IX. Allseitige Durchbildung der innern und äußern Folgen der Reformation charakterisirt den neunten Zeitraum.
Die Reformation hatte, obgleich sie den neuen Konfessionen Symbole gegeben, doch dem Princip nach die Quellen des Christenthums der Kritik anheimgegeben. Nachdem also der Protestantismus unversehrt aus dem Kampfe hervorgegangen, mußte er über Symbol und Bibel hinausgehen; in seinen kirchlich-theologischen Bestandtheilen verknöchern und (wo gemüthliche Restauration versucht wurde) zur Sekte werden; in seinen geistigen aber den Beruf übernehmen, gegenüber dem alten Offenbarungsglauben, vom Standpunkte der Vernunft nach Lösung der höchsten Wahrheiten zu ringen.
Die Reformation hatte Deutschland innerlich gespalten, der westphälische Friede (hier allein in ganz Europa) den Parteien gleiche Geltung verliehen. Fortan war kein einiges Deutschland mehr vorhanden; das große Vaterland mußte sich selbst absterben, seine ganze Lebenskraft in die einzelnen Glieder sich zurückziehen. Unter diesen mußten zwei Staaten an die Spitze, der eine des Protestantismus, der andere des Katholicismus treten, um Deutschland nach außen zu wahren; jener sollte den Norden, dieser den Süden an sich fesseln, ohne doch die Vielheit der Territorien aufzuheben, in welcher die Bürgschaft lag gegen eine Theilung des Reiches in zwei Reiche[5].
Während die Deutschen tiefer als jedes andere Volk die innern Fragen erfaßten, während sie, mitten hindurch zwischen Aberglauben und leichtfertigem Zweifel[6], beharrlich die Sache der Wahrheit förderten, hatte der romanische Geist, obwohl in den äußeren Banden der Kirche, mit den Institutionen des Christenthums, wie sie durch die Reformation verworfen waren, zugleich das Christenthum selbst verworfen, und eine Weltanschauung aufgestellt, welche fertig wie sie war, getragen von einer klassischen Literatur und Urheberin einer neuen Bildung, den Deutschen vorgeschrittener erscheinen mußte, als ihr eignes tausendfältig zerrissenes, glanzloses, barbarisches und mühseliges Wissen.
Da unterlag die deutsche Kraft, ihrer selbst sich unbewußt, der französischen; einmal als die neue Aufklärung mit ihrem ganzen Gefolge eindrang, das andere Mal, als sie in der Revolution den Staat nach ihren Principien gestaltete und halb Europa bezwang.
In dieser Noth des gesammten Vaterlandes, zu einer Zeit, da auch in den einzelnen Staaten die Willkühr der Fürsten alles politische Leben untergrub, flüchtete sich der deutsche Geist in die allmälig aufkeimende Literatur, welche, Göttliches und Menschliches umfassend, offenbarte, wessen er immer noch fähig sei. Gleichzeitig, und noch gewaltiger, enthüllte das deutsche Gemüth seine Tiefe und Hoheit in ungeheuern, immer neuen Schöpfungen der Tonkunst.
Das sind die Grundzüge des Zeitraums; wir betrachten ihn nach drei Abschnitten.
1. Vom westphälischen Frieden bis auf Friedrich den Großen.
In der vorigen Periode hatten Copernicus, später Keppler, zwei Deutsche, die physische Anschauung der Welt tausendjähriger religiöser Vorurtheile entledigt; zwei Romanen, Descartes und Spinoza, indem sie, mit Hingabe aller hergebrachten Begriffe, sich die Welt des Geistes neu zu konstruiren versuchten, wurden Stifter der deutschen systematischen Philosophie, welche ununterbrochen bis auf unsere Tage nach Erkenntniß der Wahrheit gerungen hat, und deren wechselnde Systeme (es gehört nicht hieher, sie einzeln zu beleuchten) eben so viele Grundsteine eines endlichen, unumstößlichen Aufbaues sind, in dessen Hallen, statt einzelner Bevorrechteter, die ganze Nation Raum finden wird. Durch alle Abschnitte zieht sich jene schwere Arbeit des Geistes hindurch, mit einer Kraft, einer Ausdauer, einer Pietät, wie sie nur dem Deutschen eigen ist; sie geht mit den andern, in der Reformation wurzelnden Bestrebungen, Einem Ziele entgegen[7].