Ihr Alle, die Ihr nicht zu glauben vermöget an die unendliche Macht des Geistes, die Ihr nicht ahnet die Kraft des Glaubens, welcher auch heute noch „Berge versetzen“ und „Reiche bezwingen“ kann, Ihr Alle solltet wenigstens in Euch gehen, Euch fragen, was es denn sei, das zum Frieden dient. Katholiken und Protestanten, Süddeutsche und Norddeutsche, wo findet Ihr den Zauber, der Euch einigt? Nicht in der Nationalität, welche Ihr vergessen werdet, wie Ihr sie oft vergessen habt in den Tagen der Gefahr; auch nicht in der Religion, welche Euch Alle umfaßt, denn sie ist es ja, die Euch zersplittert. Oder mußten erst die kölnischen Wirren Euch überzeugen, wie tief in den Herzen des Volkes, wie unauflösbar durch die Länge der Zeit immer noch die religiöse Trennung wurzelt? Ihr saget wohl, dieß sei die letzte Zuckung, und der steigende Einfluß einer vernünftigen Humanität werde nach und nach die tiefern Spuren der Zwietracht verwischen. Auch meint Ihr, „unter allen Ländern Europas sei Deutschland doch das gesegnetste: die materielle Wohlfahrt, wie die geistige Entwicklung wuchere im Schooße des Friedens; jene nichtige Unzufriedenheit, in der die romanischen Länder sich verzehren, jenes wüste Jagen nach einem Gute, das um so ferner rückt, je heftiger es begehrt wird, all das sei unter uns nicht zu finden. Und wenn, wie es in allem menschlichen Regiment zu gehen pflege, viel Beklagenswürdiges bleibe, wie anders sei es doch, als im siebzehnten, im achtzehnten Jahrhundert, wie tröstlich die Keime einer sichtlich wachsenden Besserung!“ Trotz alle dem aber (das allein will ich fragen), wie geschieht es, daß in den edelsten Geistern, in den treuesten Gemüthern ein Sehnen und Hoffen sich kund gibt, nicht jenem gleich, das jede höhere Natur während der kurzen Dauer des Lebens begleitet, sondern gerichtet auf die unmittelbarste Gegenwart, in deren verworrenes Treiben sie mit ahnenden Augen hineinschau’n? Glaubt mir, es lebt etwas in dem heutigen Sinn des deutschen Volks, erhaben über die leichtsinnige Begierde nach neuen Genüssen, über die krankhafte revolutionäre Sucht, die an der eigenen Lust sich steigert: es ist die ungestillte Ahnung eines höhern Gutes.

Das wenigstens werdet Ihr der deutschen Geschichte einräumen, daß sie sich schärfer, als jede andere um den Ideenkern herangebildet hat, der ihr zu Grunde liegt. Was Anderes soll es sein, als ein innerer Vorgang, der auch in unsern Tagen sie zum Ziele führt? Jetzt oder niemals ist die Zeit gekommen, wo Ein Bewußtsein, Eine Hoffnung uns alle einigen muß. Laßt uns halten an dieser Hoffnung, der einzigen, welche die Geschichte, die Natur, der Charakter des deutschen Volkes uns bietet; der einzigen, in welcher wir inneres Leben die Fülle, äußere Herrlichkeit zur Genüge finden. Die Stimme des Propheten aber schallt nicht durch Krieg und Kriegsgetöse hindurch. Im Frieden soll das Wort gesprochen werden, um welches Deutschland sich schaart, um ein einiges, mit einigem Bewußtsein dem Schicksal zu begegnen.


[Zweiter Theil.]
Deutschland und Europa.

[Kapitel I.]
Grundzüge des europäischen Organismus.

Ich komme zu einem andern Theil der Betrachtung. Die politische Lage Europa’s, die Stellung der Völker und Staaten, der Zustand ihrer Bestrebungen sollen uns den Beruf zeigen, auf welchen Deutschland inmitten Europa’s hingewiesen ist. Nicht allein die gegenwärtigen Verhältnisse werden uns beschäftigen; hauptsächlich ihre Gebrechen: was ist, soll in dem Lichte seines wahren, natürlichen, nicht seines zufälligen Daseins erscheinen.

