Stephani? — Sonderbar.

Sehr sonderbar, sagte der Beamte.

Bah! lachte Wilkau. Sie wissen, junge Herren treiben Scherz, beobachten sich, oder es mag Fürsorge gewesen sein; genug, mein lieber Nachbar, ich sage Ihnen den besten Dank und bitte Sie, die genaue Ueberwachung fortzusetzen. — Den Eifer der Wächter und ihre großen Mühen kann ich freilich nicht belohnen, aber die buona mano, wie die Italiener sagen, kann ich mir nicht versagen.

Er reichte dem Beamten lächelnd die Hand, und drückte ein Zettelchen hinein, das wie eine Banknote aussah, welche der würdige Mann jedoch vorläufig gar nicht zu bemerken schien. — Er empfahl sich mit einer devoten Verbeugung, und als er fort war, setzte sich der Geheimrath nachdenkend in seinen Arbeitsstuhl, rieb sich die Nase und murmelte allerlei Worte dumpf vor sich hin, bis er plötzlich nachdrücklich sagte: Jedenfalls ist Alfred auf schlechten Wegen. Was soll das Alles heißen? Die Beschlagnahme erfolgt nicht. Abends spät läuft er an dem Hause vorbei, hört das Geklimper und bleibt lange Zeit dort stehen. — Ich kann es nicht denken, daß er von diesen Menschen sich angezogen fühlt. Aber was haben sie ihm angethan, wie haben sie ihn gekirrt? Ich bin auf’s Aeußerste begierig. Der Assessor, ja, der Assessor, der muß uns helfen, das ist der Mann dazu.

Während der Geheimrath in seinem Zimmer nun weiter grübelte und über Alfreds Sentimentalität und Thorheit sich ärgerte, war auf der anderen Seite der glänzenden Wohnung die Geheimräthin auch nicht ohne Besuch. Sie saß vor ihrem Arbeitstische wie auf einem Throne, eine Feder als Zepter in der Hand, und vor ihr standen zwei arme Sünder um Gnade flehend, von denen der Eine wenigstens sehr verlegen und niedergeschlagen aussah.

Es war das Ehepaar aus dem Keller des fünfstöckigen Hauses, Anton Mertens und seine rüstige Gattin. — Er hielt den Hut zwischen seinen Händen und drehte daran umher, während sein Kopf gar nicht in die Höhe wollte und sein sonst blasses Gesicht einen röthlichen Schimmer der Freude oder Schaam trug. — Guste stand neben ihm und schien nicht wenig über das linkische Benehmen ihres Mannes erzürnt zu sein. Ihre Augen flogen wie Richtschwerter über ihn hin; es war deutlich zu sehen, was ihr auf den Lippen saß, aber sie wagte doch nicht einen Vorwurf oder eine Klage auszusprechen.

Ihr habt also endlich Einsehen gehabt und wollt vernünftig werden, sagte die Geheimräthin mit einem gütigen Kopfnicken. Nun, der liebe Gott weist auch die nicht zurück, welche zuletzt kommen, also werden wir es nicht anders machen wollen; aber das muß ich dennoch sagen, von Anton hat mich die Halsstarrigkeit tief betrübt. Ein Mensch, der uns so viel zu danken hat, hätte niemals mit solchem Trotze gegen uns sich auflehnen müssen.

Der Schuhmacher zuckte die Achseln und stieß einige brummende Töne hervor, die unter seinem Hute sich verloren.

Ach! liebe, gnädige Frau, bat Guste, ängstlich die Hände faltend, es steht ja in der heiligen Schrift: Richtet nicht, so werdet ihr nicht gerichtet!

Ja wohl, Auguste, das steht da, sagte die Geheimräthin, und eben deswegen, eben weil wir alle Christen sind und jeder Christ seinen Mitmenschen liebend aufheben soll, wenn er fällt, darum will ich auch Alles vergessen, wenn Anton jetzt ernstlich und eifrig vom Bösen sich zu dem Guten wendet und Beweise giebt, daß er bereut.