Still! sagte er, frage mich nicht. Ich wollte, ich schwämme auf dem blauen Wasser und Du säßest dort bei mir, ich wollte es Dir erzählen. Sagtest Du nicht heut, daß Du mir etwas mittheilen wolltest?

Clara besann sich einige Augenblicke und schüttelte dann lächelnd den Kopf. Es ist nichts, sagte sie.

So schlaf, mein Clärchen, und behüt’ dich Gott!

Gute Nacht, mein geliebter Bruder, erwiderte sie. — Die Geschwister umarmten sich zärtlich, dann entfernte sich Felix, und das junge Mädchen war allein.

Sie hörte aufmerksam auf die Schritte ihres Bruders, der den Vorsaal öffnete und die Treppe hinaufstieg, dann blieb sie an der Thür zum Comptoir stehen, klopfte endlich an und legte die Hand auf den Drücker, als sie keine Antwort erhielt. Aber sie überzeugte sich sogleich, daß ihr Vater diesen Ort der Arbeit schon mit der Ruhe seines Zimmers vertauscht habe, und schob nun die Riegel vor, indem sie zugleich den Schlüssel umdrehte.

Clara war jetzt sicher, ungestört allein zu sein, und ohne Zweifel suchte sie sich vor jeder Ueberraschung zu behüten; aber Alles, was sie vor hatte, erweckte ihr keine Unruhe. Sie schien jeden Schritt vorher überlegt zu haben, den sie ohne Zaudern jetzt ausführte.

Nachdem alle Thüren verschlossen waren, ging sie aus dem großen Zimmer in ein finsteres Nebengemach und aus diesem in ein drittes. Nach einigen Minuten kam sie zurück, einen dunkeln weiten Mantel über dem Arme und eine Kappe in der Hand. Sie legte Beides auf einen Stuhl in der Ecke, setzte sich dann an den Tisch und zog aus einem Körbchen eine Häkelarbeit hervor, deren buntes Farbengemisch, verschlungen mit blitzenden Stahl- und Goldperlen, sie eine Zeit lang beschäftigte. — Nur zuweilen hielt sie einen Augenblick ein, um nach der großen Stutzuhr hinüber zu schauen, die auf dem Pfeilertisch stand; endlich aber ließ sie die Hände sinken und neigte ihr schönes weißes Gesicht tief nieder, um es mit dem Ausdruck stolzer Entschlossenheit wieder zu erheben.

Plötzlich hob die Uhr aus und schlug zehn mal, und als der letzte Schlag verklungen war, legte Clara die Arbeit zusammen und stand geräuschlos auf. Sie trug den Stuhl an seinen Platz, stellte das Arbeitskörbchen fort, und trat an das Instrument, um es zu schließen. Aber indem sie den schweren Deckel hob, hielt sie inne und horchte nach der Straße hinaus. Es war als stände draußen Jemand still, der mit schallendem Schritt nahe heran gekommen war. Das junge Mädchen schien die festen Läden mit ihren heißen Blicken durchbohren zu wollen, dann legte sie leise den Deckel wieder nieder. Sie setzte sich und ihre feinen schmalen Finger flogen leicht über die Tasten hin, ihre Lippen zitterten den Tönen nach, sie sang mit reiner Stimme, die mit jedem Worte voller und inniger wurde, das schöne Lied: „Auf Flügeln des Gesanges;“ doch mitten darin brach sie ab, um mit ihren Händen die widerspenstigen Augen zu bedecken.

In dem Augenblick, wo die Stille zurückkehrte, wurde ganz leise an eine Fensterscheibe geklopft und sogleich stand Clara auf, schraubte die Lampe herunter bis auf ein mattes Lichtgeflimmer, warf den Mantel über, band die Kappe eilig zusammen und verließ mit leisen Schritten das Zimmer durch die große Eingangsthür, welche sie hinter sich verschloß.

Eben so leise öffnete sie die Thür des Corridors und befand sich nun auf dem dunklen Hausflur. Sie trat in den Hof hinaus, nirgend war Licht. Der Himmel hing gleichmäßig schwarz über der Erde, feine Schneenadeln flogen durch die Luft und drangen kühl in Clara’s heißes Gesicht, die schweigend das schmeichelnde Schnauben eines großen Hundes abwehrte, der sich ihr genähert hatte.