In Wahrheit, seit der Reformation, noch deutlicher für die wenigstens, die nur die Oberfläche sehen, seit der Revolution, ist Europa in unaufhörlicher Gährung begriffen: Alles nur Uebergang, nur Krise oder Intermezzo; die neue Zeit, welche in so unzähligen Zuckungen die Menschheit anstrebt, muß erst noch geboren werden. Die Geburtswehen, hier konvulsivisch heftig, dort langsam wühlend, schildert die Geschichte Europas (um nicht zu sagen: der Erde) seit 1789. — Ich stelle diesen Satz, welcher eben so sehr als Folge der Betrachtung einleuchten soll, schon zu Anfang voraus: einmal, weil es schwierig ist, ohne diese Ueberzeugung überhaupt nur daranzugehen; sodann, weil ich glaube, daß die, denen er noch nicht zur Wahrheit geworden, auch nach hundert Beweisen nicht im Stande sein würden, ihn zu begreifen.

Gleich wie in der deutschen Geschichte, trotz Ursprung, Blüthe und Verfall des Kaiserthums (welches doch ein abgeschlossenes Ganze bildet), noch kein wahres Ende, sondern nur Entwicklung, und immer Entwicklung auf Ein Ziel hin hervorleuchtet, so bildet auch die europäische, trotz ihrer beträchtlichen Dauer, eine ungeheure, fortlaufende Reihe von Entwicklungen, welche insgesammt, obwohl in einzelnen Phasen vollendet, ihre letzte Erfüllung in einer noch kommenden Zukunft finden. Erst die Zerstörung von Konstantinopel (als nominelles Ende der ost-römischen Herrschaft) bezeichnet die Epoche, von der aus das gesammte Europa, aus den letzten Ueberbleibseln römischer Erziehung entlassen, in selbst-eigener Wesenheit aufblüht: so lange Zeit war nöthig, um die Spuren der antiken Welt in den barbarischen Völkern der neuen zu verwischen. Das Christenthum, die innere Seele der ganzen europäischen Geschichte, ist heute noch die Grundlage der Staaten (mit ihrem Willen oder ohne ihn); die große Frage, die sein Leben bedroht, ist zugleich die Lebensfrage Europas: erst, wenn sie beantwortet sein wird, hat Europa ein Ziel der Entwicklung erreicht. Dem verglichen erscheint das Mittelalter in seinen Staaten, wie die große, jugendliche Vorahnung gegenüber der Vollendung des Mannes; dazwischen liegt der schwere Uebergang von der Reformation bis auf unsere Tage; der Uebergang ist erledigt, die Vorahnung (obwohl ein Leben für sich) im höchsten Maße erfüllt, wenn eine neue Aera beginnt. Daher, was immer aus Betrachtung der Gegenwart als Resultat der Zukunft sich ergeben mag, hat nicht bloß für unsere Zeit momentane, sondern auch rückwirkende Bedeutung für Jahrhunderte, ja für Jahrtausende.

Was unsere Zeit verlangt, ist nicht Blüthe einer Epoche, Gesundheit einer Periode, es ist Gipfel der Geschichte, zweite Erlösung der Menschheit. Nicht auf Masse, Umfang, Quadratmeilen steht die Vorsehung, sondern auf den Geist, der auf den verschiedensten Punkten der Erde, in den verschiedenen Völkern lebt: wer den Erdball selber anschaut, statt der Lichtstrahlen, die hin und wieder auf ihm vertheilt sind, wird niemals ihren Gang nur ahnen können.

Die Geschichte kennt bis jetzt drei universelle Tendenzen (Griechenland, als die Mutter der Weltbildung, hat sie alle drei genährt): die römische Weltherrschaft[11], d. i. die absolute Macht des Staats, die päpstlich-katholische, d. i. die absolute Gewalt der Kirche, dazwischen die muhamedanisch-arabische, d. i. die Einheit von Staat und Kirche. Die letztere ist zerfallen in sich; durch die steigende Macht des Christenthums, der Kirche, ist die altrömische, durch die wachsende Mündigkeit des Staats die neurömische Gewalt gebrochen worden. Die vierte universelle Schöpfung gehört der neuern Zeit: Staat und Kirche verbrüdert, d. i. weder die ausschließende Despotie des Einen oder Andern, noch die Verschmelzung beider, sondern ihr wahres Verhältniß, wurzelnd in der gerechtfertigten Wahrheit der zwei Grundlagen, worauf sie beruhen. — Das sei von vorn herein gesagt, um zu zeigen, mit welchem Rechte ein weltumfassendes Gewicht einer Zeit, wie die unsrige ist, beigelegt wird. —