Das Sicherste wäre es jedenfalls, erwiderte Wilkau lachend, indeß muß ich dem Herrn Professor doch Recht geben, daß die sanften Mittel der Menschenliebe viele Verirrte und Irrende zur Wahrheit und Vernunft zurückführte. Mit den Unverbesserlichen wird man sich nicht einlassen, allein den Schwachen und Zagenden muß man die Hand reichen, ihnen muß man zeigen, daß ihre wiederkehrende gute Gesinnung Beistand und Hülfe zu erwarten hat. So betrachte ich unseren Verein und diese Weihnachtssammlung. Wir sind eine Art Freimaurerorden. Unsere Bundesbrüder haben Rechte an uns, wer zu uns tritt, muß Schutz finden. Er muß unsere Zeichen tragen, unseren Fahnen folgen, unsere Götter anbeten. Wollte man sich damit einlassen, Jedem zu geben, so würde ich es abgeschmackt finden, denn wir haben einen bestimmten Zweck bei unseren Wohlthaten.
Es fällt uns auch gar nicht ein, die Demokraten zu bestechen, sagte der Professor mit einem strengen Blick auf Herrn Zippelmann. Im Gegentheil, wir wollen mit diesem fabelhaften Wesen nichts gemein haben. Ich habe die Ehre, fabelhaft zu sagen, denn ich möchte wissen, was denn eigentlich ein Demokrat sei?! Ich weiß es nicht, rief er, sich auf die Brust schlagend, und wie Viele ich schon darnach gefragt habe, es weiß es kein Mensch. Die Demokraten wissen es am allerwenigsten.
Hehe! rief Herr Zippelmann, es ist Schade, daß Sie nicht vor einer halben Stunde etwa mich besucht haben, Professor Viereck, es war gerade Einer bei mir, der Ihnen eine gute Erklärung darüber geben konnte: der junge Herzer, Felix Herzer, Sie kennen ihn doch?
Der Professor wurde roth und stierte den Rentier wild an. Ich habe die Ehre Ihnen zu bemerken, sagte er dann stolz, daß ich mit der Gemeinheit mich nie befasse, sondern nur mit Leuten umgehe, die eine Debatte wissenschaftlich zu führen wissen. Mein Freund, der Baron Hellwitz, sagte neulich: Gott sei Dank, daß wir uns wieder gehörig waschen und mit Handschuhen in Gesellschaft gehen dürfen. Das haben wir endlich glücklich erreicht. Wir haben die Gemeinheit wieder in den Winkel gebracht und können das Sprichwort von Neuem anwenden: Sage mir, mit wem du umgehst und ich will dir sagen, wer du bist. Er schleuderte einen seiner vernichtenden Blicke auf Herrn Zippelmann, der ihn schalkhaft angrinste und seine langen, magern Hände rieb, während der Professor von der Geheimräthin zum Fenster genöthigt wurde, wo sie ihn mit der Weihnachtssammlung beschäftigte, um den Streit abzubrechen.
Alfred von Gravenstein hatte während dieser ganzen Zeit am Tisch Elisen gegenüber gesessen und mit ihr Vielerlei halblaut und heimlich gesprochen. Ihre zahlreichen Erinnerungen aus früheren Tagen beschäftigten sie, Personen und Verhältnisse boten reichlichen Stoff, und Gravenstein hatte dabei Gelegenheit, die schöne Tochter des Geheimraths seiner kritischen Prüfung zu unterwerfen. — Elise war in der That eine glänzende Erscheinung. Groß und schlank, ein wenig blaß, aber die Hautfarbe durchsichtig klar und die graublauen Augen nicht ohne Feuer und Stolz, war sie aller ihrer Vorzüge und Ansprüche sich bewußt. Ihre fein gewählte Toilette war eben so einfach wie zierlich, und was Alfred immer bewundert hatte, den Reiz ihrer Unterhaltung, ihre lebhaften Fragen und Antworten und ihre muthwilligen Neckereien und Scherze, die von einem allerliebsten Lachen begleitet wurden, fand er im reichsten Maße wieder.
Ich wollte, sagte sie endlich halblaut bei dem Gezänk des Professors, wir könnten ungestört unsere Herzen ausschütten. Diese langweiligen Pedanten mit ihren Vereinen und politischen Salbadereien fangen an mir unerträglich zu werden.
Ei, erwiderte Alfred lächelnd, haben Sie gar keine politischen und patriotischen Sympathien, Elise?
Wie können Sie zweifeln, war die Antwort. Ich glaube wirklich, daß ich mir einiges Verdienst zuschreiben darf, meinen Vater von kleinen Abirrungen auf den rechten Weg geführt zu haben. Mir ist nichts widerlicher als das souveräne Volk und was damit zusammenhängt. Ich habe einigen Volksfesten und Volksbällen beiwohnen müssen, die mir den Geschmack auf immer verdorben haben.
Aber wenn ich nicht irre, sagte er mit einem spöttischen Zucken der Lippen, sind Sie durch diesen glorreichen Professor und seines Gleichen nicht sehr viel gebessert. Die konservativen Bälle und Feste um Gevatter Schneider und Handschuhmacher zu veredeln und patriotisch heraufzubilden, sind nach den Beschreibungen, welche ich davon erhalten habe, auch nicht besonders einladend.
Elise nickte ihm lustig zu. Ich werde dafür sorgen, flüsterte sie, daß Sie nächstens selbst die Probe machen. Es ist herzzerreißend, aber es hat doch viel Komisches, zu sehen, wie Herren und Damen aus den feinsten Kreisen, die früher um keinen Preis sich in die Nähe dieser Handwerker und Arbeiter gewagt hätten, jetzt mit spartanischer Selbstverläugnung Geld, Zeit und sich selbst wegwerfen, um sie zu unterhalten, zu belustigen, zu erfreuen und in brüderlicher Vertraulichkeit bei guter Laune zu erhalten.