Um französisches Gefühl, um die Täuschungen französischer Politik zu begreifen, darf man nie vergessen, daß seit Richelieu Frankreich den mächtigsten Staat Europas gebildet, daß es in der Civilisation (gleichviel hier ob in wahrer oder falscher), in Kriegskunst und Administration lange Zeit hindurch der Lehrmeister Europas gewesen, daß keine Macht ihm gegenüberstand, welche für den einheitlichen Ausdruck germanischen Volksthums gelten konnte, daß die Franzosen, sonach gewöhnt an die erste Stellung, in der Revolution auf eine geistige, durch Napoleon auf eine politische Höhe erhoben wurden, die ihr Bewußtsein verrücken mußte, daß endlich der wahre Grund französischer Größe in einem inneren Vorgang liegt, dessen Falschheit einzusehen auch heute noch nur den tiefer Denkenden beschieden ist. Mit Einem Wort, da seit dem westphälischen Frieden keine Nation mächtiger auf die Gestaltung und Kultur Europas gewirkt hat, als die französische, da die Deutschen zwar unendlich viel gedacht und geschrieben, aber Nichts gethan haben, um den Franzosen ihr Uebergewicht zu beweisen, so sind die französischen Prätensionen, obwohl falsch und hohl, doch des vornehmen Gelächters nicht werth, das von so Vielen aufgeschlagen wird, welche, warum sie falsch und hohl sind, nicht zu sagen vermöchten. Gerechtigkeit vor Allem geziemt der unparteiischen Betrachtung; sie zu üben, muß sie in das Bewußtsein der Nation sich versetzen, von der sie zu sprechen hat.
Die Betäubung, durch zweimalige Invasion, der Schlummer, worein die ungeheuern Erlebnisse der Revolution und des Kaiserreichs die Franzosen versetzt, machten fünfzehn Jahre lang die Restauration möglich, eine Regierung, die an 1788 anknüpfte. In der Juliusrevolution erwachte Frankreich. Man besann sich, was Frankreich gewollt; die Macht der Idee wurde wieder lebendig, Frankreich wieder der erste liberale Staat. Was die Revolution Herrliches geleistet, sollte in der konstitutionellen Monarchie, was das Kaiserthum Großes gethan, sollte auf dem Wege des Geistes, durch die Sympathie der Völker sich wiederholen. Es schien, als sollte der neue Tag der wahren Freiheit über die Völker hereinbrechen. Es war ein großer Irrthum; kein Volk kann von der Vergangenheit zehren, insonderheit wenn diese selbst der innern Wahrheit entbehrt. Ein neues Princip war nicht gefunden; nur das Beste von Allem sollte in Auszug genommen werden. So geschah, daß Frankreich aus eben so viel Parteien besteht, als es seit 1789 Epochen durchlebt hat.
Europa zerfiel wieder in zwei große Lager; diese ordneten sich klarer, indem die Quadrupelallianz der Tripelallianz entgegentrat; und das Gleichgewicht erhielt seine letzte Ausbildung. Als die erste französische Revolution dem Sturme gleich die morschen Stützen des europäischen Wesens zu entwurzeln drohte, schickte Gott, um Europa zu retten, uns einen Titanen. Auch die zweite drohte ähnliches Unheil, auch damals schien ein Principienkrieg Europa verheeren zu wollen; aber wie sie nur ein Nachhall war der ersten, so war jetzt nur die Klugheit eines berechnenden Mannes nöthig, um den Frieden zu wahren. Zuweilen beliebt es der Vorsehung, einzelne Menschen zu Ecksteinen zu stempeln, an denen die Fluth der Ereignisse an- und abprallt, in schwache Hände das Schicksal eines Welttheils zu legen, wie sie umgekehrt oft kleine Dinge durch die stärksten erzielt. Solch ein Mann ist Louis Philipp; seine Anschließung an die dynastischen Prinzipien, so unerwartet von dem Sohne der Revolution, hat die Ruhe Europas gerettet, aber, weil zuwider dem Wunsche der Nation, und erreichbar nur durch geheime Wege, Frankreichs Ruhe untergraben. Frankreich konnte gedeihen, wenn ein Mann von Kraft, der Freiheit zugethan, aber souverän durch die Macht seiner Persönlichkeit, dem zerrissenen Wollen der Franzosen außerhalb Europas ruhmvolle Bahnen öffnete. Die Restauration hatte eine solche Erbschaft hinterlassen. Davon ist an Louis Philipp wenig zu sehen; eine ungemeine Gewandtheit, die man Weisheit nennt, eine eben so große Erfahrung, ein Herz, das für eigene Interessen am wärmsten schlägt, sind die Eigenschaften, die ihn charakterisiren. Wenn Napoleon Cäsar war, doch ohne die Güte seines Charakters, so ist Louis Philipp mit Oktavian zu vergleichen, der ihn gleichwohl in politischer Einsicht (freilich auch in Charakterfehlern) übertrifft. Sein Werk ist das Justemilieu, das ist die Kunst, aus den verschiedenen Zahlen einen Durchschnitt zu ziehen, den man fälschlich für eine Größe hält. Da diese Politik aller geistigen Wesenheit eben so sehr, als aller moralischen Kraft entbehrt, so ist Frankreich binnen zehn Jahren zu einer Zerrüttung herabgesunken, in deren Folge das sittliche Leben der Nation in einem Meere von Intriguen verschwimmt.
