Gelingt die Reform, wie sie Mahmud gewollt und seine Zöglinge noch wollen, so verlieren sich die Osmanen unter der Ueberzahl der von nun an gleichberechtigten Rajahs; ja es unterliegt das muhamedanische Princip, obgleich ihm Viele der Unterjochten zugehören, der höheren Lebenskraft des christlichen, wie es im kräftigsten Theile der Rajahs hervortritt. Denn ehe überhaupt an wahrhaftige Reform zu denken ist, muß die alttürkische, orthodoxe Partei beseitigt werden; nach ihrem Untergange, wo sollte die Kraft vorhanden sein, dem europäisch-christlichen Andrang zu widerstehen? Gewiß nicht in der aufgeklärteren, modernisirten Klasse der Nation. Man sieht, die beliebte Theorie der Integrität und Regeneration des türkischen Reiches beruht auf einer künstlichen Täuschung. Wollte man gläubig genug sein, zu hoffen, daß die Reform von einem langen Frieden begünstigt, daß nicht im nächsten europäischen Kriege das ganze morsche Gebäude verschüttet wird, was wäre das Ende der Reform? Ein anderes Geschlecht, andere Sitten, ein anderer Staat würde auf den Trümmern erwachsen sein; dem Untergange der Türkei wäre wie durch ein Wunder nur allein das alte Haus Osmans entronnen. — Die Geschichte aber zeigt und die menschliche Natur bestätigt es, daß niemals ein barbarisches Volk freiwillig den Vorurtheilen der Denkart oder den Vorrechten der Raçe zu entsagen vermag, worauf seine Herrschaft, sein Dasein, sein Ruhm sich gegründet hat. Wohl können einzelne Erleuchtete, wie Mahmud und Reschid, die angebornen Fesseln sprengen; ein Volk, das sich selbst verläugnen sollte, ist ein Unding.
Also wird, unter den vereinigten Angriffen der eigenen Unterthanen und der Mächte Europas, der Erbfeind der Christenheit erliegen. Aber die Zeiten sind vorbei, da man im Gefühl des Greuels und in der Hitze des Glaubens muhamedanische Völker mit Feuer und Schwert verfolgte. Seit die Mauren aus Granada verjagt worden, ist Europa menschlicher geworden. Die Türken, wenn nicht vielleicht die Gunst des Schicksals eine neue Heimath für sie öffnet, werden bleiben. Ihre Altersschwäche und der gebeugte Stolz werden die Vermischung erleichtern. Trotz aller Barbarei sind sie von edler Anlage, insonderheit mit Eigenschaften des Charakters begabt, woran die verdorbene Natur der andern Nationen sich erbauen kann.
Alles, was hier gesagt ist, gilt nur der Einen Hälfte des türkischen Reiches, den Ländern von der Donau bis zum Taurus. Dieß ist der kaukasische Theil; der andere, den ich den vorwiegend semitischen nennen möchte, ist in Wahrheit schon losgerissen. Mehmed Ali, indem er Aegypten, Syrien beherrschte, Mesopotamien und Arabien zu beherrschen strebte, folgte demselben Instinkt, der frühere Eroberer geleitet hatte. Er ist der Vorläufer einer europäischen Herrschaft; der Sieg, den die Türken mit östreichischer und englischer Hülfe erfochten haben, war nöthig, um den Europäern auf schickliche Weise den Weg zu bahnen. Palästina, als das heilige Land, als die Stätte, die der europäischen Christenheit gehört, wird von den Germanen (ihren ersten Vertretern) okkupirt werden; nächst ihm, zum Schutze der christlichen Völkerschaften, der übrige Theil von Syrien; endlich, weil Euphrat und Tigris die ostindische Straße bilden, das alte Mesopotamien. Das Uebrige fällt den Romanen anheim; Arabien allein hat eine Zukunft. Der Norden des türkischen Reiches ist auf immer vom Süden getrennt; Syrien auf der einen, die unbesieglichen Kurden auf der andern Seite versperren den Weg. Die Völker selbst, in Syrien und Kurdistan, emancipiren sich vom türkischen Joch; es ist Alles bereit: mehr Verstand, mehr Schwung in der schwankenden Politik der Mächte, und die Revolution des Orients ist vollendet. Schon kann ein kühnes Auge die Zeit ersehen, wo, inmitten der asiatischen Küste, germanische, vielleicht deutsche Hoheit, Palästina beherrscht[15].
