In Folge davon wirft sich der Volksgeist, von neuen Erinnerungen getrieben, von uralter Eitelkeit gestachelt, auf das germanische Europa. Bittere Erfahrungen müssen den Franzosen zeigen, daß sie weder die Erstgebornen der Civilisation, noch das herrschende Volk des Kontinents sind, wofür sie sich halten.
Die Politik der älteren Bourbonen (obwohl in andern Dingen einsichtsvoller, als die jetzige), die Revolution und Napoleon, heutzutage Legitimisten und Republikaner, Alle kommen darin überein, sich auf deutsche Kosten zu bereichen. Dagegen ist mit Worten nicht zu kämpfen; seit der Reformation kennen die Franzosen kein anderes, als ein zersplittertes Deutschland, ja selbst besiegt von den Deutschen sind sie gewohnt, in den Friedensschlüssen die Sieger zu täuschen (wie im Rastadter Frieden 1714, im ersten und zweiten Pariser Frieden); deutsche Kraft konnten sie um so weniger achten lernen, als die Deutschen niemals anders, denn mit Alliirten gesiegt haben, als auch Napoleon nicht von Deutschland, sondern von Europa überwunden worden ist. Man wundert sich, daß die französische Nation auch jetzt noch die Schwäche eines Nachbarn benutzen will, den sie Jahrhunderte lang ausgebeutet hat. Wir würden dasselbe thun, und haben in Polen dasselbe gethan. Die Polen aber haben uns gehaßt, die Theilung von Polen war ein Gewaltstreich; die Franzosen sind von uns geliebt, bewundert, nachgeahmt und nachgeschrieben worden, ja noch letzthin, als die Lockpfeife der Juliusrevolution erschallte, haben deutsche Affen und deutsche Bären ihr nachgetanzt; wie sollten da die französischen Begriffe sich ändern? Darum ist es wohl nützlich, in der Presse den französischen Anmaßungen zu begegnen, deutschen Sinn endlich einmal in ihre Ohren zu schreien, aber damit ihre Köpfe zurecht zu setzen, das wäre thörichte Einbildung. Thaten allein, große und schwere Thaten vermögen das; ein Bewußtsein, auch das tüchtigste, wenn wir ein solches hätten, läßt sich Andern nimmermehr einflößen; haben wir doch schon früher, 1813-1816, antifranzösisch gesprochen und geschrieben, und im Uebermaß, aber nur um nachher desto lächerlicher zu werden. Warum war die französische Politik so gesund im Mittelalter, ausgebreitet nach dem Orient, bescheiden gegen Deutschland? Weil wir groß waren und unantastbar, weil durch Thaten, nicht mit Worten jede französische Anmaßung gezüchtigt wurde. Lasset Macht und Stärke, Kraft und Einheit wieder erstehen, lasset im Osten oder Westen, im Norden oder Süden ein deutsches Werk geschehen von altgewaltiger Art, lasset ihnen sehen, daß Deutschland ein anderes, ein ganz anderes geworden ist, zeigt es ihnen, daß sie’s mit Händen greifen und fassen, mit Augen und Ohren sehen und hören, mit Sinnen spüren müssen — und das alberne Geschrei nach der Rheingränze wird im Nu verstummen, man wird sich schmeicheln, von dem nichts einzubüßen, was man bisher noch behalten hat[14].
Dann erst, wenn wir das Verständniß unserer Natur, ein ungeahntes Verständniß, den Franzosen eröffnet haben, dann erst und früher nicht, wird die wahre Stellung zu Deutschland sich entwickeln, die einzige, die den Franzosen selbst, wie dem europäischen Organismus frommt. Diese soll eine friedliche, freundliche sein, als der ersten romanischen zur ersten germanischen Nation, getragen von dem natürlichen Verkehr, der die zwei wichtigsten Kulturvölker Europas verbindet, von der Ehrfurcht, die dem romanischen Geiste gegen den germanischen, von der Achtung die diesem gegen jenen geziemt. Die Franzosen sind die besten Soldaten Europas, wir größere Männer. Sie sind geschickter in diplomatischen Künsten, wir in der großen Politik, in aller tiefern Staatskunst ihnen überlegen. Sie schreiben klar und verständlich, wo wir oft dunkel und unschön, aber unwissend und oberflächlich, wo wir gutunterrichtet und gründlich. Sie raisonniren, wo wir denken; sie haben ein Ehrgefühl, das allezeit entzündet wird, wir eine Begeisterung, die nur selten unser Phlegma durchbricht, dann aber allen und jeden Widerstand überwindet. Eifersüchtig auf ihre Institutionen, sind sie doch geneigter als irgend ein Volk in Europa, despotisch beherrscht zu werden; gehorsamer als alle übrigen, sind wir trotz dem am fähigsten, die wahre Freiheit (die staatliche wenigstens, wenn auch nicht die persönliche, in welcher die Engländer voranstehen) uns zu schaffen und sie zu genießen. Der französische Gesichtskreis ist gebannt in französische Begriffe, der unsrige umfaßt die ganze Erde; der eine drängt sich gewaltsam den Fremden auf, der andere verliert in der Weite zuweilen sich selbst. Der französische Charakter ist weiblich mit der Liebenswürdigkeit des Weibes, der deutsche männlich mit aller Größe des Mannes, aber auch mit den Fehlern, deren Benutzung dem andern Geschlechte zuweilen die Oberhand gibt. All diese entgegengesetzten Eigenschaften, diese Reihe von äußern Tugenden auf der einen, von innern Kräften auf der andern Seite, sind vortrefflich gemacht, sich zu reiben und immer wieder zu finden, im Interesse der Civilisation sich zu ergänzen.