Das Justemilieu also, weit entfernt, sie zu heilen, vermehrt die tiefe Erschöpfung des Geistes und Gemüths, worein die erste Umwälzung Frankreich gestürzt hat. In der Revolution liegt der Saame des Unkrauts, das heute dort so reichlich wuchert; schwerer als der dreißigjährige Krieg auf dem deutschen Volke gelastet hat, lastet sie noch auf dem französischen. Die Aufklärung hatte das religiöse Bewußtsein in Frankreich zerstört, die Revolution vernichtete vollends den moralischen Gehalt, und flößte den Gemüthern jene unselige Hast nach Neuem, den Geistern jene flatterhafte Unruhe ein, welche, ohnedieß im französischen Charakter begründet, durch ewiges Negiren jede positive Schöpfung im voraus unterwühlt oder wo sie da ist, mit dem Tode bedroht. In Deutschland hat eine innere und äußere Erhebung des Volksgeistes die Principien der „Aufklärung“ (der Voltaire’schen Zeit) umgestoßen; in Frankreich sind sie unwiderlegt bis auf diesen Tag, ja genährt durch die Dummheit der Restauration; und vergebens strebt man, mit äußeren Waffen die Gleichheit zu bekämpfen, die zu tief in der innern Anschauung der Gesellschaft gegründet ist. So verlangt der Pöbel seine Rechte; wie nach und nach im Mittelalter der Bürger, in der neuern Zeit der Bauer sie erhalten hat, so will auch der Proletarier zum „souveränen Volke“ gehören. Wie nun diese Klasse durch keine tiefere Beziehung an die Gesellschaft gebunden ist, als durch die äußere des Arbeiters zum Brodherrn, so scheut sie, um zu ihrem (nach den Principien so heiligem) Rechte zu gelangen, keine Mittel; aus ihrem Schooße gehen die Königsmörder hervor, deren gehäufte Zahl Europa in Staunen versetzt hat. Diesem Uebel, fressend am Kern des Staates, geschieht kein Einhalt (wie in England) durch den gesunden Sinn der Nation, durch die natürliche Achtung der Stände und des Ranges; vielmehr die letztere wird eben durch die höhern Klassen selbst verwischt, welche von Emporkömmlingen wimmeln, sei es des Geldes oder der Intrigue; denn auch das Talent, die einzige noch übrige Aristokratie, kann nur durch Geld oder Intrigue sich erheben. — An dieser Immoralität, an der allgemeinen, wie an der eignen, scheitern die wenigen Staatsmänner, die Frankreich besitzt. Es ist höchst bezeichnend für die Unnatur französischer Zustände, daß der mindeste Grad von Talent und Moralität unter den Anhängern des Justemilieu, des gegenwärtig herrschenden Systems sich findet, während die Republikaner unter allen den tüchtigsten Charakter, die Legitimisten eben so viel Geist entfalten; zwei Parteien, wovon die eine wegen der sittlichen Umkehr des Heiligsten, die andere wegen ihrer Dummheit von der Geschichte gerichtet ist. Dem Justemilieu kann weder Guizot, der Professor, tiefern doctrinellen Inhalt, noch Lamartine, der Poet, idealen Zauber geben. Der sprechendste Ausdruck des heutigen Franzosen, seines nationalen Wollens eben so sehr als seiner schweren Verdorbenheit, und einzig möglicher Mittler zwischen Krone und Volk, ist Thiers. Eine kleine Partei gibt es in Frankreich, welche in der Religion allein das Heilmittel für den gesunkenen Nationalgeist findet; in der Politik will sie gesetzliche Freiheit und Beschützung des Principes der Freiheit in Europa. Sie allein, obwohl gering an Zahl, enthält Keime des Lebens, die die Zukunft zur Reife bringen kann. Aber auch sie kann, selbst wenn sie mächtig wäre, Halt und Einheit ihrem Vaterlande nicht wiedergeben.
