Seit dem Churverein zu Rense war die Befreiung der Staatsgewalt von hierarchischen Anmaßungen ausgesprochen. Das Schisma entfremdete die Gemüther dem Papstthum; die Concilien setzten die bischöfliche Macht, oder wenigstens die der Kirche, an die Stelle der absoluten Monarchie: Huß und Hieronymus, obwohl nur aus der Scholastik hervorgegangen, und nur in einzelnen Dogmen widersprechend, vertraten eine individuelle Ueberzeugung gegen die bisher unangetastete richterliche Gewalt der Kirche.
Während so auf dem Wege des Geistes, und mit Waffengewalt die Reformation angebahnt wurde, bereitete die Erfindung des Pulvers und der Buchdruckerkunst eine neue Zeit vor. In keiner Epoche haben die Deutschen mehr industrielles und materielles Geschick entfaltet, als in der zweiten Hälfte dieses Zeitraums. Es war eine Richtung des Volksgeistes, sehr ähnlich derjenigen, welche unsre Zeit bezeichnet; sie erzeugte den Drang nach einer festen Gestaltung des Vaterlandes, und wie die goldene Bulle die Fürstenrechte konstituirt hatte, so sollte die neue Reichsverfassung Maximilians I. alle Staaten mit Einem Bande umschlingen. Aber es lagen damals (wie auch heute) noch tiefere Elemente in der Zeit; die Reformation kam, und eine innere Umwälzung zerstörte die äußere Einheit in dem Augenblick, da sie sich nach langem Harren zu verwirklichen schien.
Die germanische Weltordnung war in der dritten Periode von den Hunnen, in der vierten von den Arabern und Avaren, in der fünften von den Magyaren, in der sechsten von den Mongolen bedroht worden; in der siebenten wurde das byzantinische Kaiserthum, der letzte Rest der antiken Welt, von den Türken vernichtet. Von da emancipirte sich Europa von der drückenden Sklaverei, worein römische und griechische Kultur und Sprache des Mittelalter versenkt hatten. Die frühere Scholastik war von Aristoteles beherrscht worden; jetzt, als fliehende Byzantiner die Quellen nach Italien brachten, gewöhnte man sich, die Alten im Geist und in der Wahrheit zu verstehen, und eine herrliche Blüthe der Wissenschaft und Kunst bezeichnete in Deutschland den Untergang der alten, den Anfang einer neuen Zeit.
VIII. Die Reformation, das heißt die Befreiung der Christenheit von der Vormundschaft päpstlicher und kirchlicher Autorität, die Entfesselung der Gewissen und Gedanken auf der einen, die Restauration des Christenthums und die Reinigung der tiefen kirchlichen Verderbniß auf der andern Seite war das fünfte große Werk des deutschen Geistes. Nicht, wie es gleichzeitig in England, gewissermaßen auch in Frankreich geschah, wurde die kirchliche Verfassung geändert; Deutschland hatte den Beruf, das Christenthum der Form zu entbinden, und es, nur auf seine Quellen gestützt, der freien öffentlichen Meinung zu übergeben. Sofort mußte das neue Princip, wie es der alten Kirche gegenüber trat, zugleich einen Kampf über den dogmatischen Inhalt des Urchristenthums erzeugen, der die Spaltung zwischen Lutheranern und Reformirten hervorrief.
Während Zwingli dem Aberglauben den gesunden Menschenverstand und den Muth eines redlichen Mannes, Calvin der Kirche ein geschlossenes System entgegensetzte[3], von dem der Fanatismus unzertrennlich war, ging Luther von einer gemüthlichen Opposition aus, welche das Bewußtsein der Völker (seiner eignen Partei sowohl als der katholischen) verjüngte. Die Religion war zu einem äußerlichen Werkdienste herabgesunken, welcher das innere Leben übertünchte oder entseelte; Luther, wie einst Christus gegen die Pharisäer, hob mit der ganzen Kraft seines Geistes die Natur hervor, ohne deren tiefere Reinigung alle Werke, auch die besten, nur eitel seien. Hierüber verdammt, im innersten Kerne verwundet, trennt er sich von der Kirche, deren treuester Jünger er selbst gewesen war; erbittert über die Verworfenheit der Hierarchie, gab er die Quellen des Christenthums der Kritik der Einzelnen preis, ohne zu ahnen, wie bald ein Staat, der die Auslegung der Gesetze der Willkühr jedes Bürgers überläßt, der Anarchie anheimfallen müsse. Jene wahre Kirche zu gründen, die in seinem Sinne lag, war ihm nicht beschieden, wohl aber eine Konfession zu stiften, in welcher sein glühender Drang nach Wahrheit, Freiheit und Mündigkeit sich rastlos fortentwickelte; und zugleich auf den Katholicismus rückzuwirken, in dessen uralten Institutionen der Geist des Glaubens gegenüber dem (protestantischen) Geiste der Forschung sich erhalten mußte.
