Zwei Herren unterhielten die Geheimräthin, während Elise am Tische sitzend in einem Hefte zu lesen schien.
Nun da ist Alfred, sagte der Geheimrath, zugleich nickte er dem Besuch freundlich entgegen und setzte dann hinzu: das trifft sich ja herrlich, Sie so früh bei uns zu sehen. Herr Professor Viereck, Herr Alfred von Gravenstein, Herr Zippelmann, unser lieber Freund und Hauswirth. Er deutete dabei auf die beiden Herren und auf Alfred, der die Vorstellungsverbeugungen kurz und steif erwiderte.
Herr Zippelmann, eine ziemlich hagere Gestalt, machte dagegen eine sehr unterthänige Reverenz. Sein kahler Kopf, der von grauen Haarstreifen bedeckt war, die aus dem Nacken aufwärts gekämmt, höchst kunstvoll und lebensgefährlich an den Ohren vorbei nach dem Scheitel aufwärts liefen, neigte sich so tief, als wollte er versuchen, ob es möglich sei, mit der langen, schmalen Nase die Stiefelspitzen zu erreichen. Sein Rücken blieb eine volle Minute dann in so horizontaler Richtung, daß Alfred von Gravenstein unwillkürlich lächelte, weil ihm die Geschichte einfiel, in welcher ein Fürst seinem devoten Minister aus Zerstreuung die Kaffeetasse auf den gekrümmten Rücken setzt und nach einer halben Stunde sie noch auf derselben Stelle findet. Er war überzeugt, daß Herr Zippelmann es ganz eben so gemacht haben würde, obwohl er diesmal nicht so lange aushielt, sondern mit einem Blinzeln aus seinen grauen Augen und einem einnehmenden Grinsen sich wieder aufrichtete.
Ganz unähnlich diesem höflichen Nachbar schien der Professor, ein im Hochgefühl seines Ichs schwelgender Mann zu sein. Er war klein und rund, eine gewaltige Silberbrille saß auf einer etwas dicken, aufgestülpten Nase, zu der sein röthliches, aufgedunsenes Gesicht vortrefflich paßte. Aber er trug sich stolz, und ein gewisses herausforderndes Wesen begleitete den kurzen stummen Gruß und den messenden Blick, welchen er auf Alfred warf.
Der Herr Professor ist so gütig gewesen, lieber Wilkau, sagte die Geheimräthin, uns die erfreuliche Nachricht zu bringen, daß unsere Weihnachtssammlung einen höchst günstigen Fortgang hat. Sie müssen wissen, lieber Alfred, daß wir in unserem patriotischen, konservativen Vereine den Beschluß gefaßt haben, unseren ärmeren leidenden Mitbürgern und deren Kindern eine Weihnachtsfreude zu machen.
Ein höchst edler und menschlich schöner Entschluß, erwiderte der junge Mann, indem er sich zu Elisen wandte.
An welchem die Damen mit ihrem schönen Mitleid das meiste Verdienst sich zusprechen dürfen, wie ich die Ehre habe zu bemerken, fiel der Professor mit einer pathetischen Handbewegung ein.
Wissen Sie was, Professor? sagte Herr Zippelmann sich grinsend die Hände reibend, es ist eine schöne Idee, ungefähr so wie die deutsche Einheit, Hehe! — Ist es nicht wahr, Herr Geheimrath, wie die deutsche Einheit? Ganz akkurat so wie die deutsche Einheit! Der Professor zuckte mit einem stieren Blick auf Herrn Zippelmann die Achseln. — Ich weiß in der That nicht, sagte der Geheimrath lachend, wie Sie Ihren Vergleich rechtfertigen wollen.
Hehe! sagte Herr Zippelmann, die deutsche Einheit war auch so eine Bescheerung für das deutsche Volk, das sich dazu freute, wie Kinder zum Christbaum, und von der Nichts übrig geblieben ist, gerade so wie von unserer Sammlung Nichts übrig bleiben wird, als das Gelüste, es möchte bald wieder Weihnachten sein und unsere Taschen sich dann noch etwas weiter aufthun.
Ich denke, fiel die Geheimräthin mit einem frommen Blicke ein, Jeder wird die Taschen so weit aufthun, wie er es immer vermag, um seine leidenden Mitbrüder zu unterstützen.