Sie sind ein Mann der Ruhe und Ordnung, lachte der Geheimrath. Ich erinnere mich, daß als Sie noch hier studirten und in unserem Hause wohnten, Alles in Ihrem Zimmer aufs Sauberste aussah und Ihre Pünktlichkeit bewundernswerth war.

Zu den Flüchtigen und Zerstreuten, das heißt, zu den liebenswürdigen Verwirrten habe ich nie gehört, erwiederte Alfred lächelnd. Ich halte den Sinn für Ordnung für Etwas, was mit dem Lebensglück der Menschen in engster Wechselwirkung steht. Eben dieser Sinn für Ordnung ist es, der den Meisten leider fehlt, daher die Unordnung, der Leichtsinn, die wachsende Verarmung, und so in Kettenschlüssen weiter: die wachsenden Verbrechen, die Eingriffe in die Rechte und das Eigenthum Anderer, der Aufruhr, der Verrath.

Sehr wahr, nur zu wahr! rief der Geheimrath, der diese Worte mit beifälligem Kopfnicken begleitete, aber wer will der Prophet in der Wüste sein, und was nützt es den Leidenschaften Weisheit zu predigen? Sie haben dazu die volle Energie gehabt, Alfred, haben sich dem Strom entgegengeworfen, haben Sie aber nicht dafür auch den Haß und die Rache einer ganzen Partei auf sich geladen.

Der junge Herr von Gravenstein lächelte verächtlich. Er schlug die Arme über seine breite Brust und hob stolz seinen Kopf auf, der nicht aussah, als wohne ein Gefühl der Furcht darin. Die hohe kräftige Gestalt sah ritterlich genug aus, um Helm und Harnisch seiner Ahnen aus dem vierzehnten Jahrhundert wieder umzuschnallen. Kurzes blondes Haar fiel auf eine eckige Stirn, unter welcher große blaue Augen glänzten, die nur zu starr blickten, um schön zu sein. Ein kurzer blonder Bart hielt Lippe und Kinn besetzt, und dies Gesicht voll entschlossener, fester Züge hatte etwas zurückschreckend Strenges und Hartes.

Die Feigheit dieser sogenannten Partei, sagte er, ist wenigstens eben so groß wie ihre Verworfenheit.

Nun, sprach der Geheimrath, es kommen doch noch immer Fälle vor, an denen man sieht, daß verwegene Bursche, die zum Aergsten entschlossen sind, der Rotte nicht fehlen.

Sie nennen das rechte Wort, erwiderte Alfred. Eine Rotte von Elenden aller Art soll uns jedoch nicht mehr beschäftigen, als unumgänglich nöthig ist.

Ich fürchte dennoch, fiel Wilkau lächelnd ein, daß Sie mancherlei mit ihr zu thun haben werden, eben weil es unumgänglich nöthig ist. Ich habe Sie in meinem Briefe darauf vorbereitet.

Sie haben mir geschrieben, sagte Alfred, daß die fünftausend Thaler, welche meine verstorbene Mutter dem Herrn Herzer geliehen hat, in Gefahr sind, verloren zu gehen, und mich aufgefordert, die nöthigen Schritte zu thun.

So ist es, gab der Geheimrath zur Antwort, und ich halte mich doppelt verpflichtet Ihnen beizustehen, weil ich es war, der Ihre Mutter bewog, das Geld herzugeben. — Es sind jetzt zehn Jahre her, Herzer war damals uns genau befreundet, er brauchte das Geld zur Vergrößerung seiner Fabrik musikalischer Instrumente, zum Bau einer Schneidemühle und Dampfmaschine, und da er ein eben so geschickter Künstler wie spekulativer Kaufmann war, trug ich gern dazu bei, Ihre Mutter zu bestimmen, ihm ein Kapital anzuvertrauen. Haben Sie die Schuldverschreibung mitgebracht?