Gut! rief der Fabrikant, sich die Stirn trocknend, gut! ich will darüber kein Wort verlieren; aber wenn ich arbeiten ließ, als viele Andere, weit reichere als ich, ihre Arbeiter dem Hunger Preis gaben, so war dies eine Handlung, die ich mir immer zur Ehre rechnen darf. Ich habe dreißig Familien nicht untergehen lassen, fuhr er angeregter fort, mag man eine Meinung haben, welche man will, soweit sollte jedoch die Humanität einer edleren Natur sich nicht vom Parteihasse überwältigen und als Werkzeug gebrauchen lassen, um in niedrige Beschuldigungen einzustimmen.
Genug, Herr Herzer, rief Alfred aufstehend, Sie wollen schuldlos sein, ich habe nichts dagegen. Sparen Sie sich alle Auseinandersetzungen. Ich kenne Ihre Lage vollkommen. Wollen Sie es läugnen, daß Sie so eben den ganzen Bestand Ihres Lagers in’s Ausland schicken, während Sie hier Ihre Verpflichtungen nicht zu erfüllen vermögen?
Er blickte dem Fabrikanten stolz in’s Auge, der sich zu sammeln suchte und den Kopf verneinend schüttelte, plötzlich aber das Gesicht dem Fenster zuwendete, vor welchem draußen auf der Straße ein riesenhaft großer Mann stand, der in seinen Mantel gehüllt, starr hineinschaute.
Was ist das? rief Herzer. Der Executionsdirektor! Ich kenne ihn, was will er? Was haben Sie gegen mich im Sinne, Herr von Gravenstein?
Ich werde nicht dulden, daß Sie die Gegenstände, welche mir allein Sicherheit gewähren könnten, fortführen lassen, sagte Alfred. Ihr Schuldschein verpfändet Ihre ganze bewegliche Habe. Ich bin in vollem Rechte, wenn ich diese mit Beschlag belege.
So ist es wirklich Ihr Wille, mich zu ruiniren? sagte der Fabrikant vorwurfsvoll und fragend.
Ich will es nicht, aber ich kann es nicht ändern, erwiderte Alfred. Ich verlange mein Eigenthum.
Mein Gott! mein Gott! rief Herr Herzer in ausbrechender Heftigkeit. Der hartherzigste Wucherer würde menschlicher verfahren.
In diesem Augenblick öffnete sich die Thür im Hintergrunde, durch welche Clara herein trat, welche auf einem glänzenden Blech eine Flasche und mehrere Gläser trug. — Als sie ihres Vaters Ausruf hörte und ihn stehen sah, die Hände gefaltet, den Kopf niedergebeugt, sein Gesicht dunkelroth und sein weißes Haar darüber hinfliegend, die ganze Gestalt ein Bild der grausamsten Pein und Aufregung, stellte sie das Brett hastig auf einen Stuhl und schlang ihre Arme um den alten Mann, indem sie mit unbeschreiblichem Vorwurf Alfred betrachtete. — Aber fast mit ihr zugleich war aus dem anstoßenden Comtoir auch ihr Bruder in das große Zimmer getreten, und ehe sie eine Frage thun konnte, nahm Felix das Wort.
Es haben sich an unserer Thür drei oder vier Männer aufgestellt, die Ihres Winkes gewärtig sind, Herr von Gravenstein, sagte er vollkommen ruhig. Sie haben alle Vorbereitungen getroffen, eine Familie zu vernichten, die bis dahin in Ehren lebte, und mehr als je eben jetzt hoffen durfte, aus unverschuldetem Mißgeschick zu kommen. — Ehe Sie Ihr Werk vollenden, gestatten Sie mir auf einen Augenblick Gehör; vielleicht gelingt es mir, Sie zu einer kurzen Geduld zu bewegen. — Es lag etwas Unwiderstehliches in der Art dieser Aufforderung. Alfreds bedenkender Blick flog von dem ruhigen Gesicht des jungen Mannes auf Clara, die ihn bittend anschaute. — Er folgte Felix in das Comtoir, aus welchem einige Minuten lang die dumpfen Stimmen der Sprechenden herüberschallten. — Der Fabrikant saß erschöpft, die Arme gekreuzt, den Kopf tief niedergebeugt, wie Einer, der alle Hoffnungen aufgegeben hat; seine Tochter wagte kein Wort; sie legte die Hände um seine Schultern, als wollte sie ihn vor sich selbst schützen. Plötzlich aber hörten sie, daß die Thür draußen geöffnet und geschlossen wurde. — Gleich darauf trat Felix wieder herein, der auf seinen Vater zuging, ihm die Hand reichte und lächelnd sagte: