Mein Gott! mein Gott! seufzte das junge Mädchen.
Darum habe ich geschrieben, fuhr er fort, jetzt weißt Du es, aber ich habe die Mittel in meiner Hand, alles Uebel von Euch abzuwenden. Versöhne Dich mit mir, mein süßes Clärchen, flüsterte er bittend, indem er den Arm um sie legte, schenke mir Dein Herz und Deine Liebe wieder und ich schwöre Dir mit tausend Eiden, Alles soll sich fügen, wie Du es wünschest. Nicht allein die Fälschung soll auf immer begraben bleiben, ich will, wenn ich Dein Beichtvater sein darf, Dich so glücklich machen, wie Du es nicht ahnen kannst, und wenn etwa wirklich der steife, ehrenfeste Gravenstein Dir behagt, nun, so giebt es Wege genug, um ihn aus Elisens Armen zu reißen, wenn uns Beiden damit gedient ist und wir als Freunde verfahren.
Er hielt einen Augenblick inne, denn die Uhr im hohen Thurme über ihren Köpfen hob aus und schmetterte elf dumpfe Schläge durch die Luft, die in dem Werk der Mauern langsam verhallten.
Die Mitternachtsstunde beginnt und die Geister wachen auf, fuhr er dann schmeichelnd fort. Laß uns gehen, mein armes, erschrockenes Clärchen, ich begleite Dich. Die Nacht verschweigt alle Geheimnisse der Liebenden. Hier heult der Wind, in Deinem Stübchen ist es warm. Bei Allem, was heilig ist, ich will Dein treuester Freund und Diener sein.
Mit einer plötzlichen Anstrengung machte sie sich frei; aber er faßte sie fester in seinen Mantel. Du willst nicht? fragte er lachend, Du mußt wollen. Du bist zu verständig; ich habe Dich in meiner Macht; bedenke Alles, ich liebe Dich ja.
O! wäre mein Bruder hier, sagte sie mit stolzer Heftigkeit. Laß meinen Arm los, erbärmlicher Mensch!
Und wenn ich nicht will, Clärchen?
Ich befehle es, rief eine tiefe Stimme aus dem Dunkel des Portals und drinnen regte es sich. Eine mächtige Gestalt löste sich aus dem Schatten los; es klirrte und rauschte auf den Steinplatten. Die Ueberraschung war so groß, daß der Unbekannte, von Furcht ergriffen, eilig zurücksprang und über den Platz fortlaufend entfloh.
Nach einigen Augenblicken sah Clara die Gestalt hervortreten und sich ihr nähern. Ein lähmender Schrecken hatte sie erfaßt; an die Wand der Kirche gelehnt schien sie in diese versinken zu wollen, keines Wortes mächtig und des Gebrauchs ihrer Glieder beraubt. — Sie fühlte endlich, daß sie unterstützt und fortgeführt wurde bis zu der Thür in der Mauer, die unverschlossen geblieben war.
Eine Hand streckte sich aus und öffnete diese Thür, dann trat die dunkle Gestalt zurück und ohne ein Wort zu sagen, wandte sie sich um und ging mit festen raschen Schritten das Gäßchen hinauf. — Wo die Straße mündete, flimmerte ein Lichtstrahl aus einem gegenüber liegenden Hause herein, Clara’s Augen starrten dorthin. Sie sah einen hohen Mann, der ohne umzublicken schnell um die Ecke bog, und von Fieberschauer ergriffen, glühend und zitternd, eilte sie über den Hof, wankte unbemerkt ins Haus und sank erschöpft auf ihr Bett.