Das Schicksal des Papstthums ist an das der katholischen Kirche geknüpft. Diese kann, wie jenes, eine andere werden im Laufe der Zeit; fallen wird sie nur, wenn das Christenthum besiegt und die Kirche vom Staat verschlungen werden sollte. Es hängt aber der Ausgang des Kampfes, und damit die Gestaltung des Papstthums, von jener geistigen Entscheidung ab, die allein über Glaube und Unglaube, über Staat und Kirche zu bestimmen vermag. Woher sie kommen muß, das wissen wir.
So ist auf doppelte Weise die Zukunft von Italien in deutsche Hände gelegt. Ohne das Papstthum: weil die romanische Art der Italiener zu antik ist, um für sich allein der höchsten modernen Kraft, der germanischen zu widerstehen, um nicht materiell zu unterliegen. Mit dem Papstthum: weil die Kirche von dem höchsten Tribunal des modernen Verstandes, vom deutschen Geiste, ihr künftiges Dasein erwartet, weil die Spitze des religiösen Lebens durch alle Zeiten hindurch an die Spitze des geistigen und staatlichen unauflöslich gebunden ist.
Nächstdem, und in Hinsicht auf die unmittelbare Gegenwart, ist die politische Erziehung Italiens den Deutschen beschieden. Die äußere Verfassung, die ähnliche Zersplitterung in größere und kleinere Staaten bildet eine Verwandtschaft zwischen Deutschland und Italien, die den politischen Phasen Italiens Maß und Richtung geben wird. Kein Land in Europa zeigt eine künstliche Vielheit, welche der der deutschen und italienischen Territorien zu vergleichen wäre; auch in Spanien, trotz der losen Centralisation, sind doch die Provinzen organische Theile, jede der Ausdruck ihres besonderen Volksstammes. Es kann also nur Deutschland, bei gleich eigenthümlichen Verhältnissen, den Italienern auf dem Wege politischer Konstruktion vorangehen; in derselben Weise, wie dort die Einheit der Volksnatur zu der Trennung der Staaten sich verhalten wird, muß früher oder später auch Italien sich gestalten.
Die Franzosen und Spanier sind durch geistige Zerrüttung ermattet; die Italiener sind physisch herabgesunken und brauchen eine durchgreifende Erneuerung. Ohne Andrang nach außen und von außen kann kein Volk sich lebendig erhalten. Im Mittelalter findet man Einen nationalen Zug, der die Kräfte Italiens belebte; es ist der Zug nach der griechisch-slavischen Halbinsel, aus dem uralten Zusammenhange der ost- und weströmischen Welt entsprungen. Die neuere Zeit hat das Alles zu Grabe getragen; die Türken waren zu schwach, die Griechen zu verderbt geworden, um Italien leiblich oder geistig aus dem Schlummer zu wecken. Es ist eine der großen Aufgaben der Zukunft, beide Halbinseln in ein Verhältniß zu setzen, wodurch das eine Volk am andern, bald gebend, bald empfangend, erstarken kann. Die Einen, durch türkische und slavische Invasion, sind barbarisirt, die Andern nach langer Verfeinerung abgestorben: vermischt sie beide, so werden die letzteren an Kraft, die ersteren an Kultur gewinnen, und das um so leichter, je ähnlicher überhaupt ihre Naturen organisirt sind.
In solcher Weise wird Italien den Dank erstatten, den es seit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts den Byzantinern schuldet. Damals, als durch griechische Anregung ein neues Leben erblühte, schien der antike Geist, verjüngt in Italien, Europa beherrschen und auf den Trümmern des Mittelalters sein altes Reich erheben zu wollen. Aber es war nur Vorspiel der modernen Zeit, es war die Aussaat der Reformation; und je mächtiger seitdem der neue Geist sich Bahn gebrochen in Europa, um so schneller verwelkte die Blüthe, verweste die Kraft in Italien. Wiederum aber, wenn die Spitze erst erreicht sein wird, in der die neue Zeit sich zu fassen strebt, wird auch die Versöhnung gefunden werden der feindlichen Elemente; wie der moderne Geist am Beginn seiner Laufbahn Nahrung und Stärke gesaugt hat vom antiken, so wird er, am Ziel derselben, durch seine Kraft den antiken verjüngen, und Italien wird glücklicher sein.
In allen Verhältnissen, in jeder Gestaltung ist uns jenes Eine begegnet, das wir bei Betrachtung der deutschen Geschichte als ihr höchstes Ziel erkannt haben. Hinter den Alpen wird die Sonne hervorgehen, in deren wunderbarem Lichte das Chaos der romanischen Erde sich erhellen soll. Auch sonst in Europa werden wir ihre Strahlen fassen; im Westen war es nur geistige Hülfe, nur die Kunde eines neuen Evangeliums, was die Völker ersehnen; wir betreten jetzt den Osten und es wird klar werden, wie diese Länder eines unmittelbaren, materiellen Eingreifens bedürfen von germanischer Hand. Ueberall andere Spuren, und von andern Strahlen beleuchtet; aber nach Einem Punkte hin, und die Eine Sonne sendet sie.
[Kapitel V.]
Die Türken.
Indem wir zur zweiten Völkergruppe übergehen, bietet sich zuerst ein Volk dar, dessen fremdartige Erscheinung im europäischen Organismus erklärt sein will. Was die Araber für die Westromanen (in Spanien), was die Mongolen für die Slaven in Rußland gewesen, das waren und sind die Türken für die griechisch-slavische Halbinsel. Halb kaukasischer, halb mongolischer Art (das Land ihres Ursprungs faßt beide Raçen in sich), von arabischer Bildung erzogen, stehen die Türken zwischen Mongolen und Arabern eben so in der Mitte, wie zwischen Romanen und Slaven die griechisch-slavischen Nationen. Als künftiger Beherrscher von Asien mußte Europa am südwestlichen, südöstlichen und östlichen Ende asiatischen Einflüssen eine Zeitlang unterliegen. Die Araber in Spanien, durch die Blüthe orientalischer Kultur und Sitte, wirkten belebend auf Europa zurück; die Türken sollten durch verwildernde Barbarei in den entseelten Völkern des byzantinischen Reiches die Kraft des Widerstandes reizen. Seit dem Aufstand der Griechen ist ihre Rolle ausgespielt. Der Verfall, der sich vor unsern Augen entwickelt, bietet zweierlei Aussicht.