Herr von Wilkau, antwortete Gravenstein, indem er seinen Platz verließ, dem Geheimrath entgegentrat und ihm starr ins Gesicht sah, ich muß bekennen, daß ich eine andere Ansicht von Ehre und Ehrlosigkeit habe. Ich frage in diesem Augenblick nicht, wie jene Papiere in Ihren Besitz gelangten, aber ich würde in Ihrer Stelle sehr glücklich sein, wenn dies so geheim wie möglich bliebe.

Sie haben gehört, Alfred, welche Sorgen uns drückten, sagte der Geheimrath, und wenn Sie sich selbst fragen, fügte er mit einer halb drohenden, halb lächelnden Kopfbewegung hinzu, werden Sie sich eingestehen müssen, daß ich alle Ursache hätte, ganz anders gegen Sie zu verfahren.

Ich kenne keine Ursache, gab Gravenstein stolz zurück, die Sie bewegen konnte, sich selbst in eine Lage zu bringen, welche ich nicht näher erörtern mag.

Genug und übergenug! rief Wilkau zwischen Heftigkeit und erzwungener Mäßigung schwankend. Wir wollen von Ihren abenteuerlichen Irrfahrten schweigen, allein das darf und will ich aufs bestimmteste verlangen, daß diese junge Dame da, in Gegenwart meiner Tochter, Ihrer Verlobten, nicht länger hier verweilt. Sehen Sie mich an, wie Sie wollen, Alfred. Ich halte Alles für gänzlich abgethan; mich verlangt wahrlich nicht danach, irgend wie den Gerichten vorzugreifen; ich will auch Nichts wissen, Nichts hören! Ich will es sogar zugeben, daß Frieden zwischen uns sein und bleiben soll für ewige Zeiten, was ganz von diesem Herrn Herzer und den Seinigen abhängen wird. Aber nun, wenn Sie mich recht verstanden haben, machen Sie der Sache ein Ende; Ihnen gegenüber werde ich mich vollkommen rechtfertigen.

Nein, mein Herr, sagte Clara, indem Sie Ihren Vater verließ und mit strahlenden Augen sich vor den großen Mann stellte, mir gegenüber haben Sie sich zu rechtfertigen.

Ihnen gegenüber, mein schönes Kind? fragte Wilkau, indem er sie mit frivoler Herablassung betrachtete. Wir wollen vergnügt und verträglich sein, wir wollen vergessen und vergeben; allein, fügte er hinzu, sich zu ihr niederbeugend, und seine Stimme wurde leise, obwohl er sehr deutlich und langsam sprach — wenn Sie wieder nächtliche Promenaden machen und romantisch auf Kirchhöfen umherschwärmen, so wählen Sie einen andern Freund als den, der hoffentlich sich niemals mehr dazu herbeilassen wird.

Ist es möglich! — o! — ist es möglich! flüsterte Clara todtenbleich ihre Hände im tiefsten Schmerze zusammenfaltend. Ihr Auge heftete auf Alfred mit einem unbeschreiblichen Ausdrucke des Vorwurfs und der Anklage, dann aber wandte sie sich zu ihrem Bruder um, der neben sie getreten war, und den Geheimrath in einige Bestürzung versetzt hatte.

Herr von Wilkau, sagte Felix, ich weiß, wie Sie über mich denken, und erlaube Ihnen gern von mir zu behaupten oder auszusprechen, was Ihnen gefällt. Wagen Sie es aber meine Schwester zu beleidigen, mit verläumderischer Bosheit die anzutasten, deren natürlicher Beschützer ich bin, so werde ich Ihnen die ganze Reihe Ihrer unsittlichen Bestrebungen vorhalten und Sie öffentlich so behandeln, wie Sie es verdienen.

Wirklich! rief der Geheimrath von geheimer Furcht und Wuth erfüllt. Sie wollen das — Sie? — Entfernen Sie sich augenblicklich — wir werden uns weiter sprechen. Diese Frechheit ist unglaublich!

Unglaublich! schrie der Professor, sich an der Binde in die Luft ziehend.