Man ist gewöhnt, die Franzosen als das handelnde, die Deutschen als das denkende Volk anzusehn. Das ist unsäglicher Irrthum. Französische Gedanken haben in der neuern Zeit Europa ebenso umgewälzt, als ehedem die guten deutschen Schwerter. Es gibt nur Ein entscheidendes Merkmal, das im letzten Grunde die französische und deutsche Natur, wie überhaupt romanisches und germanisches Wesen auseinanderhält. Die Intention überwiegt bei den Franzosen, die innere Kraft bei den Deutschen. Die Franzosen haben, in der Idee wie in der That, ein großartiges Wollen gezeigt; aber Vollbringen, das fehlt ihnen. Die wahre Weltanschauung, den wahren Staat, die organische Ordnung von Europa — das Alles haben sie gewollt, ohne es zu können. Die Deutschen dagegen, mit einer Kraft der Natur, wie sie außer dem römischen keinem Volk der Geschichte gegeben war, mit einem Geiste begabt, der alle heutigen Nationen überragt und nur mit den alten Hellenen wetteifert, ermangeln jenes lebhaften Stachels, jener Intention, die nach Großem begehrt, auch ohne tiefere Rechtfertigung. Deßhalb haben sie gewartet, unter Schmach und Elend, und warten noch, bis die Zeit erfüllet sein wird, da ihre Natur die innere Sättigung gefunden hat. Alsdann werden sie thun, was jene zu thun gestrebt, und die gemessene Ruhe ihres Wollens wird, wenn sie die Höhe erklommen, die Frankreich umsonst zu erklimmen versucht, Europen der Bürge der Freiheit sein. Denn das Geheimniß sowohl als die Sünde der Gewaltherrschaft liegt darin, daß Völker oder Einzelne das Maß ihrer Sendung überschreiten, daß sie zu wollen sich vermessen, was sie nicht vermögen. So hat auch in Napoleon, als dem höchsten romanischen Herrscher, die Intention das innere Maß überwogen: Diktator war er mit Recht und Fug der romanischen Staaten, und fiel, da er strebte, noch mehr zu sein. Die Deutschen dagegen sind eher geneigt, ihre Würde zu vergessen, als unbefugt sie auszudehnen. Germanisches Phlegma soll durch die Lebhaftigkeit französischen Wollens gereizt, romanische Elasticität von der deutschen Kraft daniedergehalten werden: das gibt Friede, Freiheit und Einheit dem Welttheil.
Die pyrenäische Halbinsel.
In dem Maße, als der Katholicismus in Spanien tiefer gegründet, als er durch Literatur und Philosophie weniger erschüttert, als der Thron (sein Verbündeter) unantastbarer gegründet war, in demselben Maße geschah die spanische Revolution langsamer, unregelmäßiger, mit Rückfällen abwechselnd, bis auf unsere Tage fortwühlend. Das spanische Volk war in so unerhörte Knechtschaft des Geistes und Gemüths gekettet, daß der Anstoß von außen kommen mußte. Napoleons Invasion war eine Wohlthat für dieß Land; freisinnige Institutionen, Erlösung, Civilisation konnte er sich in Wahrheit rühmen, den Spaniern zu bringen. Der erbitterte Kampf, den sie führten, ist nicht (wie der deutsche) der Sieg eines erwachenden Volkes gegen Fremdherrschaft; es waren Parteifehden, mit rasender Wuth befleckt; das Volk war von den Priestern geleitet. Mittlerweile hatten die neuen Ideen in den Gebildeten Macht gewonnen; diese Klasse, in Abwesenheit des Hofes regierend, schuf die Konstitution von 1812. Seitdem haben sich in ewigem Wechsel Liberalismus und Absolutismus verdrängt, bis der Vertrag von Bergara in der Person des Prätendenten die alte spanische Monarchie auf ewig vernichtete. Ihren Rückhalt hatte sie an den baskischen Provinzen gefunden, deren mittelalterlich freier Charakter der Centralisation widerstrebte, mit der der Liberalismus (nach französischem Vorbild) ihre Freiheiten bedrohte, und heute noch bedroht. Wie sollte ein Volk gedeihen, welches, durch Jahrhunderte geknechtet, die neuen Ideen, selbst wenn sie in seiner Mitte aufgetaucht wären, nur sehr allmählig sich aneignen konnte; wie viel mehr, wenn es zwischen englischen und französischen Einflüssen umhergeworfen, selbst sich nicht bewußt wurde! Eine Heldenkraft Einzelner zeigt sich in den Jahren 12 und 20, welche Bewunderung abdringt; selbst im Krieg der Christinos und Karlisten finden sich noch erquickliche Züge: die ganze