Sie glauben also, daß Sie sie kennen? fragte Guste.
Der Professor nickte würdevoll. Wenn es die wäre, sagte er, so hätte eine gelinde Kopföffnung ihr nicht schaden können. Aber sie ist es nicht.
Ich ging mit einem meiner Freunde, dem Baron Leichtwitz, dicht an ihr vorüber. Leichtwitz sagte: Süperbes Fleisch! worauf sie ihn mit ihren stolzen Augen starr ansah. — Wir hätten die Narbe sehen müssen; aber gestern, der Mensch mit dem großen Bart, der die Tücher wiederbrachte, ich bin noch jetzt beinahe überzeugt, daß es ihr Bruder gewesen sein muß.
Wessen Bruder denn, lieber Herr Professor? sagte Guste neugierig.
Liebliche Unschuld! rief der Professor ihre Arme fassend, ich will kein Gemälde entwerfen von diesem Bösewicht, der zwischen uns nicht genannt zu werden verdient. — Er lächelte anmuthig und nickte zu ihr empor, plötzlich aber läutete die Glocke an der Außenthür und mit einem hastigen Ruck befreite sich die junge Frau.
In dem Augenblicke, wo dies geschah, ließ sich draußen eine kräftige und froh angeregte Stimme hören. Nein, mein lieber Freund Mertens, lauteten die deutlichen Worte, ich will selbst Ihrer guten Frau danken, für den Beistand, den sie dem armen erschrockenen Verwundeten geleistet hat. Es war eine verteufelte Geschichte. Das Pistol ging mir in der Hand los. Ich hatte es für ganz andere Dinge bestimmt. Helfen konnte ich ihr nicht, ich rief ihr zu, davonzulaufen; aber sie hat ein muthiges Herz und verdiente ein Mann zu sein.
Eine schreckliche Verlegenheit ergriff die junge Frau, als sie diese rasch und unaufhaltsam gesprochenen Worte hörte. Ihr ganzes Gesicht färbte sich mit einer dunkelen Röthe, die bis in Hals und Nacken lief. Sie wußte nicht, was sie beginnen sollte; ihre erschrockenen Augen richteten sich auf den Professor, der ganz still saß, doch ebenfalls nicht wenig verwirrt und überrascht schien.
Das Einzige was Guste in rascher Ueberlegung that, war, daß sie die Tassen auf dem Tisch zusammenpackte und tüchtig klirren ließ, während sie so heftig und laut sprach, daß sie die Stimmen draußen überschrie. — Da ist ja mein Mann, Herr Professor, rief sie. Sehen Sie wohl, Herr Professor, ich sagte, er käme gleich wieder. Nicht wahr, lieber Herr Professor, ich habe Recht, Herr Professor. Aber wer da mit ihm kommt, weiß ich nicht, Herr Professor. Anton, da ist der Herr Professor! Komm doch herein, der Herr Professor sitzt hier; der gute Herr Professor hat Dir eine Weihnachtsfreude machen wollen.
Sie winkte dabei durch die Scheibenthür und schob den grünen Vorhang zurück, hinter welchem Anton höchst rathlos und bestürzt stand und seinen Begleiter festhielt, der ihm lebhaft zuflüsterte und ihn seitwärts schieben wollte, während der Schuhmacher ihn hinderte, die Thür aufzumachen.
Nach einigen Augenblicken aber riß Guste selbst die Thür auf und deutlich genug vernahm sie, daß der Fremde leise sagte: Es ist besser, jetzt hinein als hinaus. — Dann trat er über die Schwelle und mit einer höflichen Verbeugung wandte er sich plötzlich von der jungen Frau zu dem Professor, der aufgestanden war und seinen Mantel bedächtig umwarf.