Ohne Zögern ging sie an dem Fabrikgebäude hin und blieb einen Augenblick an der Mauer stehen. Es war ihr, als hätte ein Fenster geklirrt. Als jedoch nichts sich weiter regte, zog sie einen Schlüssel hervor und schloß die Thür auf, welche durch die Grenzmauer auf ein Seitengäßchen führte.
Mit eiligen leisen Schritten ging sie das Gäßchen hinauf und blieb an der Ecke eines freien Platzes stehen.
Es war der Kirchplatz, in dessen Nähe das Grundstück des Fabrikanten lag. Der alterthümliche, mächtige Bau löste seine düstre Masse in ungewissen Linien von der Finsterniß der Nacht ab. Die kleinen Häuser, welche ihn umringten, waren meist finster, nur da und dort fiel ein einzelner Lichtstrahl aus einem Fenster und schlüpfte über zwei oder drei alte Leichensteine, deren graue verwitterte Platten in den Boden gesenkt, die einzigen noch übrigen Spuren eines ehemaligen Kirchhofs waren. Ein paar hohe Bäume klapperten in ihren Gittern und Ecken mit nackten Zweigen und leise klingend fielen dann und wann von den ungeheuren Bogenfenstern der alten Kirche kleine Glasstückchen herunter, die der Wind mit hohlem Rauschen abbrach und der Vernichtung zuschleuderte.
Eine Minute stand Clara wankend an jener Stelle, dann ging sie mit langsamen Schritten über den dreieckigen kleinen Platz fort, an dessen entgegengesetzter Seite die Kirche dicht an die Häuser trat. Als sie bis in die Mitte gekommen war, hörte sie den Schritt eines Mannes, der ihr entgegen kam und wartend still stand, als er die dunkle Gestalt entdeckte.
Du bist es, Clara, sagte er leise, ich habe meine Sehnsucht kaum beherrschen können.
Ich bin es, mein Herr, ja, ich bin es, erwiderte sie gefaßt und ruhig, dicht an ihn herantretend. Ich habe Ihren Wunsch erfüllt, weil ich wissen will, wie viel Wahrheit oder Lüge in Ihrem räthselhaften Briefe enthalten ist.
Und darum nur, darum allein bist Du gekommen? fragte er mit sanft und traurig klingender Stimme.
Ich wüßte nicht, gab sie zur Antwort, welchen Grund ich sonst haben könnte.
Es ist noch nicht lange her, wo Du nicht so gesprochen haben würdest, fuhr er fort. Ich habe oftmals in der Laube dort hinter der Mauer in nächtigen Stunden Dich erwartet; in meinen Armen hast Du nie gefragt, ob meine Briefe Lügen sagten, und was darin stand nie bezweifelt, denn Du wußtest, wie sehr ich Dich liebe.
Er streckte die Hände nach ihr aus und wollte sie umfassen, aber sie wich einen großen Schritt zurück. — Wir kennen uns beide genau genug, wie ich denke, sagte sie mit sanfter, aber fester Stimme. Leider muß ich in Demuth zugeben, daß es eine Zeit gab, wo ich so thöricht war, Alles zu glauben. Sie können nicht erwarten, daß dies jetzt noch der Fall sein soll; im Gegentheil, selbst die Wahrheit in Ihrem Munde wird an meinem Unglauben zur Lüge werden.