In diesem Lichte stellt auch die neueste Zeit sich uns dar. Was sie vorbereitend gewirkt hat für das große Ziel, welche materielle Grundlage sie gelegt, welche geistige Keime sie genährt hat, soll in kurzer Uebersicht betrachtet werden.

[Kapitel V.]
Die neueste Zeit.

Es ist wahr (und es soll damit von all den Wunden, woran trotz dem Deutschland leidet, keine verdeckt werden): eine Wiedergeburt ist mit der Konstituirung des Bundes eingetreten, nicht in Anbetracht der Napoleonischen Zeit (denn ich gehöre, wie gesagt, nicht zu denen, die in der Emancipation eines Volkes von Gewaltherrschaft mehr als das Nothwendigste sehen), sondern im Vergleiche mit dem siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert. Eine Wiedergeburt; denn das alte römische Reich ist nicht mehr. Es war uns so tief ans Herz gewachsen, daß wir’s heute noch hätten, wär’s nicht von Fremden zerstört; es wiegt uns fort und fort in die alten Träume, es zog uns mit süßen Banden in’s Mittelalter zurück, während rings um uns die neue Zeit hereinschlug. Jetzt, nachdem es gefallen, liegt unser ganzes Leben in der Zukunft; die Augen sind geöffnet und blicken nach einem neuen Reiche deutscher Nation, nach einem heiligen Reiche des Geistes. Und auch nach außen ist es (obwohl wir nichts weniger sind als das, was wir sein sollten), doch anders geworden. Früher waren wir der Völker Spott und den Hunden gleich; jetzt eine Nation von anständiger Art, die man, obwohl sie nicht Stimme hat in den europäischen Sachen, doch zu verletzen nicht wagt, und vor welcher eine geheime Scheu den Völkern inwohnt.

Besser ein Staatenverband mit wenigstens innerem Zusammenhang, als ein Reich mit zahllosen Territorien. Früher hielt man sich stark, mächtig, unbezwinglich, vom Schein der Einheit geblendet; heute weckt das Gefühl der Getrenntheit die Sehnsucht nach innerer Einheit — und die ist, wir mögen nach außen so oder so gestellt sein, der Grund aller Größe. Es lag aber jene Trennung im Plane der Vorsehung, und die sind Thoren, welche in dem unser Unglück sehen, was uns zum Besten gereicht. Nämlich, wie von Alters her der deutsche Geist aller Centralisation abgeneigt, wie er durch alle Zeiten in einzelne Stämme gespalten war, so konnt’ er die höchste Ausbildung nur in der schärfsten Individualisirung seiner Glieder finden; denn je kräftiger diese gedeihen, desto mehr muß der ganze Leib erstarken. Dazu war nun zweierlei vonnöthen: einmal, daß nicht die Spaltung also geschehe, daß die einzelnen Urstämme sich von einander sonderten und am Ende gar zu getrennten Völkern heranwuchsen; andrerseits, daß die gemischten Provinzen, in denen das deutsche Blut mit fremdem (keltischem oder slavischem) versetzt ist, durch und durch germanisirt wurden. Zu diesem doppelten Zweck bildete sich die Landeshoheit nicht organisch, sondern scheinbar zufällig aus; hierzu wurden die Urstämme (die Franken, Sachsen, Schwaben, Thüringer) zersplittert, als in denen der deutsche Charakter niemals untergehen konnte; hiezu die keltischen und slavischen Stämme in größere Reiche (Oestreich und Preußen) vereinigt. Auf so wundersamen Wege wußte die Vorsehung, trotz allem Elend, das Deutschland betroffen, die einzelnen Glieder zu stärken, so doch, daß die Einheit des Ganzen eher wachsen, als abnehmen mußte.

