Wie! rief der Herr überrascht, wen finde ich hier? Unseren verehrten Freund, als Arbeiter im Weinberge des Herrn. Wohin muß der Himmel seine Heiligen führen, damit sie sich begegnen?! Aber welch glücklicher Zufall, lieber Professor. Ich bin hier in der Nähe bei einem Freunde, als dieser würdige Meister dort erscheint. Auch ich brauche, trotz meiner demokratischen Verwilderung, als Kulturmensch die verwünschten aristokratischen Dinger, welche man Stiefeln nennt, um festzustehen auf meinen Beinen. Sie wissen, Feststehen ist die Hauptsache! Es bleibt mir somit nichts übrig, als ihm zu folgen, und — wie die Perle in der grauen Schale finde ich hier den Mann der so oft schon mich aufrichtete, belehrte, erbaute, tröstete, und an seiner Weisheit Brüsten säugte. Bleiben Sie, theuerster Freund, bleiben Sie, wir dürfen den schönen Augenblick unseres Wiederfindens nicht zu schnell abkürzen. Der Professor hörte unerschütterlich diesen Strom von Spöttereien an, ohne eine Miene zu verziehen. Langsam griff er nach seinem Hute und nach den Papieren, die unter diesem lagen; dann richtete er sich würdevoll auf, und betrachtete den redseligen Herrn mit Blicken voll Ueberlegenheit. Herr Felix Herzer, sagte er, ich habe die Ehre, Ihnen zu bemerken, daß es mir leider an Zeit gebricht dies zufällige Zusammentreffen zu benutzen, wie es dasselbe verdient.
O! fiel der junge Mann höflich ein, ich verstehe, mein lieber Herr Professor Viereck. Sie werden jedenfalls von einigen ihrer berühmten und vornehmen Freunde erwartet und haben Besseres zu thun, als sich mit mir zu beschäftigen, aber es ist ein Wink des Schicksals, daß ich Sie finde, theurer Herr Professor, denn ich denke von Ihnen einige Nachrichten über Personen zu erhalten, die mein besonderes Interesse erregen.
Jedermann weiß, erwiderte der Professor, in seine Halsbinde fassend, daß ich allen meinen Mitmenschen gern hülfreiche Dienste leiste, und selbst — hier betrachtete er den jungen Mann mit weit geöffneten Augen und hielt einen Augenblick inne — selbst solche, mit denen ich gern nichts zu schaffen habe, sind nicht davon ausgeschlossen.
Nun denn, sagte Felix lächelnd, darf ich wohl hoffen, daß sie mir aufrichtig bekennen, ob diese christliche Menschenliebe Sie auch geleitet hat, als Sie heut hierher kamen?
Was wollen Sie damit sagen? fragte der Professor mit einem seiner starrsten Blicke.
Lassen wir das, fuhr der junge Mann fort, Friede sei mit uns und diese Stunde eine Stunde der Versöhnung. Warum also wollen Sie mir jetzt noch nachjagen mit Rossen und mit Wagen? Ich habe früher allerdings wohl zuweilen Ihren Zorn verdient, als ich in Jugendthorheit Ihre tiefsinnigen Wahrheiten anfocht und zuweilen die Lacher auf meiner Seite hatte.
Wollen Sie mich hier von Neuem beleidigen und schmähen, rief Viereck, sein rothes Gesicht mit Würde erhebend, wie Sie dies in roher Weise oft schon gethan haben?
Ich will Sie durchaus nicht beleidigen, fiel Felix demüthig ein, ich schwöre Ihnen vielmehr, daß es meine Absicht ist, Sie zu versöhnen. In wenigen Tagen schon werde ich diese Stadt und dieses Land für immer, wie ich hoffe, verlassen, mein alter Vater und meine arme Schwester, die zurückbleiben, können Ihnen keinen Grund zu Haß und Verfolgung geben.
Ich hasse und verfolge Niemanden, sagte der Professor.
Sie sind zuletzt immer noch der Unschuldigste, und ich glaube Ihnen, sagte der junge Mann. Sie besitzen aber auch einigen Einfluß auf meinen theueren Vetter Zippelmann und auf den Geheimrath. Ich weiß, daß diese Menschen trotz Allem was sie schon über uns gebracht haben, noch immer auf Böses sinnen. Ich bitte Sie, mein lieber Herr Professor Viereck, wenden Sie Ihren Einfluß an, um Ihre Freunde von weiteren Schlechtigkeiten abzuhalten, und warnen Sie den Geheimrath besonders vor so elenden Subjekten, wie sich diese in seiner Nähe befinden.