Wie vergeblich es sei, aus der Vergangenheit sich Leben erholen zu wollen für die Gegenwart, das hat die Juliusrevolution gezeigt. Dasselbe Deutschland, dessen Jugend eben erst als Opfer der Deutschthümlerei gefallen war, jauchzte jetzt dem französischen Liberalismus zu und gab sich so lange dem Schwindel hin, bis die Zuchtruthe die Meisten zur Besinnung brachte. Später war die Juliusmonarchie dienlich, den revolutionären Principien in der öffentlichen Meinung denselben Stoß zu geben, den schon längst die Aufklärung erhalten hatte; die erste französische Revolution konnte durch die Uebel befleckt erscheinen, womit der Eintritt großer Dinge in die Welt begleitet ist; die zweite offenbarte die Unfähigkeit des Princips selbst, die Freiheit (zum wenigsten eine germanische Freiheit) zu schaffen.
Der lange Friede, wie er durch den Rückblick auf die Vergangenheit, durch Aneignung zahlloser Stoffe, durch das Studium dessen, was ringsumher geschah, unendlich belehrte, mußte zugleich durch Eröffnung eines großen Spielraums für Wissenschaft und Kunst, für Handel und Industrie, für religiöse und principielle Kämpfe die Geister in tausendfältiger Art auf und ab reiben. Zu keiner Zeit ist über die geistigen und materiellen Interessen der Menschheit, über die größten und kleinsten Dinge (wichtigen und unwichtigen Inhalts) mehr gedacht, gesprochen, gestritten worden, als in den letzten Dekaden; und das nicht nur von Einzelnen Begabten (die größte Zeit deutscher Literatur war bereits erloschen), sondern von der Masse der Nation. Deutschland seit 1815, noch mehr seit 1830, gleicht in dem Wogen seiner Gedanken einem unruhigen Meere, mit zahllosen Blasen bedeckt, die so schnell verschwinden, als sie sich auf der Oberfläche gezeigt; — in der Tiefe aber kocht und gährt es, und jenes flüchtige Spiel, das allein dem betrachtenden Auge offen liegt, ist nur das Wahrzeichen eines geheimnißvollen Waltens. So ist seit dem Verfall der romantischen Periode, die neueste Literatur: ein buntscheckiges, tausendfältiges, verworrenes Getriebe, zahllos wie Sand am Meer, und im Einzelnen (mit einigen Ausnahmen) ohne dauernden Werth, flüchtig auftauchend und schwindend, aber von tiefer Bedeutung, als das Organ des allseitigen Geisteslebens, worin die ganze Nation von den höchsten zu den niedrigsten Ständen sich versenkt hat.
Neben dem Allem hat sich, die Masse des Volks geistig und leiblich an sich ziehend, die Industrie erhoben. Ihr Zweck ist, abgesehen von ihrer Wirkung auf materielle Wohlfahrt, ein doppelter: Alle die großen Erfindungen der Zeit, Eisenbahnen, Dampfschifffahrt u. s. f. sind erstlich bestimmt, durch unermeßliche Erweiterung des Verkehrs die nationale Einheit zu fördern. Man kann fürchten, daß im Laufe der Zeit (wenn ganz Europa von einem großen Netze überzogen sein wird) dieser Zweck sich verlieren möge, denn der ungemeine internationale Verkehr scheint die kosmopolitische Sucht eher steigern, als mildern zu wollen, aber diese Zeit, Gott sei Dank, ist noch fern und mittlerweile können wir lernen; Erfahrung wird das Ihrige thun, uns zu Patrioten zu machen. Sodann (und das will noch mehr sagen) ist die materielle Bewegung der Zeit die Unterlage einer kommenden geistigen; hierin liegt ihr tiefstes Gewicht. Einstweilen (ehe noch zu Tage getreten ist, worauf das ganze Leben hinarbeitet) nimmt die Masse das Mittel für den Zweck, stürzt sich mit Sinn und Herz in die Industrie, und vergißt die höheren Güter über der rastlosen Jagd nach den irdischen. Dieser Irrthum wird so schnell und allgemein schwinden, als er eingedrungen ist. — Den mächtigsten Hebel endlich für deutsche Einheit bildet der deutsche Zollverein, binnen eines Vierteljahrhunderts ein preiswürdiges Werk der deutschen Fürsten. Seine Macht liegt nicht nur in den Wirkungen, die er zunächst hervorbringt, sondern in den Konsequenzen, worauf er langsam aber sicher hinführt, in dem ideellen Band, womit er mehr und mehr die Nation umschlingt. Es ist trostreich zu wissen, daß Ein Band deutscher Einheit bestehe, trostreich auch für die, welche von Handel und Wandel, Zoll und Münze Nichts verstehen; genug, daß ein großer Schritt zur äußern, hiermit auch zur innern Einheit geschehen ist. Die Staaten, die sich ausgeschlossen, haben ihren Schwerpunkt (wie Oestreich) außerhalb Deutschlands, oder sie sind (wie Meklenburg) hinter dem allgemeinen Fortschritt der Nation zurückgeblieben, oder endlich sie leiden (wie Hannover) an hergebrachtem Partikulargeist des Regiments. Noch schwerer, als die materiellen, werden die ideellen Folgen der Ausschließung auf ihnen lasten.
