Anton machte ein Gesicht als wollte er lachen, aber er unterdrückte es zur rechten Zeit und nach wenigen Minuten lag eine Kompresse auf der langen Schnittwunde, die eine zerrissene Oberfläche zeigte, dann wurde das zweite Tuch vorsichtig darüber gebunden und nun sagte Guste: hole rasch den großen Lederstuhl herein, das ist der einzige Platz, wo man sie niedersetzen und wo sie den Kopf anlehnen kann.

Auch dieser Befehl wurde auf der Stelle vollzogen. Der Schuhmacher trug aus seinem Laden den Stuhl herein, auf welchem er seinen Kunden Maß zu nehmen pflegte. Es war ein bequemer Sessel mit Armen und hoher Lehne. Vorsichtig faßte er den Körper unter den Schultern, die Frau trug ihn an den Beinen und nach einer Minute war das Werk vollbracht. Die kleine Lampe brannte wieder unter dem dichten Schirm, das tiefe Schweigen kehrte zurück, die beiden barmherzigen Samariter aber standen ängstlich und ungewiß vor der Unbekannten, die noch immer nicht erwachen wollte.

Das jugendliche und einnehmende Gesicht lag vorn über, der Brust zugeneigt, die sich dann und wann in kurzen heftigen Schlägen hob. Die Arme fielen schlaff auf die Lehnen des Stuhls, über welche die weißen, schmalen Hände herabhingen.

Gearbeitet hat die nicht, murmelte Anton seiner Frau zu.

Es ist mir so, als hätte ich sie schon früher gesehen, flüsterte diese zurück, aber ich weiß nicht, wo es gewesen ist. Sie lüftete den Deckel der Lampe ein wenig und plötzlich fiel ein hell zuckender Lichtstrahl auf den ruhenden Kopf. Es war ein schönes Oval mit hochgewölbter Stirn. Kühn geformte Augenbrauen liefen darunter hin, und lange Wimpern, welche die geschlossenen Augen bedeckten, bildeten einen schwarzen Schatten, der seltsam auf der bläulichen Blässe des Gesichts ruhte. Im Verein mit den festgeschlossenen schmalen Lippen und der Nase, die wie bei einem Todten scharf und blutlos hervortrat, schien es wirklich, als sei das Leben aus dieser Hülle entflohen, wenn nicht die einzelnen krampfhaften Bewegungen dagegen gezeugt hätten.

Und jetzt als das blendende Licht ihre Augen berührte, thaten sich diese rasch auf und sandten einen wirren fragenden und befremdeten Blick umher. Dann umklammerte die linke Hand die Lehne des Stuhls, der Kopf richtete sich von der Brust empor und mit größerer Gewalt als sich vermuthen ließ, rief die Kranke: Was ist mit mir vorgegangen? Wo bin ich? Wer seid ihr? Mein Gott, was ist das?! Sie fuhr mit der Hand an ihren Kopf, fühlte das Tuch und ihr nasses Haar und als kehre ihr in diesem Augenblick die volle Erinnerung zurück, stieß sie einen Schrei des Entsetzens aus, indem sie von dem Stuhle sich aufrichtete und ihre Umgebungen anstarrte.

Beruhigen Sie sich, sagte Anton, ihren Arm fassend, und verhalten Sie sich still. Sie sind nicht im Gefängniß, nicht unter den Konstablern und dergleichen, sondern alleweil bei ordentlichen Leuten, die sich Ihrer angenommen haben, so weit es geschehen konnte.

Weil es so hat sein sollen, Mamsell, oder wer Sie sind, fuhr Frau Mertens fort, als die Fremde sich wieder niedersetzte. Weil es so hat sein sollen, denn eine Fügung ist es jedenfalls, daß Anton eben die Thür aufmachte, wie Sie ihm in die Arme sprangen, aber allemal geschieht das nicht, und sonderbar genug ist es auch, daß Damen um Mitternacht in Mannskleidern sich blutige Köpfe auf offener Straße schlagen lassen.

Na, wer weiß denn, was es für Gründe hat, sagte Anton ihr zuwinkend. Man kann zu allerlei Schaden kommen, man weiß selbst nicht wie, und heut zu Tage steht die Welt auf dem Kopf, es geschehen Geschichten, wie man sie nie erlebt hat. Mags also sein, wie es will, soviel ist gewiß, daß es für diesmal keine Gefahr mehr hat. Draußen ist Alles ruhig geworden, denn nachdem sie in allen Winkeln umhergeschnüffelt haben und geflucht haben wie sich’s gehört, sind sie abgezogen, und hier können Sie nun so lange bleiben bis Sie auf den Beinen fort können.

Das heißt spätestens bis es Tag wird, fiel Guste wiederum ein. Jeder muß am besten wissen, was er zu thun hat und ob er sich bei Tage sehen lassen darf.