führung des Krieges gegen Mithradates ging und er hieran anzuknüpfen wünschte, so zog er es vor, einen seiner Offiziere, Appius Claudius, an den Großkönig nach Antiochien zu senden, um Mithradates’ Auslieferung zu fordern, was denn freilich zum Kriege führen mußte. Der Entschluß war ernst, zumal bei der Beschaffenheit der römischen Armee. Es war unvermeidlich, während des Feldzugs in Armenien das ausgedehnte pontische Gebiet stark besetzt zu halten, da sonst dem in Armenien stehenden Heer die Verbindung mit der Heimat verloren ging und überdies ein Einfall Mithradats in sein ehemaliges Reich leicht vorherzusehen war. Offenbar reichte die Armee, an deren Spitze Lucullus den Mithradatischen Krieg beendigt hatte, von beiläufig 30000 Mann für diese verdoppelte Aufgabe nicht aus. Unter gewöhnlichen Verhältnissen würde der Feldherr von seiner Regierung die Nachsendung einer zweiten Armee erbeten und erhalten haben; allein da Lucullus den Krieg der Regierung über den Kopf nehmen wollte und gewissermaßen mußte, sah er sich genötigt, hierauf zu verzichten und, ob er gleich selbst die gefangenen thrakischen Söldner des pontischen Königs seinen Truppen einreihte, dennoch mit nicht mehr als zwei Legionen oder höchstens 15000 Mann den Krieg über den Euphrat zu tragen. Schon dies war bedenklich; indes die Geringfügigkeit der Zahl mochte durch die erprobte Tapferkeit der durchaus aus Veteranen bestehenden Armee einigermaßen ersetzt werden. Weit schlimmer war die Stimmung der Soldaten, auf die Lucullus in seiner hochadligen Art viel zu wenig Rücksicht nahm. Lucullus war ein tüchtiger General und - nach aristokratischem Maßstab - ein rechtschaffener und wohlwollender Mann, aber nichts weniger als beliebt bei seinen Soldaten. Er war unpopulär als entschiedener Anhänger der Oligarchie, unpopulär, weil er in Kleinasien der greulichen Wucherei der römischen Kapitalisten nachdrücklich gesteuert hatte, unpopulär wegen der Arbeiten und Strapazen, die er dem Soldaten zumutete, unpopulär, weil er von seinen Soldaten strenge Mannszucht forderte und die Plünderung der griechischen Städte durch seine Leute möglichst verhinderte, daneben aber doch für sich selber manchen Wagen und manches Kamel mit den Schätzen des Ostens beladen ließ, unpopulär wegen seiner feinen, vornehmen, hellenisierenden, durchaus nicht kameradschaftlichen und, wo immer möglich, zu bequemem Wohlleben sich hinneigenden Weise. Nicht eine Spur des Zaubers war in ihm, der zwischen dem Feldherrn und dem Soldaten ein persönliches Band schlingt. Hierzu kam endlich, daß ein großer Teil seiner tüchtigsten Soldaten alle Ursache hatte, sich über die maßlose Verlängerung ihrer Dienstzeit zu beschweren. Seine beiden besten Legionen waren ebendiejenigen, die Flaccus und Fimbria 668 (86) nach dem Osten geführt hatten; ungeachtet ihnen vor kurzem nach der Schlacht von Kabeira der durch dreizehn Feldzüge wohlverdiente Abschied zugesichert worden war, führte sie Lucullus jetzt dennoch über den Euphrat, einem neuen unabsehbaren Krieg entgegen - es schien, als wolle man die Sieger von Kabeira schlimmer behandeln als die Geschlagenen von Cannae. Daß mit so schwachen und so gestimmten Truppen ein Feldherr auf eigene Faust und streng genommen verfassungswidrig eine Expedition begann in ein fernes und unbekanntes Land voll reißender Ströme und schneebedeckter Berge, das schon durch seine gewaltige Ausdehnung jeden leichtsinnig unternommenen Angriff gefährlich machte, war in der Tat mehr als gewagt. Vielfach und nicht ohne Grund wurde deshalb Lucullus’ Verfahren in Rom getadelt; nur hätte man dabei nicht verschweigen sollen, daß zunächst die Verkehrtheit der Regierung dieses verwegene Vorgehen des Feldherrn veranlaßte und dasselbe wo nicht rechtfertigte, doch entschuldbar machte.