^72 Wenn Nöldeke sagt (Tabari, S. 449): “Daß die Hauptländer der Monarchie direkt der Krone unterworfen waren, bildete den Hauptunterschied des Sassanidenreichs vom arsakidischen, welches in den verschiedensten Provinzen wirkliche Könige hatte”, so wird die Macht des Großkönigtums ohne Zweifel durchaus durch die Persönlichkeit des Inhabers bedingt und unter den ersten Sassaniden eine viel stärkere gewesen sein als unter den letzten verkommenen Arsakiden. Aber ein prinzipieller Gegensatz ist nicht erfindlich. Von Mithradates I. an, dem eigentlichen Gründer der Dynastie, nennt sich der arsakidische Herrscher “König der Könige”, eben wie später der sassanidische, während Alexander der Große und die Seleukiden diesen Titel nie geführt haben. Auch unter ihnen herrschten einzelne Lehnskönige, zum Beispiel in der Persis (Anm. 71); aber die regelmäßige Form der Reichsverwaltung war das Lehnskönigtum damals nicht und die griechischen Herrscher nannten sich nicht danach, so wenig wie die Caesaren wegen Kappadokien oder Numidien den Großkönigtitel annahmen. Die Satrapen des Arsakidenstaats sind wesentlich die Marzbanen der Sassaniden. Eher mögen die großen Reichsämter, welche in der sassanidischen Staatsordnung den Oberverwaltungsstellen der Diocletianisch-Konstantinischen Konstitution entsprechen und wahrscheinlich für diese das Vorbild gewesen sind, dem Arsakidenstaat gemangelt haben; dann würden allerdings beide sich ähnlich zueinander verhalten wie die Reichsordnung Augusts zu der Konstantins. Aber wir wissen zu wenig von der Arsakidenordnung, um dies mit Sicherheit zu behaupten.

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Wie dem Umfange nach das Sassanidenreich sich zu dem der Arsakiden verhielt, ist eine Frage, auf die die Überlieferung keine genügende Antwort gibt. Die Provinzen des Westens sind, seit die neue Dynastie fest im Sattel saß, sämtlich derselben untertänig geblieben und die Ansprüche, die die letztere gegen die Römer erhob, gingen, wie wir sehen werden, weit hinaus über die Prätensionen der Arsakiden. Aber wie weit die Herrschaft der Sassaniden gegen den Osten gereicht hat und wann sie bis zum Oxos vorgedrungen ist, der später als die legitime Grenze zwischen Iran und Turan gilt, entzieht sich unseren Blicken ^73.

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^73 Nach den in der arabischen Chronik des Tabari erhaltenen persischen Aufzeichnungen aus der letzten Sassanidenzeit erobert Ardaschir, nachdem er Ardawan eigenhändig den Kopf abgehauen und den Titel Schahan-Schah, König der Könige, angenommen hat, zuerst Hamadhan (Ekbatana) in Großmedien, dann Aserbeidschan (Atropatene), Armenien, Mosul (Adiabene); ferner Suristan oder Sawad (Babylonien). Von da geht er nach Istachr in seine persische Heimat zurück und erobert dann, von neuem ausziehend, Sagistan, Gurgan (Hyrkanien), Abraschahr (Nisapur im Partherland), Marw (Margiane), Balch (Baktra) und Charizm (Chiwa) bis zu den äußersten Grenzen von Chorasan. “Nachdem er viele Leute getötet und ihre Köpfe nach dem Feuertempel der Anahedh (in Istachr) geschickt hatte, kehrte er von Marw nach Pars zurück und ließ sich in Gor (Feruzabad) nieder.” Wieviel hiervon Legende ist, wissen wir nicht (vgl. Nöldeke, Tabari, S. 17, 116).

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Das Staatssystem Irans hat infolge des Eintritts der neuen Dynastie sich nicht gerade prinzipiell umgestaltet. Die offizielle Titulatur des ersten Sassanidenherrschers, wie sie unter dem Felsrelief von Nakschi-Rustam in drei Sprachen gleichmäßig angegeben ist: “der Mazda-Diener Gott Artaxares, König der Könige der Arianer, göttlicher Abstammung” ^74, ist im wesentlichen die der Arsakiden, nur daß die iranische Nation, wie schon in der alteinheimischen Königstitulatur, und der einheimische Gott jetzt ausdrücklich genannt werden. Daß eine in der Persis heimische Dynastie an die Stelle einer ursprünglich stammfremden und nur nationalisierten trat, war ein Werk und ein Sieg nationaler Reaktion; aber den daraus sich ergebenden Konsequenzen setzte die Macht der Verhältnisse vielfach unübersteigliche Schranken. Persepolis oder, wie es jetzt heißt, Istachr wird wieder dem Namen nach die Hauptstadt des Reiches, und neben den gleichartigen des Dareios verkünden dort auf derselben Felsenwand die merkwürdigen Bildwerke und noch merkwürdigeren, eben erwähnten Inschriften den Ruhm Ardaschirs und Schapurs; aber die Verwaltung konnte von dieser entlegenen Örtlichkeit aus nicht wohl geführt werden, und ihr Mittelpunkt blieb auch ferner Ktesiphon. Den rechtlichen Vorzug der Perser, wie er unter den Achämeniden bestanden hatte, nahm die neupersische Regierung nicht wieder auf; wenn Dareios sich “einen Perser, Sohn eines Persers, einen Arier aus arischem Stamm” nannte, so nannte Ardaschir sich, wie wir sahen, lediglich den König der Arianer. Ob in die großen Geschlechter, abgesehen von dem königlichen, persische Elemente neu eingeführt worden sind, wissen wir nicht; auf jeden Fall sind mehrere von ihnen geblieben, wie die Surên und die Karên; nur unter den Achämeniden, nicht unter den Sassaniden sind dieselben ausschließlich persisch gewesen.

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^74 Griechisch (CIG 4675) lautet der Titel: Μάσδασνος; (Mazda-Diener, als Eigenname behandelt) θεός Αρταξάρης βασιλεύς βασιλέων Αριανών εκ γένους θεών; genau damit stimmt der Titel seines Sohnes Sapor 1. (das. 4676), nur daß nach Αριανών eingeschoben ist καί Αναριανών, also die Erstreckung der Herrschaft auf das Ausland hervorgehoben wird. In der Titulatur der Arsakiden, soweit sie aus den griechischen und persischen Münzaufschriften erhellt, kehren θεός, βασιλεύς βασιλέων, θεοπάτωρ (=εκ γένους θεών) wieder, dagegen fehlt die Hervorhebung der Arianer und bezeichnenderweise der Mazda-Diener; daneben erscheinen zahlreiche andere den syrischen Königen entlehnte Titel, wie επιφάνης, νικάτωρ, , auch der römische αυτοκράτωρ.

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