So sind die Grundlagen des Staats, wie die des Volksbewußtseins in Frankreich vernichtet. So tiefe innere Zerrissenheit kann nur durch eben so tiefe innere Vorgänge geheilt werden. Dieselbe Weltanschauung, welche in einer großen Literatur sich ausgesprochen, in einer großen Umwälzung sich verkörpert hat, liegt jetzt in ihrer ganzen Oede der Welt vor Augen. Eine neue positive zu schaffen (d. h. sich selbst zu verjüngen), das ist dem französischen Geiste überhaupt nicht, am wenigsten in seiner heutigen Erschöpfung beschieden. Wir haben im ersten Theile gezeigt, wie diese den Deutschen vorbehalten sei. Unumwunden und bestimmt sei es hier ausgesprochen: Frankreich hat von Deutschland seine Rettung zu erwarten. Gleichwie im achtzehnten Jahrhundert die französischen Prinzipien Deutschland überfluthet, wie der französische Geist durch seine Kühnheit den deutschen bezwungen, ihn gestachelt und beflügelt hat, so wird jetzt wiederum der deutsche auf den französischen zurückströmen, wird die philosophischen und socialen Fragen, an deren vorschneller Behandlung er sich verblutet hat, ihm gelöset überantworten, wird neue Lebenskraft und die Fähigkeit, sich zu fassen und zu einigen, ihm wieder verleihen.
Zu all den innern Uebeln gesellt sich in Frankreich die Centralisation, die einzige Maxime, welche seit Ludwig XI. durch alle Phasen seiner Geschichte sich gleichmäßig hindurchzieht, früher die Ursache seiner Macht, jetzt die Mehrerin des Verfalls, weil sie die Entwicklung der Provinzen, die Freiheit der Gemeinden und das Wachsthum der Kultur in gleichem Maße verhindert. Die Parteien, wenn auch nicht, wie sie jetzt sind, doch im Allgemeinen, werden in Frankreich niemals verschwinden. Aber, während sie jetzt, in Einem Punkte vereinigt und vergiftet durch die Verdorbenheit der Hauptstadt, sich gegenseitig verzehren, so würden sie als eben so viele Ausflüsse der Provinzialcharaktere das Gedeihen des Staates fördern. Politische und wissenschaftliche Intelligenz, Bildung und Tüchtigkeit kann erst, wenn die Provinzen sich emancipiren, in der ganzen Nation erwachen. Ich glaube, daß die Befestigung von Paris, obwohl der Triumph des Centralsystems, wie der Dynastie überhaupt, die Franzosen von einer geistigen Tyrannei befreien wird, gegen die sie jetzt, inmitten aller gerühmten Freiheit, kaum zu sprechen wagen, ja die sie kaum fühlen. Das befestigte Paris, unfähig der innern Gewalt zu widerstehen, begibt sich des Vorgangs, den es in allen Umwälzungen und Staatsstreichen geübt, und der Geist des Volkes, bisher ein Eigenthum der Pariser, wird bei der nächsten Krise sich auf die Provinzen legen. Deutschland und Frankreich bilden hierin ein reines Widerspiel: zur Zeit der sächsischen und fränkischen Kaiser war Frankreich unendlich zersplittert; je mehr die kaiserliche Macht verlor, desto mehr gewann die königliche; Deutschland war kaum noch föderirt, während unter Ludwig XVI. und von ihm bis Napoleon die Centralisation culminirte. In unsrer Zeit werden Beide sich begegnen (ohngefähr wie in der Mitte des Mittelalters): Deutschland wird durch nationale Einheit des Bewußtseins dem centralistischen, Frankreich durch die Opposition der Provinzen dem föderalen Principe sich nähern.
Als erste romanische Macht hat Frankreich Einfluß in Afrika, in der Levante, im Mittelmeere zu suchen, es hat Spanien und Portugal an seine Politik zu fesseln. Alles das wird wenig erkannt, noch schlechter geleitet. Algier ist durch ungeschickte Verwaltung, durch ewigen Wechsel der Systeme, durch schwankenden Willen der wunde Fleck des Staats geworden. Man begriff die Wichtigkeit Egyptens und beschützte den Pascha. Aber statt seine Barbarei im Zaume zu halten, statt die Oberflächlichkeit seiner Civilisation zu bessern, gab man sich kindischen Täuschungen hin, und als die Zeit der Gefahr nahte, wurde der Schützling verlassen. Der Einfluß im Orient wurde verloren. In Spanien hat die zweideutige, unwissende Politik der Franzosen die Zuneigung der Nation auf lange untergraben. Die sonstigen Unternehmungen sind Spielereien, denen nicht nur geistige Bedeutung, sondern auch jeder moralische Nachdruck fehlt.