Um das wahre Sein der Gegenwart vom trüglichen zu scheiden, ist uns die Kenntniß der Gesetze nöthig, auf welche die Organisation der Völkergruppen von Europa gebaut ist. Alles ist hier Ordnung, nichts Zufall; die Gliederung der europäischen Völkerfamilie ist eine dergestalt organische, daß Europa ohne sie zerfallen würde. Die Analogie mit der ganzen menschlichen Familie soll das beweisen.

Man findet den alten Kontinent von zwei Raçen bewohnt, deren jede in zwei scharf geschiedene Gattungen zerfällt. Kaukasier auf der westlichen, Mongolen auf der östlichen Hälfte; im Südwesten als Unterart dort die Semiten, hier die Chinesen. Gestalt und Bevölkerung der ganzen Erde, alle Raçen die sie trägt (sie mögen primitiv sein, oder nicht) erklären sich durch jene Vierheit. Amerika entspricht dem kaukasischen, Afrika dem arabischen, Neuholland dem mongolischen, Japan dem chinesischen Stamm. Kaukaser haben Amerika, Araber Afrika bevölkert; eine Abart der mongolischen Gattung sind die Malayen, der chinesischen die Japanesen.

Nicht anders gibt es in Europa zwei Stämme, in je zwei Gattungen gespalten. Germanen auf der westlichen, Slaven auf der östlichen Hälfte; im Südwesten die Westromanen, im Südosten die Ostromanen. Der Geist ruht, wie oben, im Westen, der Zug der Geschichte geht, wie oben, von Süden nach Norden: von Griechenland und Rom nach Germanien, wie von Indien und Palästina nach Europa. Diese Organisation wird durch die Bildungsgeschichte Europas gerechtfertigt. Das weströmische Reich hat die germanischen, das oströmische Reich die slavischen Völker zur Bildung, wie zur Vermischung überkommen: so mußten dort die westromanischen, hier die ostromanischen (griechisch-slavischen) Stämme entstehen. Die Slaven (heutzutage Rußland) stellen in Europa das Princip der Barbarei vor, das heißt der materiellen Gewalt, wie die Mongolen in der alten Welt überhaupt. Die Romanen mit ihrem unstäten, entzündlichen Geist, ewig anregend und weckend, gleichen den Semiten, aus denen (durch drei Religionsstiftungen) der Anstoß aller Geschichte hervorgegangen ist; die Germanen sind für Europa, was die Kaukasier für die Erde; der Weltgeist ruht auf ihnen, sie bilden die oberleitende, im letzten Grund bestimmende Macht. In Ostromanien endlich vereinigen sich die europäischen Tendenzen, wie in China die ostasiatischen, es ist das Areal Europas, wie China der Sitz des Reiches der Mitte.

Jeder der genannten Stämme Europas strebt nach der Beherrschung des ihm analog Verwandten. Die Germanen werden zu den Kaukasiern (englische Macht in Indien und Persien), die Romanen zu den Arabern (Zug der Franzosen und Spanier nach Aegypten und Afrika), die Russen zu den Mongolen (Ausbreitung der russischen Macht in der Tartarei, in Ostasien überhaupt), hingezogen. Umgekehrt sind früher die Spanier von den Arabern, die Russen von den Mongolen beherrscht worden. Man vermißt eine ähnliche Berührung der Ostromanen und Chinesen, weil die Wesenheit beider weniger in ihrem selbstständigen Charakter, als in der Beziehung auf die andern, in der Zusammenfassung liegt[12]. Im Uebrigen liegt in dieser Parallele die äußere Zukunft Europas, die künftige Gestaltung, die Einheit der Erde.

Gleicher Weise herrscht in der Organisation der Familien Europas ein Gesetz, das in anderer Form denselben Grundzügen, wie das obige folgt. Wir sahen im Allgemeinen zwei Grundraçen, in je zwei Gattungen getheilt. Im Einzelnen findet man jede Familie in drei Nationen gespalten, von denen je zwei den Typus der Familie ausdrücken, die dritte, in eigenthümlicher Art, den Uebergang zur nächsten oder die Vermittlung zwischen mehreren bildet[13]. Deutsche und Skandinavier, Franzosen und Spanier, Russen und Polen, Griechen und Wallachen, sind die Nationen von rein germanischer, westromanischer, slavischer, ostromanischer Natur. Ungarn ist dem germanischen, Serbien dem slavischen, Italien dem ostromanischen, England dem westromanischen Typus, jedes innerhalb seiner Sphäre, nahe gerückt. Selbst in Zusammensetzung der Nationen (in Engländern, Schottländern, Irländern, in Dänen, Schweden, Norwegern) kehrt die Dreiheit und in derselben Art wieder. Was hierüber hinausgeht, ist nicht in dauerndem Organismus, nur in zeitiger Entwicklung begründet. Holland, Belgien, die Schweiz, Altpreußen, Portugal mögen frei bleiben, wie sie es sind, aber nie werden sie es in Wahrheit sein, ohne dem größern Organismus sich unterzuordnen, dessen ausgeprägtere Glieder sie sind. Dänemark, Norwegen, Schweden können, was sie sein sollen, niemals werden, ohne einig zu sein. Die Natur will überall Freiheit, Leben und Eigenthümlichkeit, aber sie will es nach einer bestimmten Ordnung, welcher die Freiheit selbst nicht zuwiderlaufen darf, ohne zur Willkühr und eben dadurch zur Schwäche herabzusinken.

Das sind die Gesetze, nach denen das Wachsthum und die Harmonie Europas sich regelt. Man werfe nicht ein, daß sie aus der jetzigen Lage der Dinge, zum Theil aus den neuesten Ereignissen geschöpft sind, daß ihre Dauer in Zukunft so wenig verbürgt ist, als ihr Dasein in der Vergangenheit. Europa ist noch jung, es ist nicht lange her, daß die Engländer, daß die Spanier, die Russen sich konsolidirt haben, die neueste Zeit erst hat die Griechen zur Nation gemacht, die Türken an den Rand der Vernichtung geführt, erst sie hat überhaupt den Begriff der Nationalitäten zum Bewußtsein erhoben. Jene Harmonie, obwohl in unsern Tagen erst durchschimmernd, lag doch vor Jahrtausenden schon im Keime in der Gestaltung Europas, gerade wie im Embryo alle Bedingungen des vollkommenen Körpers gegeben sind.

Das Modell dieses Körpers aufzustellen, ist in obigen Gesetzen versucht worden: die natürliche Politik der Staaten, ihre Tendenz und Ausdehnung, das Gleichgewicht, so weit es Wahrheit hat, das Alles prägt sich daran aus. Gleich wie der Mensch die gesammte Natur beherrscht, weil er als Mikrokosmus den Makrokosmus in sich trägt, so ist Europa der Mittelpunkt der Erde, weil ihre Organisation, die Stellung ihrer großen Raçen, weil das ganze All in seinem kleinen Raume sich abspiegelt. Wiederum, wenn es ein Land gäbe, in welchem Europa eben so sehr sich wiederfände, als die Welt in Europa, so würde dieses das Haupt des Welttheils sein. „Das Volk, sagt Johann von Müller, welches die Eigenschaften, denen Europa seine Uebermacht schuldig ist, in vorzüglichem Grade besitzt, wird in Europa selber das erste sein“.


[Kapitel II.]
Die Revolution und Napoleon.