Die Stärke des heutigen europäischen Gemeinwesens leuchtet daraus vor Allem hervor, daß die fremdartigste Natur wider Willen und Neigung zur Assimilation getrieben wird, daß sie sich eben dadurch mit eigner Hand vernichten muß. Das ist das Tragische in der qualvollen Agonie des türkischen Staats. Da heißt Mitleid ein baldiges Ende wünschen. Wenn nun der letzte heterogene Bestandtheil aus dem europäischen Organismus ausgeschieden sein wird, dann erst hat Europa sein Wachsthum erreicht; der Körper ist vollendet nach allen Theilen, die Glieder gänzlich ausgeprägt, das Ganze gesund und voll. Bald muß auch die innere Seele zu der Harmonie gelangen, die dem Leibe geworden. Wir sahen mehr als einmal und sehen es hier wieder, wie jugendlich das scheinbar so gealterte Geschlecht ist, das Europa bewohnt. Seine Entwicklung mißt sich nach andern Abschnitten, als die griechische oder römische; und heftige Kämpfe, tiefe Leiden geben ihm den Anstrich des Alters, wie er in den durchfurchten Zügen eines Jünglings liegt, der viel gelebt und viel gerungen hat. Jetzt erst kommt die Manneszeit; der Mann aber will sich vollenden im Bewußtsein und in der That. Das verkündigt laut und immer lauter der sinkende Halbmond.
[Kapitel VI.]
Ostromanien.
In den Zeiten der Völkerwanderung war das römische Weltreich in zwei Theile gespalten, in den westlichen und östlichen; eine organische Trennung, weil die zwei Grundcharaktere des Alterthums, der römische und der griechische, sich darin ausprägten. Die Barbaren, welche die Vorsehung zum Umsturze der alten Welt berief, waren in zwei Raçen geschieden: die germanische und slavische. Durch Natur und Lage wurden die Germanen gegen das westliche, die Slaven gegen das östliche Kaiserthum getrieben. Die Vermischung der Eroberer mit den Unterjochten erzeugte dort die westromanische, hier die ostromanische Völkergruppe. In diesem Sinne belegt die Ueberschrift alle Länder von der Moldau bis Morea mit dem gemeinsamen Namen „Ostromanien“.
Diese Nationen sind es, denen die Erbschaft des türkischen Reiches, von der Donau bis zum Taurus, bestimmt ist. Von all den Mächten, die mit eifersüchtiger Angst das osmanische Siechthum pflegen, um später der Früchte froh zu werden, wird keine, oder nur auf kurze Zeit, ihr Gelüste befriedigen. Alle Combination zerstiebt, wo die Natur ihre Rechte fordert; wo sie, wie hier, nach langem Druck sich fühlt, muß auch der Ehrgeiz ihr in die Hand arbeiten.
Die Ostromanen stehen in Wachsthum und Vollendung hinter den Westromanen so weit zurück, als die Slaven überhaupt hinter den Germanen. Dazu die Schwäche des byzantinischen Reiches, dem jene Kraft der Erziehung fehlte, die das weströmische noch am Rande des Todes bethätigte; nach diesem Jahrhunderte des türkischen Drucks: und man begreift, warum hier Alles erst in der Entstehung begriffen, warum die Gränzlinie der einzelnen Nationen kaum noch zu ziehen ist, wie eine vierte Gruppe Europas erst jetzt sich zu bilden beginnt.