^7 Daß das regnum Vannianum (Plin. nat. 4, 12, 81), der Suebenstaat (Tac. ann. 12, 29; hist. 3, 5 u. 21) nicht bloß, wie es nach Tacitus ann. 2, 63 scheinen könnte, auf die Wohnsitze der mit Maroboduus und Catualda übergetretenen Leute, sondern auf das ganze Gebiet der Markomannen und Quaden bezogen werden muß, zeigt deutlich der zweite Bericht ann. 12, 29 u. 30, da hier als Gegner des Vannius neben seinen eigenen insurgierten Untertanen die westlich und nördlich an Böhmen angrenzenden Völker, die Hermunduren und Lugier, erscheinen. Als Grenze gegen Osten bezeichnet Plinius (a. a. O.) die Gegend von Carnuntum (Germanorum ibi confinium), genauer den Fluß Marus oder Duria, der die Sueben und das regnum Vannianum von ihren östlichen Nachbarn scheidet, mag man nun das dirimens eos mit Müllenhoff (SB Berlin 1883, S. 871) auf die Jazygen oder, was näher liegt, auf die Bastarner beziehen. Sachlich grenzten wohl beide, die Jazygen südlich, die Bastarner nördlich, mit den Quaden des Marchtals. Demnach ist der Marus die March und die Scheide machen die zwischen dem March- und dem Waagtal sich erstreckenden kleinen Karpaten. Wenn also jene Gefolgschaften inter flumen Marum et Cusum angesiedelt werden, so ist der sonst nicht genannte Cusus, falls die Angabe genau ist, nicht die Waag oder gar, wie Müllenhoff meinte, die, unterhalb Gran in die Donau fallende Eipel, sondern ein Zufluß der Donau westlich der March, etwa der Gusen bei Linz. Auch fordert die Erzählung bei Tacitus (ann. 12, 29 u. 30), daß das Gebiet des Vannius westlich noch über die March hinausgereicht hat. Die Subskription unter dem ersten Buch der Betrachtungen des Kaisers Marcus εν Κουάδοις πρός τώ Γρανοία beweist wohl, daß damals der Quadenstaat sich bis zum Granfluß erstreckte; aber dieser Staat deckt sich nicht mit dem regnum Vannianum.

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In der Ebene zwischen Donau und Theiß, ostwärts von dem römischen Pannonien, hat zwischen dieses und die thrakischen Daker sich ein Splitter geschoben des wahrscheinlich zum medisch-persischen Stamm gehörigen Volkes der Sarmaten, das, nomadisch lebend als Hirten- und Reitervolk, die weite osteuropäische Ebene zum großen Teil füllte; es sind dies die Jazygen, die “ausgewanderten” (μετανάσται) genannt zum Unterschied von dem am Schwarzen Meer zurückgebliebenen Hauptstamm. Die Benennung zeigt, daß sie erst verhältnismäßig spät in diese Gegenden vorgedrungen sind; vielleicht gehört ihre Einwanderung mit zu den Stößen, unter denen um die Zeit der Actischen Schlacht das Dakerreich des Burebista zusammenbrach. Uns begegnen sie hier zuerst unter Kaiser Claudius; dem Suebenkönig Vannius stellten die Jazygen für seine Kriege die Reiterei. Die römische Regierung war auf der Hut vor den flinken und räuberischen Reiterscharen, stand aber übrigens zu ihnen nicht in feindlichen Beziehungen. Als die Donaulegionen im Jahre 70 nach Italien marschierten, um Vespasian auf den Thron zu setzen, lehnten sie den von den Jazygen angebotenen Reiterzuzug ab und führten nur in schicklicher Form eine Anzahl der Vornehmsten mit sich, damit diese inzwischen für die Ruhe an der entblößten Grenze bürgten.

Ernstlicher und dauernder Wacht bedurfte es weiter abwärts an der unteren Donau. Jenseits des mächtigen Stromes, der jetzt des Reiches Grenze war, saßen hier in den Ebenen der Walachei und dem heutigen Siebenbürgen die Daker, in dem östlichen Flachland, in der Moldau, Bessarabien und weiter hin zunächst die germanischen Bastarner, alsdann sarmatische Stämme, wie die Roxolaner, ein Reitervolk gleich den Jazygen, anfänglich zwischen Dnjepr und Don, dann am Meerufer entlang vorrückend. In den ersten Jahren des Tiberius verstärkte der Lehnsfürst von Thrakien seine Truppen, um die Bastarner und Skythen abzuwehren; in Tiberius’ späteren Jahren wurde unter anderen Beweisen seines mehr und mehr alles gehen lassenden Regiments geltend gemacht, daß er die Einfälle der Daker und der Sarmaten ungestraft hinnehme. Wie es in den letzten Jahren Neros diesseits und jenseits der Donaumündung zuging, zeigt ungefähr der zufällig erhaltene Bericht des damaligen Statthalters von Mösien, Tiberius Plautius Silvanus Aelianus. Dieser “führte über 100000 jenseits der Donau wohnhafte Männer mit ihren Weibern und Kindern und ihren Fürsten oder Königen über den Fluß, so daß sie der Steuerentrichtung unterlagen. Eine Bewegung der Sarmaten unterdrückte er, bevor sie zum Ausbruch kam, obwohl er einen großen Teil seiner Truppen zur Kriegführung in Armenien (an Corbulo) abgegeben hatte. Eine Anzahl bis dahin unbekannter oder mit den Römern in Fehde stehender Könige führte er über auf das römische Ufer und nötigte sie, vor den römischen Feldzeichen den Fußfall zu tun. Den Königen der Bastarner und der Roxolaner sandte er die gefangenen oder den Feinden wieder abgenommenen Söhne, denen der Daker die gefangenen Brüder zurück ^8 und nahm von mehreren derselben Geiseln. Dadurch wurde der Friedensstand der Provinz sowohl befestigt wie weiter erstreckt. Auch den König der Skythen bestimmte er, abzustehen von der Belagerung der Stadt Chersonesos (Sevastopol) jenseits des Borysthenes. Es war der erste, der durch große Getreidesendungen aus dieser Provinz das Brot in Rom wohlfeiler machte”. Man erkennt hier deutlich sowohl den unter der Julisch-Claudischen Dynastie am linken Donauufer gärenden Völkerstrudel, wie auch den starken Arm der Reichsgewalt, der selbst über den Strom hinüber die Griechenstädte am Dnjepr und in der Krim noch zu schützen suchte und einigermaßen auch zu schützen vermochte, wie dies bei der Darstellung der griechischen Verhältnisse weiter dargelegt werden wird.