Während der Zollverein und die Vertheilung der Völkerschaften auf die innere Einheit, während die materiellen und geistigen Bestrebungen auf das Ziel hinarbeiten, dessen Zukunft die Deutschen einig finden soll, enthüllt das deutsche Staatsleben tagtäglich eine Unfähigkeit der Nation, welche beweist, daß sie von Grund aus umgewandelt und wiedergeboren, daß die ganze Natur durch ein göttliches Feuer elektrisirt werden muß, um Gedeihliches zu Tage zu fördern. Ohne davon zu sprechen, wie eine wahre Verfassung nur aus der Wahrheit selbst (nicht aus entlehnten Stücken französischer und englischer Weisheit) entsprießen, wie sie nur die Frucht eines deutschen Princips sein kann, aus dem allmählig der Staat sich entwickelt: so ist, was die konstitutionelle Wirksamkeit betrifft, kaum zu entscheiden, ob den Regierungen oder ob den Ständen in Mißkennung ihres Berufs, in Halbheit des Wollens und Thuns der Vorzug gebühre. So unfähig jene sind, gesunde Opposition von unreinen Tendenzen zu sichten, überhaupt nur eine edle und männliche Sprache zu hören, so untüchtig zeigen sich diese fast überall, wo es gilt, statt unnützen Geschwätzes und liberaler Phrasen, mit heiligem Ernste, die wahren Interessen zu vertreten, sie zur rechten Zeit mit Entschiedenheit zu behaupten. Gewiß, es ist eben so unerträglich, Minister in den deutschen Kammern zu hören, welche die innere Geltung der Propositionen mit dem Wunsche ihres Herrn motiviren, als Deputirte zu sehen, deren einiges Verdienst darin besteht, mit klingenden Worten nach Popularität zu haschen, und an leicht gewonnenem Märtyrerruhm die eigene Eitelkeit zu weiden. Und selbst da, wo die Opposition (wie in Hannover) von gediegenem Willen beseelt, wo sie von bewußten Grundsätzen geleitet wird, auch da fehlt geschlossene Einigkeit und jene sichere Taktik der Maßregeln, wodurch allein auf gesetzlichem Wege der Sieg zu erringen ist. Wiederum auch da, wo (wie in Preußen) ein höherer Wille des Fürsten dem Volke entgegenkommt, vermag man nicht, die Zeit zu beherrschen, neues Leben ihr einzuflößen, an den Spitzen sie muthig zu ergreifen; nur langsam ihr nachzugehen, hie und da zu versuchen, da und dort zu restauriren, am Ende Nichts zu gewinnen. Es ist aber solch Unglück nicht der Völker Schuld, noch auch allein der Fürsten; noch weniger rührt’s (wie ich oft habe sagen hören) daher allein, daß unsere Verfassungen beschränkt sind und zu eng, um wahren Spielraum den Kräften zu öffnen. Wohl ist das wahr; aber um mit Luther zu reden: „was aus der Kraft der Natur geschieht, das geht frisch hindurch ohne alles Gesetz, reißt auch wohl durch alle Gesetze. Aber wo die Natur nicht da ist, und man soll es mit Gesetzen herausbringen, das ist Bettelei und Flickwerk“.
