Der Kampf der altgermanischen Freiheiten in Europa gegen die aufstrebende Monarchie hatte in Frankreich zuerst mit dem Siege des Königthums unter Louis XI. geendigt. Also erhob sich von hier aus die Revolution: die Fäulniß der Monarchie brachte, wie einst das Verderben der Kirche, Principien zum Ausbruch, die längst geschlummert hatten. Alle Länder Europas, in denen der Absolutismus gesiegt hatte, mußten im Verlauf der Erschütterung umgewandelt werden; Napoleon beherrschte ganz Europa, mit Ausnahme von England und Ungarn, wo die alte Freiheit sich erhalten, von der Türkei und Rußland, wo der Despotismus, in der Natur der Völker wurzelnd, keine Freiheit überwunden hatte. Er scheiterte an Rußland, weil die russische Barbarei von dem französischen Andrang nur äußerlich, nicht innerlich berührt werden konnte.
In Deutschland hatten lange Kriege das Dasein des Protestantismus entschieden; nach diesen blieb Ruhe. In Frankreich war unter kleineren Kämpfen die Reformation von der Monarchie unterdrückt worden; aber später mußte dieselbe Bewegung, die den Katholicismus untergrub, zugleich seinen Verbündeten, den Thron, vernichten.
Es ist leicht, in den Zuständen unter Louis XVI., in den geistigen Vorgängen schon der früheren Zeit, die Ursachen der Revolution zu suchen, sie zu zergliedern und aufzuzählen. Man hört sie gläubig an, findet die Folgen natürlich und nothwendig; aber nach aller Berechnung bleibt jener Eindruck des Wundersamen und Plötzlichen, der der französischen Umwälzung so unvertilgbar anklebt, daß er ihren eigensten Charakter bildet. Eine tiefe Wahrheit liegt ihm zu Grunde. Alle früheren Revolutionen, alle Fortschritte und Rückschritte der Völker entwickelten sich in traditionellen Verbindungen, überall reihte sich Glied an Glied.
Damals plötzlich taucht ein Gemeinwesen auf, neugeschaffen nach den Erkenntnissen des raisonnirenden Verstandes. Das war in keiner Geschichte noch geschehen. Vielleicht kommt die Zeit, wo diese Handlung sich wiederholt, wo (nach dem Wunsche aller Idealisten von Plato bis auf Fichte) die Menschheit sich nach wahren Principien regelt. Die Wahrheit aber, weil im tiefsten Zusammenhang mit aller bisherigen Geschichte, würde nicht zerstören, nicht einmal überraschen; sie würde nur die Schuppen von den Augen der Menschheit nehmen. Jener dämonische Uebergriff, jener staatliche Aufbau, aus der Aufklärung gezimmert, welche selbst ein leichtsinniger Uebergriff gewesen, verursacht das Erstaunliche der Revolution. Jemand hat die Revolution einen Rausch des Weltgeistes genannt; sie war ein Rausch, und die Abspannung der trunkenen Völker ist die Geschichte der Romanen bis auf diesen Tag. Wären die Principien der Revolution die wahren gewesen, selbst dann wären die Franzosen unfähig, sie ins Leben zu führen: wie vielmehr, als sie falsche und überdieß auch diese nicht verdaut, entgegen tausendjähriger Tradition, zur Grundlage des Staates erhoben. Solche Arbeit war dem romanischen Geiste zu viel: Frankreich und Spanien, Portugal, auch Italien, tragen noch heute die Spuren theils innerer, theils äußerer Zerrüttung.
Von nun an trat die souveräne Berechtigung des Volkes der geweihten Legitimität der Fürsten gegenüber; früherhin, besonders im Mittelalter, schienen die Rechte der Nationen sich eben so sehr von selbst zu verstehen, als eine kirchliche Weihe der Fürsten, wodurch die menschliche Wahl oder Erbordnung höhern Charakter erhielt. Nun stellte man Beides auf die Spitze, Dogma gegen Dogma, und der Kampf begann, wie in den Zeiten der Religionskriege. Sollte nicht endloses Blut vergossen, sollte nicht Europa entweder den absoluten oder anarchischen Principien (beide gleich verderblich) zur Beute fallen, so mußte eine gewaltige Hand die Gegensätze vermitteln, Fürsten und Völker bezwingen, um durch leibliche Gefahr die geistige Gluth zu kühlen.