Hohlheit und Faulheit des Liberalismus hat sich erst entfaltet, seit er gesiegt. Spanien ist wie verweset; kein Talent, kein Charakter erhebt sich, die Helden von früherhin (wie Arguelles, Calatrava) sind erbärmlich zusammengeschrumpft, die neuen sind Halbmenschen an Geist und Gemüth: der Zustand läßt sich mit den sinkenden Zeiten des Direktoriums in Frankreich vergleichen. Nun fehlt der Nation aller Ausweg, alle Macht nach außen, und doch ist’s Thatkraft allein, wobei der Spanier gedeiht. Dasselbe Volk, das in unaufhörlichen Kriegen zum Volke geworden, das kaum geworden, achthundert Jahre gegen die Araber, später auf dem Gipfel der europäischen und der Kolonialmacht, gegen die Ureinwohner Amerikas lange Zeit gekämpft hat, ist jetzt auf die Philippinen beschränkt; und da ihm jedes Feld verschlossen, so wüthet es (seiner Natur gemäß) in den eigenen Eingeweiden. Eine Mischung von Indolenz und Feuer, von Duldung und Freiheitssinn liegt in den Spaniern, welche sie der äußersten Extreme fähig macht. Ebendeßhalb ist hier, wie in Frankreich, vor der Hand nur die Eine Aufgabe gestellt: in oder außerhalb Europas, sei es in Portugal oder in Afrika, den durstigen Nationalgeist zu befriedigen, zu diesem Zweck die Seemacht herzustellen, durch eine mächtige (wenn auch scheinbar unsinnige) That die wirren Geister auf Ein Ziel zu lenken. Das Alles könnte in diesem Augenblick nur Einer; aber diesem Einen fehlt der höhere Sinn. Espartero — den meine ich — ist weder ein Cromwell noch ein Stück von Napoleon; er ist der spanische Louis Philipp, mit viel weniger Geist und Feinheit; nothwendig, wie der König der Franzosen, für die Mittelklasse, weil das marklose Geschlecht Menschen braucht, die durch allerlei Künste einen halben Zustand erhalten, so lange, bis eine höhere Macht neuen Odem den Leichnamen einhaucht. Die Geschichte der Regentschaft in Spanien wird sich, wie die des Bürgerkönigthums, einzig darum drehen, mit welchen Parteien und gegen welche der Regent sich erhält, nicht darum, wie viel oder was im Staat und für den Staat geschieht.
Spaniens trauriges Abbild ist Portugal. Als gegen das Ende der arabischen Herrschaft die christlichen Nationen der Halbinsel zu innerer Blüthe, durch die See zu äußerer Macht gelangten, war Portugals blühende Zeit; Castilianer, Arragonesen, Portugisen waren damals gleich verschieden, und sind es noch heute. Nur die tyrannische Regierung der Philippe und die Erinnerung der einstigen Größe hat die Portugisen entfremdet. Es ist aber kein Heil in der Trennung; nur dazu war sie geeignet, englische Habsucht zu stillen, Portugal zur Kolonie herabzuwürdigen, dadurch zwei Tendenzen in die Halbinsel einzuführen, deren Zwist die innere Zerrüttung schürt. Portugal glaubte groß zu werden, indem es vom Ganzen sich schied, und an Fremdes sich stützte. Wir haben Aehnliches in Deutschland gesehen. Die Zukunft verlangt organisches Leben; dieselbe Zeit, in der die Halbinsel aus der wüsten Vergangenheit erstehen wird, muß Portugal und Spanien einigen; so nämlich, wie auch Spanien nur geeinigt werden kann durch freie Entwicklung des Provinzialgeistes.
Die Natur hat die Romanen diesseits und die jenseits der Pyrenäen zum engsten Bündniß geschaffen. Nur so lange Habsburger in Spanien regieren, so lange von germanischen Tendenzen das romanische Land durchkreuzt wird, sehen wir sie zerrissen. Die ältern Bourbonen knüpften sie wieder; und erst die heutige Politik, weil ohne alle höhere Uebersicht, hat sie wieder zerrissen. Ohne der innern Bande oder des Kulturverhältnisses zu gedenken, so sind beide Länder durch Lage und Natur darauf hingewiesen, zu Lande und zur See zugleich ihre Macht zu entfalten. Die Geschichte hat gezeigt, daß selbst Frankreich dieser doppelten Aufgabe nur schwer genügen mag. Beide vereinigt, erfüllen sie: französische und spanische Flotten, verbündet, sind fähig, die englische Herrschaft im Mittelmeere zu durchbrechen, im Uebrigen ihr das Gleichgewicht zu halten. Frankreich, Spanien, Portugal haben Ein Interesse gegen England, Ein und dasselbe in Afrika.