Wenn ich nie stolz war, rief der Professor, indem er hastig aufstand und mit der einen Hand die Hand der Geheimräthin festhielt, mit der andern seine Halsbinde ergriff, so muß ich es jetzt werden. Alle Zweifel geben sich gefangen, alle Pulse klopfen; schamhaft muß ich eingestehen, daß ich rebellisches Blut besitze. Meine Ruhe verläßt mich; ich sehe ein, es giebt Minuten, in denen man nicht objectiv sein kann, wo, wie Hegel sagt, die höchste menschliche Durchbildung, welche in Beherrschung der Stimmungen liegt, gänzlich verloren geht und Freiheit — Betrachtung — Talent — Offenbarung — hier verlor sich seine Stimme und langsam ließ er die Hand der Geheimräthin los, denn plötzlich war die Thür des Cabinets aufgestoßen worden, und mitten auf der Schwelle stand Elise, den Arm um Alfred geschlungen, hinter ihnen aber der Geheimrath, der mit herzlichem Lachen sie beide festhielt.

Da haben Sie die Offenbarung! schrie er herein. — Es wird nichts so fein gesponnen, Alles kommt ans Licht der Sonnen! Vorwärts, Kinder, in die Arme der Mutter. Ja, Professor, so ist es, erschrecken Sie nicht davor. Segnen Sie dies junge Paar mit uns vereint, geben Sie ihm irgend einen Segen des Pythagoras, der uns die Hühner gebraten zur Hochzeit liefert, oder einen patriotischen Segen, auf daß er ein Simson sei, erbarmungslos gegen alle Wühler und Verderber.

Er umarmte in seiner Herzensfreude den Professor, während Elise mit Alfred in die Arme der Geheimräthin eilten. Meine Mutter hat es gewünscht, sagte dieser, aber mein Herz hat es mir geboten. Nehmen Sie mich auf als Ihren Sohn und vertrauen Sie mir Elisen an.

Die Geheimräthin fand in ihrer tiefen Rührung keine Worte der Erwiderung. Sie hielt die Tochter an sich gepreßt, während sie Alfred mit nassen Blicken betrachtete. Der Professor gab keinen Laut von sich; er schien den Rest seines verworrenen Denkvermögens vollends eingebüßt zu haben.

Drei Tage waren im Hause des Geheimraths in ungetrübter Freudigkeit vorübergegangen. Die Verlobung Alfreds und Elisens wurde in einem gewählten Kreise, nach einem glänzenden Diner, veröffentlicht, bei welchem die Verwandten beider Familien die Ehrensitze einnahmen. Auch der Minister, Gravensteins besonderer Gönner und entfernter Vetter, war anwesend und brachte das Hoch aus auf das junge Paar, mit einigen Anspielungen auf Alfreds Treue und Beständigkeit für alles Rechte und Schöne, welche, auf die Zukunft seines ehelichen Glückes angewandt, allgemeinen Beifall fanden. Mehrere Generale, Präsidenten und hohe Staatsdiener allerlei Art, endlich ein Schwarm von jungen Damen und Herren, sammt andern Freunden des Hauses, vervollständigten die Gesellschaft. Herr Zippelmann fehlte so wenig wie der Assessor Stephani, Professor Viereck aber führte in stolzer Würde eine Deputation des konservativen Vereins zur Tafel und brachte im Namen desselben einen Toast aus, in welchem Römer, Griechen, Demokraten, der alte Fritz, die chinesische Mauer, Nero, Hegel und die glücklichen Eltern vorkamen, bis zuletzt Niemand mehr wußte, was eigentlich geschehen sollte. Doch löste sich Alles prächtig auf, als der Professor endlich in seine Binde faßte, den Hals reckte und mit schönem Pathos rief: Nach allen diesen Beweisen habe ich die Ehre zu bemerken, daß Jeder sein Glas erhebe und den patriotischen feststehenden Eltern der holden Braut ein donnerndes Hoch aus freier deutscher Brust bringe!

Der Geheimrath hatte diesen Tag des Glückes übrigens klug benutzt, um seine Verbindungen mit einigen besonders einflußreichen Personen zu erneuern. Er wußte, wen er einzuladen und Besuche zu machen hatte. Gravenstein’s Name, die Stellung dieser Familie, die Freundschaft des Ministers und die Zukunft seines Schwiegersohnes wirkten zusammen. Es war keiner der Geladenen ausgeblieben, und voll süßen Triumphes legte sich der Geheimrath am Abend dieses Freudenfestes nieder.

Am nächsten Tage jedoch, als er in seinem Zimmer beim Frühstück saß, schlug er plötzlich mit solcher Gewalt auf den Tisch, daß Tassen und Gläser wild durcheinander klirrten. Seine Stirn wurde roth, das eckige, spitzige Gesicht zuckte krampfhaft zusammen und aus seinen Augen strahlte ein Grimm, der das Zeitungsblatt zu verbrennen schien, das vor ihm lag.

In diesem Augenblick meldete der Bediente den Assessor Stephani.

Der ist willkommen, sagte der Geheimrath aufathmend. Führe ihn herein, Friedrich, und ehe der Assessor nicht geht, nimm keine weitere Meldung an.

Nach einer Minute war Stephani im Zimmer. Der Geheimrath drückte ihm zärtlich die Hände, richtete scherzende Fragen an ihn und nöthigte ihn zum Sopha, indem er einen Sessel für sich selbst herbeizog.