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^8 Regibus Bastarnarum et Roxolanorum filios, Dacorum fratrum captos aut hostibus ereptos remisit (Orelli 750) ist verschrieben; es muß Fratres heißen oder allenfalls fratrum filios. Ebenso ist nachher per quaezu lesen für per quem und rege statt regem.

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Indes die Streitkräfte, über welche Rom hier verfügte, waren mehr als unzulänglich. Die geringfügige Besatzung Kleinasiens und die ebenfalls geringe Flotte auf dem Schwarzen Meer kamen höchstens für die griechischen Anwohner der nördlichen und der westlichen Küste desselben in Betracht. Dem Statthalter von Mösien, der mit seinen beiden Legionen das Donauufer von Belgrad bis zur Mündung zu schirmen hatte, war eine sehr schwierige Aufgabe gestellt; und die Beihilfe der wenig botmäßigen Thraker war unter Umständen eine Gefahr mehr. Insbesondere nach der Mündung der Donau zu mangelte ein genügendes Bollwerk gegen die hier mit steigender Wucht andrängenden Barbaren. Der zweimalige Abzug der Donaulegionen nach Italien in den Wirren nach Neros Tod rief mehr noch an der Donaumündung als am Unterrhein Einfälle der Nachbarvölker hervor, zuerst der Roxolaner, dann der Daker, dann der Sarmaten, das heißt wohl der Jazygen. Es waren schwere Kämpfe; in einem dieser Gefechte, wie es scheint gegen die Jazygen, blieb der tapfere Statthalter von Mösien, Gaius Fonteius Agrippa. Dennoch schritt Vespasian nicht zu einer Vermehrung der Donauarmee ^9; die Notwendigkeit, die asiatischen Garnisonen zu verstärken, muß noch dringender erschienen sein und die damals besonders gebotene Sparsamkeit verbot jede Erhöhung der Gesamtarmee. Er begnügte sich, wie es die Befriedung des Binnenlandes erlaubte und die an der Grenze bestehenden Verhältnisse sowie die durch die Einziehung Thrakiens herbeigeführte Auflösung der thrakischen Truppen gebieterisch verlangten, die großen Lager der Donauarmee an die Reichsgrenze vorzuschieben. So kamen die pannonischen von der Drau weg dem Suebenreich gegenüber nach Carnuntum und Vindobona und die dalmatischen von der Kerka und der Cettina an die mösischen Donauufer ^10, so daß der Statthalter von Mösien seitdem über die doppelte Zahl von Legionen verfügte.

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^9 In Pannonien standen um das Jahr 70 zwei Legionen, die 13. gemina und die 15. Apollinaris, für welche letztere während ihrer Beteiligung am Armenischen Krieg einige Zeit die 7. gemina eintrat (CIL III, p. 482). Von den beiden später hinzugetretenen Legionen, 1. adiutrix und 2. adiutrix, lag die erste noch im Anfang der Regierung Traians in Obergermanien und kann erst unter diesem nach Pannonien gekommen sein; die zweite unter Vespasian in Britannien stationierte ist wahrscheinlich erst unter Domitian nach Pannonien gekommen. Auch das mösische Heer zählte nach der Vereinigung mit dem dalmatischen unter Vespasian wahrscheinlich nur vier Legionen, also soviel wie bisher beide Heere zusammen, die späteren obermösischen 4. Flavia und 7. Claudia und die späteren untermösischen 1. Italica und 5. Macedonica. Die durch die Hin- und Hermärsche des Vierkaiserjahres verschobenen Stellungen (Marquardt, Römische Staatsverwaltung, Bd. 2, S. 435), welche zeitweilig drei Legionen nach Mösien brachten, dürfen nicht täuschen. Die spätere dritte untermösische Legion, die 11., stand noch unter Traian in Obergermanien.