Nun, in welchem Falle, lieber Baron? fragte jener unbesorgt. — In dem Falle, daß ich wieder träumen sollte. Dann, Herr Stephani, dann werde ich Ihnen meinen Traum erzählen und eine deutliche Auslegung hinzufügen.

Mein Gott! was Sie eifrig werden, rief Stephani spottend. Ich habe mich erkältet bei dem Besuch der Königin Mab und fühle nicht die geringste Lust nach weiterer Bekanntschaft. Indeß zwingen Sie sich nicht, theurer Baron, vielleicht könnten wir uns gegenseitige Auslegungen machen, und Fräulein Elise oder Herr von Wilkau würden nicht wenig über Eines oder das Andere erstaunt sein.

Eine Röthe, die er nicht unterdrücken konnte, lief über Alfreds Stirn. Sein Blick wurde unsicher, er senkte ihn nieder; eine Reihe plötzlicher Gedanken und Vorstellungen schien ihn zu überkommen. Ich habe Ihnen schon einmal erklärt, sagte er dann, was ich darüber beschlossen habe.

Also Frieden zwischen uns, Herr von Gravenstein, rief der Assessor im Gefühle seines Uebergewichts. Lassen Sie uns einträchtig neben einander wandeln und alle Träumerei vergessen.

Alfred sah einen Augenblick über die Hand hin, welche Stephani ihm entgegenhielt und trat dann zurück, indem er sich umwandte und schweigend nach dem Fenster ging.

Nun, wie Sie wollen, lieber Baron, ganz wie Sie wollen, lachte Stephani, wir haben Zeit uns gelegentlich zu verständigen. Vor der Hand will ich den Geheimrath aufsuchen. Es bleibt also bei unserer Abrede, wir schweigen beide und träumen nicht wieder.

Während diese Scene in dem Familienzimmer vorging, war Elise hastig durch einige Thüren geeilt, bis ihr der Geheimrath entgegenkam, der sie erwartet zu haben schien.

Als er den Rock in seiner Tochter Hand erblickte, spannte sich die Erwartung in seinem Gesicht bis zum äußersten Grade. Seine Muskeln zuckten, seine Augen erhielten einen eigenthümlichen Glanz; er faßte mit katzenartigem Griff, wie ein Geizhals, der einen Schatz festhalten will, welcher ihm entrissen werden könnte, nach dem Kleidungsstück und sagte leise: Hast Du ihn wirklich, Kind? Du bist ein Engel! — Gieb her, geschwind her, wo ist die Tasche? Kehre ihn um, kehre ihn um!

Halt! Papa, halt! rief Elise. Nimm das Taschenbuch, da steckt es, den Rock muß ich waschen und reiben lassen. Es wäre zu viel für meine Nerven. — Louise soll ihn in die Kur nehmen, bald kehre ich zurück und während dessen thue was Du willst.

Mit triumphirendem Lächeln hob der Geheimrath das Taschenbuch in die Höhe und nickte seiner Tochter zu. Dann lief er auf den Zehen zu der Flügelthür, und drehte dort den Metallriegel um, und nun trat er an den Tisch und öffnete rasch den leichten Verschluß seiner Beute. Ich thue es ja nur zu unserem allseitigen wahrhaften Wohle, murmelte er vor sich hin, zur Entlarvung des Verbrechens, zur Sicherung der Ehre und des Glücks meiner Familie, und Alfred selbst muß es mir danken, wenn ich ihn zwinge, von seinem Verderben abzustehen. Mit diesen Worten durchwühlte er hastig die Seitentaschen und Doppeltaschen, in welchen verschiedene werthvolle Bank- und Kassenscheine steckten, dann zog er ein Billet heraus, das er mit einem spöttischen und haßerfüllten Blick aufschlug. Flüchtig las er den Inhalt vor sich hin: Sie wollen mir eine wichtige Mittheilung machen, ich überwinde allen Widerstand und werde gleich nach zehn Uhr auf dem Kirchplatze hinter unserem Hause mich einstellen, wie Sie es vorgeschlagen, Clara. — Da haben wir ja den Beweis, den fürchterlichen Beweis, wie weit das Einverständniß schon gekommen ist, rief er drohend. Davon darf Elise niemals ein Wort wissen, aber in der Stille will ich den leichtsinnigen Patron doch vornehmen und ihm die Leviten lesen. Er besann sich einen Augenblick, steckte das Billet aber wieder an seinen Ort und öffnete rasch die letzte Tasche, aus der ihm mehre zusammengeschlagene dünne Papiere entgegen fielen, die er sogleich erkannte.