Afrika, das Land der Vergangenheit, erwartet eine Zukunft. Seine Küsten, von Habesch bis Algier, von Algier bis Guinea, sind romanischer Boden; vom Süden herauf wirken germanische Kolonien. Umspannt in fortlaufender Linie, muß es endlich sein Inneres erschließen. Der alte Kampf gegen das muhamedanisch-arabische Princip hat hier sich erneuert, und wird sich, weil es tief in ganz Afrika wurzelt, noch öfter erneuern. Warum soll Aegypten, Mauretanien, Numidien nicht werden, was sie ehedem waren: Pflanzstätten europäischer Kultur? Es ist ein herrliches Werk, die verdorbenen, zerrütteten Stämme Nordafrikas zu bändigen, Keime des Lebens in das altchristliche Abyssinien, und allmählig unter die Neger zu streuen. Was noch Geist hat und Leben, das soll nicht vertilgt werden; die Wüste ist der Araber Heimath, die soll ihnen bleiben. Ich glaube indessen, daß die heutige Okkupation der Franzosen in Afrika mit der Zeit den Spaniern und Portugiesen anheimfallen wird. In Algier muß Neues gegründet und geschaffen werden; in Aegypten sind europäische Saaten schon gepflanzt. Nach Algier gehören die Eroberer von Mexiko; Aegypten ist vielleicht das einzige Land der Welt, das die Franzosen kolonisiren können. Ludwig der Heilige und Bonaparte waren am Nil. Der ägyptische Volksgeist, wenn erst der türkische Einfluß erloschen ist, bietet keinen Widerstand. Es gibt im Orient zwei große Straßen, in die sich Europa theilen muß: die romanische geht durch den arabischen, die germanische durch den persischen Meerbusen. Jene lehnt sich an Aegypten, diese an Syrien und Mesopotamien. —

Unter den Staaten, die wir bisher betrachtet, übt Frankreich die natürliche Hegemonie. Spanien kann sie nicht fordern, weder nach der gegenwärtigen Lage, noch überhaupt nach Ansprüchen der Natur. Der spanische Charakter ist männlicher als der französische und gediegener; aber der romanische Typus, reiner ausgedrückt im französischen, gibt diesem die Oberhand, während das gothische Element die Spanier zum germanischen Princip (daher habsburgische Herrschaft und englischer Einfluß) auseinander zieht. Auch größere Kolonialmacht, höherer seemännischer Geist erhebt die Spanier nicht über die Franzosen: diese sind nächst den Deutschen das europäischste Volk Europens, zu innerer Wirkung bestimmt, und deßhalb gering in überseeischen Eroberungen. Aeußere Schwäche ist hier gleich innerer Stärke.

Der Liberalismus wurzelt in Frankreich auf französisch nationalen Principien; in Spanien war er Hülfsmittel der politischen Emancipation, die Weltanschauung, die ihm zu Grunde liegt, widerspricht dem spanischen Naturell, welches religiös ist durch und durch und abhold dem modernen Verstande. Dieser Widerspruch hat in Spanien unendliche Verwirrung und Wüstheit erzeugt, aber der Volkskern, weil weniger tief berührt, ist eben dadurch gesunder geblieben, als in Frankreich. Eine Lösung der großen Probleme verlangt der spanische Geist so dringlich, so unmittelbar als der französische, nur in anderer Weise. Während der letztere einer gerechtfertigten philosophischen Weltanschauung bedarf, weil er an falscher sich verblutet, will der erstere Restauration des religiösen Lebens, um unbekümmert vom Zweifel sich in dem zu ergehen, was seine Lust ist. Das sind die zwei Wege, deren einen oder andern jede höhere Volksnatur ergreift: ein neues Princip ersehnen die Einen, doch ohne die Schrecken socialer Umkehr; die alte Religion die Andern, aber ohne den alten Absolutismus, mit politischer Freiheit. Neues zu finden, durch das Gefundene Altes zu beleben, ist die Aufgabe der europäischen Menschheit.


[Kapitel IV.]
Italien.