Also bedarf die ganze Nation von oben bis unten durch und durch einer Erneuerung, aus welcher frisch, verjüngt und gesund die kranke Natur herausgehe, gereinigt von den Schlacken einer schweren Zeit, beseelt von dem Odem eines neuen Lebens. Eben deßhalb erachte ich alle Vorschläge, alle Verbesserungen auf geistigem Gebiete, welche im Einzelnen gemacht werden, so dankenswerth sie sonst sein mögen, für ebenso wirkungslos, als andrerseits Radikalversuche in ungesetzlicher Weise frevelhaft erscheinen. Jene würden in Jahrhunderten das erreichen, was jetzo die Nation begehrt; diese ihr die höchsten Güter entreißen, ohne sie durch neue zu ersetzen. Nur ein göttliches Wort, ausgesprochen von einem gottgesandten Menschen, und eine göttliche Kraft vermag das Chaos zu lichten, an welchem gewöhnliche Kunst, der Fürsten wie Völker, vergeblich nach Ordnung ringt.
[Kapitel VI.]
Beschluß.
Also geht alte, neue und neueste Geschichte des deutschen Volkes Einem Ziele zu. Dreimal seit dem Ende des Mittelalters war Deutschland im Begriff, zu innerer Befriedigung zu erstarken. Einmal zur Zeit Maximilians, als die Reichsverfassung den üppig wuchernden Gliedern des ganzen Körpers Seele verleihen sollte; die Reformation unterbrach das Werk. Zum Zweiten schien es, als sollten in der Zeit der Aufklärung die verschiedenen deutschen Staaten, durch erleuchtete Fürsten beglückt, die neue Bildung ins Leben einführen, welche der Unglaube geschaffen hatte; da kam die Revolution. Zum drittenmal war es, als nach dem Sturz des Alten der deutsche Bund sich konstituirte; eine neue Gestaltung schien nur dem Belieben verständiger und patriotischer Zeitgenossen anheimgegeben. Aber es war dem Kongreß unmöglich, seine eigenen Intentionen (es gab deren hunderte) ins Werk zu setzen. Man mußte sich mit einer negativen Vereinigung begnügen; das Volk selbst fand und konnte keine Vertretung finden: genug, daß alle Staaten durch ein nominelles Band umschlungen werden, genug, daß es eine Versammlung gibt, welche die deutsche Einheit, wäre es auch nur durch Sitzungen, repräsentirt.
Mehr, so gibt es die Natur des Bundes, kann der Bundestag nicht wollen, als die einzelnen Staaten, von denen er beschickt ist. Es liegt aber über die einzelnen Staaten hinaus Deutschlands Wille und Deutschlands Beruf.
Daß dieser Wille endlich einmal zu finden, dieser Beruf einmal zu erfüllen sei, darüber sind wir alle einig. Uns allen schlägt das deutsche Gewissen (oder sollte doch schlagen) bei der Frage, was Großes geschehen sei für das große Vaterland in fünfundzwanzig langen Friedensjahren. So auch wissen wir alle, daß eine äußere Einheit von Deutschland, daß die Veränderung der Konstitution des Bundes, selbst wenn sie möglich wäre, nicht fähig sein würde, jene einige Tendenz zu erschaffen. Wie sie aber zu finden sei, das ist in Nacht und Nebel verhüllt vor den Augen der Mehrzahl. Ahnungen hat sie und dunkle Begriffe von einem Etwas; aber wie die Menschen überhaupt nur zu geneigt sind, die Dinge von außen anzusehen, zu träge, in die Tiefe zu schauen, wenn auch täglich das Spiel der Oberfläche sie fesselt, so wenden sie mißtrauisch sich ab, wenn innere Lösung verheißen wird desselben Zwiespaltes, dessen Früchte sie oftmals so bitter empfunden haben.