Und ich schrieb, o weh! ein Gedicht in getischer Sprache,
Gratulierst du mir nicht, daß ich den Geten gefiel?
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^3 Thrakischer, getischer, dakischer Orts- und Personennamen kennen wir ganze Reihen; sprachlich bemerkenswert ist eine mit -centhus zusammengesetzte Gruppe von Personennamen: Bithicenthus, Zipacenthus, Disacenthus, Tracicenthus, Linicenthus (BCH 6, 1882, S. 179), von denen die ersten beiden in ihrer anderen Hälfte (Bithus, Zipa) auch isoliert häufig begegnen. Eine ähnliche Gruppe bilden die Composita mit -poris, wie Mucaporis (Thraker BCH, a. a. O., Daker zahlreich), Cetriporis, Rhaskyporis, Bithoporis, Dirdiporis.
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Aber wenn die irischen Barden, die syrischen Missionare, die Bergtäler Albaniens anderen Idiomen der Kaiserzeit eine gewisse Fortdauer gewahrt haben, so ist das thrakische unter dem Völkergewoge des Donaugebiets und dem übermächtigen Einfluß Konstantinopels verschollen, und wir vermögen nicht einmal die Stelle zu bestimmen, welche ihm in dem Völkerstammbaum zukommt. Die Schilderungen von Sitten und Gebräuchen einzelner dazugehöriger Völkerschaften, über welche mancherlei Notizen sich erhalten haben, ergeben keine für den ganzen Stamm gültigen individuellen Züge und heben meistens nur Einzelheiten hervor, wie sie bei allen Völkern auf niederer Kulturstufe sich zeigen. Aber ein Soldatenvolk sind sie gewesen und geblieben, als Reiter nicht minder brauchbar wie für die leichte Infanterie, von den Zeiten des Peloponnesischen Krieges und Alexanders bis hinab in die der römischen Caesaren, mochten sie gegen diese sich stemmen oder später für sie fechten. Auch die wilde, aber großartige Weise der Götterverehrung darf vielleicht als ein diesem Stamm eigentümlicher Grundzug aufgefaßt werden, der gewaltige Ausbruch der Frühlings- und der Jugendlust, die nächtlichen Bergfeste fackelschwingender Mädchen, die rauschende, sinnverwirrende Musik, der strömende Wein und das strömende Blut, der in Aufregung aller sinnlichen Leidenschaften zugleich rasende Taumel der Feste. Dionysos, der herrliche und der schreckliche, ist ein thrakischer Gott, und was der Art in dem hellenischen und dem römischen Kult besonders hervortritt, knüpft an thrakische oder phrygische Sitte an.
Während die illyrischen Völkerschaften in Dalmatien und Pannonien nach der Niederwerfung der großen Insurrektion in den letzten Jahren des Augustus die Entscheidung der Waffen nicht wieder gegen die Römer angerufen haben, gilt von den thrakischen Stämmen nicht das gleiche; der oft bewiesene Unabhängigkeitssinn und die wilde Tapferkeit dieser Nation verleugnete auch in ihrem Untergang sich nicht. In dem Thrakien südlich vom Haemus blieb das alte Fürstenrum unter römischer Oberhoheit. Das einheimische Herrscherhaus der Odrysen, mit der Residenz Bizye (Wiza) zwischen Adrianopel und der Küste des Schwarzen Meeres, tritt schon in der früheren Zeit unter den thrakischen Fürstengeschlechtern am meisten hervor; nach der Triumviralzeit ist von anderen thrakischen Königen als denen dieses Hauses nicht ferner die Rede, so daß die übrigen Fürsten durch Augustus zu Vasallen gemacht oder beseitigt zu sein scheinen und mit dem thrakischen Königtum fortan nur Glieder dieses Geschlechts belehnt worden sind. Es geschah dies wahrscheinlich deshalb, weil während des ersten Jahrhunderts, wie weiterhin zu zeigen sein wird, an der unteren Donau keine römischen Legionen standen; den Grenzschutz an der Donaumündung erwartete Augustus von dem thrakischen Vasallen. Rhoemetalkes, welcher in der zweiten Hälfte der Regierung des Augustus als römischer Lehnskönig das gesamte Thrakien beherrschte ^4, und seine Kinder und Enkel spielten denn auch in diesem Lande ungefähr dieselbe Rolle wie Herodes und seine Nachkommen in Palästina: unbedingte Ergebenheit gegen den Oberherrn, entschiedene Hinneigung zu römischem Wesen, Verfeindung mit den eigenen, die nationale Unabhängigkeit festhaltenden Landsleuten bezeichnen die Stellung des thrakischen Herrscherhauses. Die große, früher erzählte thrakische Insurrektion der Jahre 741-743 (13-11) richtete sich zunächst gegen diesen Rhoemetalkes und seinen Bruder und Mitherrscher Kotys, der dabei umkam, und wie er damals den Römern die Wiedereinsetzung in seine Herrschaft verdankte, so trug er ihnen einige Jahre später seinen Dank ab, indem er bei dem Aufstand der Dalmater und der Pannonier, dem seine dakischen Stammesgenossen sich anschlossen, treu zu den Römern hielt und an der Niederwerfung desselben wesentlichen Anteil hatte. Sein Sohn Kotys war mehr Römer oder vielmehr Grieche als Thraker; er führte