Das ist es, was seit dem Sturze der Kaisermacht, seit dem Verfall der politischen Einheit der Geist der deutschen Geschichte anstrebt. Also mußten einerseits verschiedene Staaten, als eben so viele Kinder des Einen germanischen Volks sich heranbilden, andrerseits die alten Urstämme dergestalt in jene Staaten zerstreut, scheinbar zerrissen werden, daß keiner jemals als eigenes Volk sich zu fassen vermochte. Welch ein ordnender, tiefer Sinn liegt in dem bunten Gewürfel von Tausch, Entschädigung und Arrondissement, aus dem im Wiener Kongresse die deutschen Bundesstaaten sich konstituirten; welch eine leitende Hand in den selbstsüchtigen Entwürfen, die das Partikularinteresse dem einzelnen Staat gebot. Was damals unorganisches Spiel des Zufalls scheinen konnte, ist heutzutage Bürgschaft der Einheit, Merkmal der unauslöschlichen deutschen Nationalität. Wie, wenn im Laufe der Territorialbildungen ein schwäbisches, sächsisches, fränkisches, rheinisches, hessisches Reich sich gebildet, wenn aus der Wiener Kongreßakte etliche zehn Staaten, als eben so viele Urstücke des deutschen Charakters hervorgegangen wären? Und doch ist Zusammenfassung der Stämme von Vielen gewünscht, Verschmelzung aller kleinern Territorien zu Mächten zweiten Ranges von Manchen besser erachtet worden, als die Coalition der größten mit den winzigsten Territorien. Die Vorsehung, die auch nach dem Erlöschen nomineller Einheit auf die innere Erhaltung deutschen Volksthums bedacht war, hat besser gesorgt. Sie hat die Franken nach Baiern und Hessen, die Schwaben nach Baiern, Würtemberg und Baden, die Rheinländer nach Preußen und Baiern, die Sachsen unter hannöversches und preußisches Regiment geworfen, die Hessen, die Sachsen, die Thüringer mannigfach zersplittert, überhaupt eine Mischung hervorgerufen, der jeder Organismus zu fehlen scheint. Denn, Art läßt nicht von Art, Stamm nicht von Stamm, und indem kein Partikulargeist sich allein entwickeln kann, alle sich reiben müssen, ist auf tausend Wegen der feinsten innern Berührung die deutsche Einheit gesichert. Oestreich, das abgeschlossene, zurückgezogene, der mächtigste und doch undeutscheste aller deutschen Staaten, liefert hiefür den klarsten Beleg. Weil es den östreichischen, den böhmischen, den mährischen Stamm, alle unzerstückelt, ohne Vermischung mit den andern deutschen Stämmen, in organischer Ganzheit beherrscht — ebendeßhalb ist der deutsche Charakter hier mehr, als irgendwo dem Partikulargeist des Staats gewichen. Von nicht minderer Bedeutung ist die Menge der souveränen Herzogthümer und Fürstenthümer; sie sind zu klein, um Staaten auch nur dritten Ranges zu bilden, und das zum Zeichen, daß ihre, wie aller Einzelnen Geltung nicht auf der individuellen Macht, sondern allein auf dem gesammten Vaterlande beruht.

Wenn die beschriebene Verfassung, wenn die Erinnerung an die unzähligen Drangsale, welche seit Jahrhunderten, zuletzt unter Napoleon durch Uneinigkeit das Vaterland getroffen, wenn die Erhebung des Volksgeistes in den Freiheitskriegen, wenn die ungeheuern Erfahrungen, die seitdem in politischer und socialer Beziehung Europa gemacht — wenn alles das den Deutschen keinen Drang nach Einigkeit einzuflößen vermag, so sind sie eines Nationalgefühls überhaupt nicht und niemals fähig.

In der That hat sich der Sinn für Nationalehre — mit Zuversicht kann es gesagt werden — seit 1815 steigend gehoben. Vordem waren die Deutschen in Allem, was hieher gehört, ein lächerliches Geschlecht, voll kleinlicher Lokalinteressen einerseits, andererseits kosmopolitische Thoren; in jenem Falle zu engherzig, in diesem zu weitherzig, dem Vaterlande zu dienen. Jetzt will man ein unantastbares, mächtiges Deutschland; man wehrt sich gegen ausländische Anmaßung, man spricht und predigt, man denkt und fühlt sich deutsch. Aber die sind im Irrthum, welche hierin eine Bürgschaft für kommende Gefahr, eine Sicherheit gegen das Schicksal zu finden vermeinen. Der Trieb eines Volks, sich in seiner Ganzheit zu wahren, sich fremden Einflüssen gegenüber zu stellen, ist der erste, den es auf die Welt bringt; er gleicht dem Instinkt der Erhaltung, den die Natur jedem ihrer Geschöpfe mit der Geburt verleiht. Dieser Patriotismus, der einzige, den Deutschland zur Zeit noch besitzt, dieser negative Wille (welcher Nichts weiter erzielt, als was die Scham unumgänglich erfordert), er reichet nicht hin, um zu retten im Augenblick der Probe, um das zu bewirken, was des Vaterlandes würdig ist. Dazu gehört ein volles Bewußtsein, eine gesättigte Tendenz des Nationalwillens.


Letztere zu finden, einen Inhalt sich anzueignen, hat der deutsche Patriotismus seit fünf und zwanzig Jahren gestrebt. So sehr fehlte der Stoff, daß man ins Mittelalter, wie überhaupt in andre Kulturepochen zurückzugehen, seine Herrlichkeit zurückzuersehnen, seine Organismen anzuempfehlen, getrieben war. Höchst verdienstlich war es, dem lange verkannten Mittelalter die Gerechtigkeit zu geben, die ihm eine erbärmliche Zeit verweigert hatte. Die dritte Periode der deutschen Literatur ist durch diese Tendenz charakterisirt; Tieck, Novalis, Friedrich Schlegel haben in diesem Sinne, besonders aber hat für das Verständniß, nicht nur des Mittelalters, sondern der ältesten, wie der neuesten Kultur, August Wilhelm Schlegel gewirkt. Noch ausgesprochener versuchten Joseph Görres und E. M. Arndt, jener als Katholik, dieser als Protestant, beide hochverdient in den Tagen der Befreiungskriege, durch Restauration der alten Grundlagen des Volks- und Staatslebens, die Zeit mit neuem Geiste zu beseelen. Aber frommt es auch, frischen Most in alte Schläuche zu fassen, das neue Kleid mit alten Lappen zu flicken?