Dazu war Napoleon gesandt. Die Natur gab ihm ein selbstsüchtiges Gemüth (ohne welches die Rückkehr zum monarchischen Princip unmöglich gewesen) und einen Geist, so groß und noch glänzender, als er tausend Jahre zuvor in Karl dem Großen erschienen war. Man vermißt bei Napoleon den leitenden Plan, der sich durch Karl’s mannigfache Unternehmungen hindurchzieht; man sieht ihn ohne klares Bewußtsein von einem Schritte zum andern getrieben. Sein Wollen, die Intentionen seines Geistes überwogen die innere Kraft; beide kreuzten sich, erst auf St. Helena wurde ihm selbst das Werk seines Lebens klar, er lernte seine Sendung verstehen. So wunderbar die Revolution immer noch erscheint, so dämonisch fremdartig ist seine Gestalt in unserer Zeit. Die bewegenden Ideen des Zeitalters blieben einem so mächtigen Geiste fremd: von Protestantismus und Katholicismus, von Liberalismus und Monarchismus, als Problemen der Zeit, blieb er unberührt. Man hat ihn einen Mann nach dem Zuschnitt Plutarchs genannt; mir erscheint er, wie einer der alten orientalischen Eroberer, von denen nur dunkle Geschichten auf uns gekommen, in die moderne Welt versetzt. Jene Selbstsucht, wie diese Kälte gegen die Freiheit (der Grundidee der neuern Zeit) hat ihn gestürzt; beides aber stempelte ihn zu der Persönlichkeit, die auf zwei Jahrzehnde dem sonst tödtlichen Principienkampf Stillschweigen gebieten konnte. Selbst den Organismus der Völker hat Napoleon nie beachtet; später war er kühn genug, die innerlich sinnlosen, für den Moment nützlichen, Zerstücklungen als eben so viele Mittel zur Erweckung der erloschenen Nationaleinheit (in Deutschland und Italien) darzustellen. Er kannte die Franzosen, und baute gleichwohl auf sie, hielt sie gleichwohl für fähig, seine Herrschaft zu erben; obschon eine Uebertragung des alten Kaiserthums (das er nur in seiner Nichtigkeit kannte) ihm niemals in den Sinn kommen mochte. Ungeheuer und bis auf diesen Tag lebendig sind die Wirkungen seines Daseins. Durch ihn ist das römische Reich gestürzt, und Deutschlands heutige Verfassung, Deutschlands innere Einheit herbeigeführt worden; er hat Spanien aus dem Todesschlummer geweckt, England auf den Gipfel der Macht, wie an den Rand des Abgrundes gestellt; er dem russischen Staat, der anfangs die Herrschaft mit ihm getheilt, dann in erster Linie ihn besiegt hat, seine unnatürliche Bedeutung verliehen; durch ihn sind die Wohlthaten der Revolution den Völkern bewahrt; durch ihn der status quo ins Leben gerufen worden, welcher Nichts ist, denn Vermittlung der ideellen, wie der politischen Gegensätze; durch ihn der lange Friede voll geistiger Gährung, das künstliche Gleichgewicht, und die Gebanntheit des Willens, woran Europa leidet; er endlich hat das letzte warnende Beispiel unorganischer Gewaltherrschaft gegeben, er auf immer die Nationalitäten geschieden. — Die Zurückführung seiner Asche nach Paris ist ein merkwürdiges Zeichen der Zeit. Ganz Europa hatte ihn verbannt, ganz Europa hat sich mit dem Wiedergekehrten versöhnt. Von nun an gehört er der Geschichte an; die Leidenschaften verstummen, wenn die Nachwirkung endet, die ein gewaltiger Mann in Liebe und Haß auf die Zeit, die ihm zunächst liegt, ausübt. Diese Zeit scheint ihrem Ende zu nahen und eine neue Epoche beginnt.
Nach ihm ist keine Hegemonie gedenkbar, als die innere der Natur und des Geistes, keine Gewalt mehr der Eroberung, als die Alles bezwingende Gewalt der Idee.
Napoleon vereinigt als Korse den römischen, italienischen, maurischen, afrikanischen, durch Erziehung den französischen Typus. Romane ist er ganz und gar, und der höchste Ausdruck romanischer Geschichte. Romanische Hegemonie, das hat er auf ewig gelehrt, widerstreitet der Ordnung von Europa; um zu herrschen, mußte er den Organismus der Völker zerstören. Ob germanische ihr ebenso zuwider, ob sie ihr nicht ersprießlich, ja nothwendig sei, wird die Zukunft lehren.