Es war eine große Zeit, die Epoche der Reformation. Der Glanz des Hauses Habsburg, über romanische und germanische Länder, über Europa und Amerika ausgebreitet, verklärte noch einmal das sinkende Kaiserthum. Karl V., obwohl unberührt von den tiefern Fragen der neueren Zeit, spiegelte doch in seiner Sphäre sie ab; wie sein Großvater der letzte Ritter gewesen, so war er der erste Ausdruck der absoluten Fürstenmacht, mit umfassenden Intentionen. Unter Männern, wie er, wie Franz von Sickingen, Ulrich von Hutten, Albrecht Dürer waren, unter so vielen Großen war Luther der größte; an Kraft und Heldenmuth war er allen überlegen; eine Zuversicht war ihm eigen, die sich vermessen konnte, (wie einst Jakob nach der Mythe) mit Gott zu ringen; die deutsche Sprache endlich verdankt, was sie ist, zum größten Theile seinem Vorbild, — und schon um dieser Einen Hinsicht willen sollte sein Andenken allen Deutschen gleich heilig sein[4].
Damals strebte die Ritterschaft vergebens, ihre mittelalterliche Freiheit gegen die neue Verfassung zu wehren; eben so vergebens suchten die Bauern, Ansprüche durchzusetzen, die nur langsam zur Reife gedeihen konnten. Die Reformation, welche diese beiden Bewegungen veranlaßt und genährt hatte, stärkte zuletzt nur die landesherrliche Gewalt, indem sie diese der päpstlichen Autorität entzog, sie mit weltlicher und kirchlicher Macht, mit unmittelbarer Weihe bekleidete und mit eingezogenen Gütern bereicherte: jene absolute Fürstengewalt, welche in steigender Ausbildung bis zur französischen Revolution Deutschlands politisches Leben untergrub.
Nach Luthers Tode begann der Krieg, und bald, von den Jesuiten geleitet, die Gegenreformation. Die ganze äußere Geschichte geht fortan aus dem Kampfe der Ideen hervor; und die Sonne der Reformation, die Sonne Deutschlands verhüllt sich Ein Jahrhundert lang in blutrothe Wolken, zwei Jahrhunderte darauf in düstere Nebel.
Wie in Einer Linie von Karl V. bis zum dreißigjährigen Kriege die Streitigkeiten sich entwickelten, wie dieselben Ursachen am Anfang des Zeitraums Metz, Toul und Verdun, am Ende das Elsaß und einen Theil des Nordens dem Reiche entzogen, wie endlich Ausländer in Deutschland geboten, wie die größten Talente nur der Zerstörung des eignen Vaterlandes gedient, wie unter den Schrecken des Krieges die Kraft des Volkes auf Decennien gebrochen, wie die blühende Saat, die Luther und Hutten für deutsche Literatur und Bildung gepflanzt (bald nach ihnen schon in den Sophismen der Schulen verkrüppelt), vollends zertreten wurde, wie von nun an durch ein Jahrhundert hindurch die Muttersprache, ihrer eigenthümlichen Kraft entkleidet, gleich der Nation selbst, zur Sklavin der Fremden sich erniedrigt, das Alles ist hinreichend bekannt. In dieser Zeit waren die Einfälle der Türken vielleicht dazu geschickt, den Deutschen zu zeigen, daß sie wenigstens alle noch Christen seien; ohnedem wäre dieß (durch den gegenseitigen Haß) vergessen worden. Es steht sehr nahe, zu fragen, warum die Entwicklung des dogmatischen Zwiespalts nicht so zerstörend (denn von jeher waren Religionszwiste die gräßlichsten), sondern so langsam vor sich gegangen. Man pflegt über die Barbarei eines Zeitalters zu lachen, das um die Bedeutung des Wörtchens „ist“ Blut vergießen konnte, das länger als ein Jahrhundert brauchte, sich verschiedene Ansichten zuzugestehen. Man bedenkt nicht, daß die innern Ideen, welche Katholiken, Reformirte und Protestanten getrennt, auch heutzutage noch nicht entschieden, nur ihrer praktischen Folgen beraubt sind; daß in damaliger Zeit jede Partei für ihre Existenz in Wahrheit kämpfte; daß endlich großentheils der Leichtsinn, mit dem späterhin die Völker die Religion überhaupt zu betrachten anfingen, die Duldung herbeigeführt. Sehr Vieles, was uns auf unser Zeitalter stolz macht, weil es ihm humanere Art verliehen hat, ist nur wieder Wirkung eines andern Fehlers; die Vorsehung ist oft genöthigt, Schlimmes mit Schlimmem zu vertreiben. So hat sie den Fanatismus durch die Frivolität zerstört; sie durfte dazu nur die menschliche Natur gehen lassen; denn der Ekel am langen Kriege, die Ermattung von dogmatischen Subtilitäten legten den Grund zur spätern Indifferenz.
Der westphälische Friede vernichtete die Reste der kaiserlichen Macht, garantirte die ständischen Rechte, d. h. die landesherrliche [Gewalt; bemühte] sich umsonst, die Reichsgerichte erklecklich zu organisiren, befreite Holland und die Schweiz vom nominellen Verbande, und stellte das Reich unter französische und schwedische Protection. —