„Du kannst es mir aber doch sagen, wer der Mensch gewesen ist!“ mit diesen Worten war Frau Mertens am Abend endlich eingeschlafen, als Anton das Licht ausgepustet hatte und gar nicht mehr antwortete, und mit denselben Worten erwachte sie am nächsten Morgen.
Anton schien Anfangs keine Lust zu haben einen Laut von sich zu geben. Er unterhielt sich mit seinem Kinde, das er aus der Wiege nahm, hob es zu dem Zeisig empor, der in dem kleinen Bauer am Ofen saß, und ließ es in die Lampe schauen, nach der es jauchzend seine Händchen ausstreckte.
Was er mich ärgert! rief die Frau von Zeit zu Zeit dazwischen. Ich will es wissen; ich sage, es ist schlecht von Dir, mich so zu quälen. Antonchen? willst Du mich denn wirklich so kränken? Gut kannst Du mir nicht sein, magst Du sagen was Du willst, Du kannst mir nicht gut sein, sonst wär’s unmöglich, daß Du mich so verachten könntest.
Liebste Guste, sagte er endlich, bist alleweil aufgebracht über Nichts. Deine Tücher hast Du wieder und in jedem ein blankes Zweithalerstück eingeknüpft. Hätte ichs gewußt, ich hätt’s nicht genommen, doch weils kleine Zettelchen sagte, es sollte für das Püppchen hier sein, so mag’s darum hingehen, aber Gutthaten soll kein Mensch sich abkaufen lassen, und obenein — nun ja, ich hab’ Dir’s gesagt — obenein weil ich weiß, wer unsere Christenpflicht erfahren hat.
Siehst Du wohl, fiel Guste heftig ein, Du weißt es, warum also soll ich es denn nicht wissen? Ich bin Deine angetraute Ehefrau, und seiner Frau muß ein ordentlicher, rechtlicher Mann Alles sagen, gar nichts darf er ihr verschweigen. Willst es mir sagen, Antönchen? fuhr sie schmeichelnd fort, ich habe Dir auch den Kaffee recht süß gemacht. Du lieber Gott! wenn wir uns nicht einmal Alles anvertrauen sollten! Ich könnte Dir nichts verheimlichen, und wenns mein Leben kosten müßte. Also, jetzt sage es mir, wer ist es gewesen? Einen Bart hatte das Gesicht, ich will es beschwören. Es ist eine Schande, Anton, daß Du sehen kannst, wie es mir das Herz abdrückt. Das ist also der Lohn für alle meine Liebe und Treue. Als ob er keine Ohren hätte, als ob ich ein hergelaufenes Weib wäre, als ob ich — hier stieß Guste mit der Kaffeekanne wüthend an die Tasse, die sie umwarf und zerbrach, daß die braune Fluth weit über den Tisch floß.
Ist es denn möglich! schrie sie im höchsten Zorn, so weit kann er es treiben, dahin bringt er es mit seiner Schlechtigkeit, daß ich die Tasse zerbrechen muß. Willst Du es nun sagen, Anton, willst Du es auf der Stelle sagen. — Sieh her, wie ich zittre; ich muß krank werden, es ist nicht anders, und wenn ich da liegen werde aus Aerger und Gram über Deine Behandlung, so sieh zu, was Dein Gewissen sagt.
Anton legte schweigend das Kind in die Wiege und schüttelte den Kopf.
Du hast kein Gewissen, rief Guste, Thränen in den Augen, wenn Du ein Gewissen hättest, würdest Du ein anderer Mensch sein, ein Mann der seine Frau achtet. Keiner würde es so machen wie Du, Keiner der seine Frau liebt. Und heut haben wir Weihnachtsabend. Du lieber Gott! jeder Mensch freut sich heut und ist einig und vergnügt. Ich habe gemeint heute Freudenthränen zu vergießen, wenn das Christbäumchen brennt und unser Kind vor Glück springt und seine kleinen Händchen ausstreckt und — nun — nun — sie hielt sich die Augen mit der Schürze zu.
Die Thränen einer Frau, und wären sie noch so thöricht, verfehlen selten ihr Ziel bei einem Manne, der Mitleid und Liebe in seinem Herzen hegt. — Anton hatte längst alle Vernunftsgründe erschöpft, er wußte recht gut, daß damit nichts mehr zu erreichen war; jetzt, als er die Aufregung seiner Frau sah, wurde ihm bange, sie könnte wirklich krank werden und großes Leid über ihn bringen.
Bist gut, liebste Guste, sagte er, noch sanfter wie gewöhnlich und voller Theilnahme. Ich wollte es Dir gerne sagen, aber ich habe es versprochen, stille zu schweigen, und ein ehrlicher Kerl muß doch sein Wort halten, wenn’s ihm auch schwer werden mag.