seinen Stammbaum zurück auf Eumolpos und Erichthonios und gewann die Hand einer Verwandten des kaiserlichen Hauses, der Urenkelin des Triumvirn Antonius; nicht bloß die griechischen und die lateinischen Poeten seiner Zeit sangen ihn an, sondern er selbst war ebenfalls und nicht getischer Dichter ^5. Der letzte der thrakischen Könige, des früh gestorbenen Kotys Sohn Rhoemetalkes, war in Rom aufgewachsen und gleich dem Herodeer Agrippa des Kaisers Gaius Jugendgespiele. Die thrakische Nation aber teilte keineswegs die römischen Neigungen des regierenden Hauses, und die Regierung überzeugte sich allmählich in Thrakien wie in Palästina, daß der schwankende, nur durch beständiges Eingreifen der Schutzmacht aufrecht erhaltene Vasallenthron weder für sie noch für das Land von Nutzen und die Einführung der unmittelbaren Verwaltung in jeder Hinsicht vorzuziehen sei. Kaiser Tiberius benutzte die in dem thrakischen Königshause entstandenen Zerwürfnisse, um in der Form der Vormundschaftsführung über die unmündigen Prinzen im Jahre 19 einen römischen Statthalter, Titus Trebellenus Rufus, nach Thrakien zu schicken. Doch vollzog sich diese Okkupation nicht ohne freilich erfolglosen, aber ernstlichen Widerstand des Volkes, das namentlich in den Bergtälern sich um die von Rom gesetzten Herrscher wenig kümmerte, und dessen Mannschaften, von ihren Stammhäuptern geführt, sich kaum als königliche, noch weniger als römische Soldaten fühlten. Die Sendung des Trebellenus rief im Jahre 21 einen Aufstand hervor, an dem nicht bloß die angesehensten thrakischen Völkerschaften sich beteiligten, sondern der größere Verhältnisse anzunehmen drohte; Boten der Insurgenten gingen über den Haemus, um in Mösien und vielleicht noch weiter hin den Nationalkrieg zu entfachen. Indes die mösischen Legionen erschienen rechtzeitig, um Philippopolis, das die Aufständischen belagerten, zu entsetzen und die Bewegung zu unterdrücken. Aber als einige Jahre später (25) die römische Regierung in Thrakien Aushebungen anordnete, weigerten sich die Mannschaften, außerhalb des eigenen Landes zu dienen. Da keine Rücksicht darauf genommen wurde, stand das ganze Gebirge auf und es folgte ein Verzweiflungskampf, in welchem die Insurgenten, endlich durch Durst und Hunger bezwungen, zum großen Teil teils in die Schwerter der Feinde, teils in die eigenen sich stürzten und lieber dem Leben entsagten als der altgewohnten Freiheit. Das unmittelbare Regiment dauerte in der Form der Vormundschaftsführung in Thrakien bis zum Tode des Tiberius; und wenn Kaiser Gaius bei dem Antritt der Regierung dem thrakischen Jugendfreund ebenso wie dem jüdischen die Herrschaft zurückgab, so machte wenige Jahre darauf, im Jahre 46, die Regierung des Claudius ihr definitiv ein Ende. Auch diese schließliche Einziehung des Königreichs und Umwandlung in einen römischen Bezirk traf noch auf eine gleich hoffnungslose und gleich hartnäckige Gegenwehr. Aber mit der Einführung der unmittelbaren Verwaltung ist der Widerstand gebrochen. Eine Legion hat der Statthalter, anfangs von Ritter-, seit Traian von Senatorenrang, niemals gehabt; die in das Land gelegte Besatzung, wenn sie auch nicht stärker war als 2000 Mann nebst einem kleinen bei Perinthos stationierten Geschwader, genügte in Verbindung mit den sonst von der Regierung getroffenen Vorsichtsmaßregeln, um die Thraker niederzuhalten. Mit der Anlegung der Militärstraßen wurde gleich nach der Einziehung begonnen; wir finden, daß die bei dem Zustand des Landes erforderlichen Stationsgebäude für die Unterkunft der Reisenden bereits im Jahre 61 von der Regierung eingerichtet und dem Verkehr übergeben wurden. Thrakien ist seitdem eine gehorsame und wichtige Reichsprovinz; kaum hat irgendeine andere für alle Teile der Kriegsmacht, insbesondere auch für die Reiterei und die Flotte, so zahlreiche Mannschaften gestellt wie dieses alte Heimatland der Fechter und der Lohnsoldaten.
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^4 Das sagt Tac. ann. 2, 64 ausdrücklich. Freie Thraker, vom römischen Standpunkt aus betrachtet, gab es damals nicht; wohl aber behauptete das thrakische Gebirge, namentlich die Rhodope der Besser, auch im Friedensstand den von Rom eingesetzten Fürsten gegenüber eine kaum als Untertänigkeit zu bezeichnende Stellung; sie erkannten wohl den König an, gehorchten ihm aber, wie Tacitus (a. a. O. und 4, 46 u. 51) sagt, nur, wenn es ihnen paßte.
^5 Wir haben noch ein Kotys gewidmetes griechisches Epigramm des Antipater von Thessalonike (Anthol. Planud. 4, 75), desselben Dichters, der auch den Thrakersieger Piso feierte, und eine an Kotys gerichtete lateinische Epistel in Versen des Ovidius (Pont. 2, 9).