Zwischen Frankreich, Deutschland und der griechisch-slavischen Halbinsel gelegen, Mutter des römischen Geschlechts, gekettet an das germanische Reich als den Erben der Cäsaren, endlich durch eigenthümliche Beziehungen den Ostromanen verwandt, unterliegt Italien einem besonderen, von dem der übrigen Völker verschiedenen Gesichtspunkt. Zwar auch hier hat die Revolution und Napoleon, hat der spanische französische Liberalismus große Umwälzungen verursacht; aber der Ausgang war ein anderer: das absolute Princip und mit ihm germanischer Einfluß hat gesiegt. Nach unzähligen Kriegen ist am Ende des Kampfes die östreichische Macht zu derselben Höhe in Italien emporgestiegen, wie im Mittelalter die kaiserliche. Woher dieser unverwüstliche, in anderer Form immer wiederkehrende Zusammenhang? Woher diese Verbindung zwischen zwei so entgegengesetzt gearteten Völkern, als der deutsche und italienische es sind; eine Verbindung, die auf den ersten Blick so unorganisch, so vorübergehend erscheint? Die frühere Geschichte wenigstens, auch wenn sie tausend Jahre hindurchgeht, kann die Fortdauer des Bandes nicht rechtfertigen.

Wo aus keltischer Grundlage durch ein richtiges Verhältniß römischer und germanischer Mischung vollkommene Neugeburt entsprang, da bildete sich der Typus, den wir den romanischen nennen. In Italien war die Grundlage die römische; die Mischung theils weniger durchdringend, theils nicht allgemein. Der Charakter Italiens ist nicht der neuromanische; er ist antik-modern. Antik ist die Geschichte der italienischen Republiken, antik die italienische Kunst und Bildung, antik noch heute die Religion der Italiener, ihr sinnlicher Kultus, ihre Vielgötterei (auch die Heiligen sind Götter), ihre Anschauung. Nun, dieß Antike mußte zerstieben vor dem Hauch des germanischen Lebens, wo nicht eine moderne Weltmacht, dem neuen Kaiserthum entgegen, sich mit ihm verbrüderte. So that das Papstthum, auf dem beruht, was in Politik und Wissenschaft, Poesie und Kunst Herrliches in Italien geschah. Die Italiener, von Natur unfähig zu nationaler Einheit, erhielten sie durch den gemeinsamen Kampf, wie durch den gemeinsamen Schutz, den der Papst ihnen verlieh. Es war eine ideelle Einheit, welche die statistische ersetzte. Mit dem Papstthum fiel auch Italien; je mehr der Verstand die kirchliche und politische Bedeutung der Hierarchie untergrub, desto schneller verfielen die alten Republiken. Wie jene Opposition der beiden Weltmächte, in deren Gefolge Italien das Land der Kultur, der Ideen geworden, verschwand, da verlor sich auch der geistige Inhalt; das Volk ist unmündig und kraftlos, das Land ist ausgestorben und ohne Gegenwart.

Die Carbonari wollten neues Leben schaffen; sie wollten Italien einigen. Weil aber keine höhere Kraft vorhanden war, als die des Liberalismus, so fielen sie. Darin hatten sie Recht, daß ohne nationale und politische Einheit keine Zukunft gedenkbar ist für Italien. Nur, worin sie finden? Das Papstthum, wie die Sachen stehen, wirkt heutzutage zerstörend ein. Der Kirchenstaat, in der Mitte von Italien, an beiden Küsten hingestreckt, den Norden vom Süden trennend, lähmt alle Einigung und erstickt das Nationalgefühl, das unter kirchlichen Regierungen ohnedieß kaum aufkeimt; ja er schadet sogar der päpstlichen Macht, der er früher als Unterlage gedient. Die neue Ansicht hat in Deutschland, wie überall, die geistlichen Staaten säkularisirt; sie hat nicht gewagt, auch in Italien folgerecht zu sein. In Wahrheit aber, da in unsern Tagen die Kirche nur in ideeller Weise wirken kann, da sie, je gereinigter von irdischen Tendenzen, um so lebendiger wurde in den Gemüthern, so scheint es, als ob sie, des letzten Restes weltlicher Herrlichkeit entblößt, verklärter aus der abgestreiften Hülle hervorgehen würde. Wie dem auch sei, der Kirchenstaat muß fallen, wenn Italien irgendwie zu politischem Rang sich erheben soll. Anderseits, Italien verliert die europäische Bedeutung, die es gewissermaßen jetzt noch behauptet, wenn mit dem Kirchenstaat auch das Papstthum fällt. Wie soll der erstere brechen, das letztere stehen?