Dennoch ist, wie mir scheint, jene sonst überall sichtbare Dreiheit der Stämme auch hier schon erkennbar. Gemäß den drei Bestandtheilen der Mischung, tritt das slavische Element in den Serben, das römische in den Wallachen, das griechische in den Neugriechen hervor. Den Ersteren wird Bosnien (nebst einem Theile Albaniens), den Zweiten Bulgarien, den Dritten Macedonien und Rumelien zufallen. Sie alle haben bereits eine Art von Selbstständigkeit. Den Neugriechen, als den Urhebern der Emancipation, besonders aber als einem seefahrenden Volke, ist die erste Rolle beschieden. Griechenland, das junge Königreich, wenn es erst zu wahrer politischer Einheit gebracht ist, hat alle Mittel in Händen, um eine große Macht zu werden in kurzer Zeit. Sein Handel, seine Stellung im Mittelmeer, seine günstige Lage mitten im Schauplatz der orientalischen Fragen können es dazu erheben. Es gibt nur Eine Vorbedingung, ohne welche von alledem Nichts erreicht werden kann: das ist der Umsturz des türkischen Reiches. Eine halbbarbarische, an Ungebundenheit gewöhnte, durch Druck verwilderte Nation, wie die neugriechische, kann geeinigt werden nur durch eine gemeinsame Unternehmung, die dem Nationalgeist entspricht. Ein Zug wider den Islam, nach Macedonien oder Rumelien, wäre für die Neugriechen, was den alten der trojanische Krieg war. Die weitere Zukunft muß die jonischen Inseln, die des ägäischen Meeres, muß Kandia, Cypern und Rhodus den Griechen geben; denn ein Griechenland ohne Griechen ist kein Griechenland. Dann erst, wenn die zerstreuten Brüder vereinigt sind, wird von Europa aus eine Wanderung ergehen über den Hellespont und über’s ägäische Meer, wie vor alten Zeiten: Kleinasien wird kolonisirt, bevölkert, von Griechen, von Ostromanen, von Europäern aller Art europäisirt werden. Der große Völkerstrom von Westen nach Osten, so lange gedämmt durch die türkische Invasion, wird auf’s Neue überfluthen, und muß es; denn Europa allein kann Leben schaffen, wo jetzt der Tod regiert.

Griechenland hat nur zwei Verbündete: Frankreich, im Interesse gemeinsamer Verbindung gegen die englische Herrschaft im Mittelmeer, und Deutschland an und für sich. Es ist nicht Zufall, daß das griechische Königreich von einem Baiern beherrscht, daß seine Civilisation von Baiern geleitet wird; nicht Zufall, daß Oestreichs Gränzlinie sich längs der ostromanischen Völker hinstreckt. Ich bin weit entfernt, die Wirkungen, die deutscher Einfluß in Griechenland hervorgebracht, zum Ruhme deutscher Nation zu erwähnen (das verwehrt die Lauheit der griechischen Sympathieen auch abgesehen von den Thatsachen) oder den Oestreichern einen Einfluß zuzuschreiben, den sie zur Zeit weder in Serbien, noch in der Moldau oder der Wallachei besitzen. Aber die Keime sind da, die Grundlagen gelegt, und eine deutsche Politik kann Großes daraus entwickeln.

Klar ist nämlich: die sämmtlichen Völker der griechisch-slavischen Halbinsel bedürfen, weil erst werdend und gährend, weil in der Entstehung begriffen, einer oberleitenden Erziehung. Diese zu geben, fühlt sich Rußland berufen. Dasselbe slavische Blut, dieselbe griechische Religion, das sind die Bande, womit es den größten Theil der Ostromanen an sich zu ketten hofft. Die Anziehung ist tief genug; und im gegenwärtigen Augenblick herrscht Rußland wahrhaftig in der Moldau und Wallachei, es leitet Serbien, bestimmt theilweise Griechenland und umgarnt die Reste der Türkei. Doch, wie blendend auch diese Erfolge seien, es liegt Etwas in dem Wesen der südlichen Slaven, das die Hoffnung der nördlichen zu nichte macht.

Die ostromanischen Nationen müssen, vermöge des angeborenen Dranges ihrer Natur, zu den slavischen in dasselbe Verhältniß treten, das zwischen Germanen und Westromanen herrscht. Wir sehen durch alle Geschichte hindurch die beiden letzteren voll Eifersucht, voll Wetteifers, in beständigem Gegensatz jedwedes seine Eigenthümlichkeit zu wahren, wenn gleich die Anziehung, die zwischen beiden waltet, einen unterbrochenen geistigen Austausch hervorbringt. Ebenso werden die Ostromanen, wiewohl im innigsten Verkehr mit den Slaven, doch diesen gegenüber ihren besondern Charakter auf’s Schärfste entwickeln. Der Instinkt der Selbsterhaltung, bisher gegen die Türken, als die herrschende Raçe, gerichtet, wird nach ihrem Falle gegen die Nordslaven sich kehren, weil gerade sie die einzigen sind, von denen die Gefahr des Verschwimmens droht. An diesem Triebe wird der russische Fortschritt den Damm finden, den die Politik bisher vergebens gesucht hat; das Schreckbild einer russischen Herrschaft im Süden, so trügerisch in unsern Tagen, erblaßt in dem wahren Bilde, wie es in den erwachenden Griechen und Serben die Zukunft uns zeigt. Ich muß es hier den Kleingläubigen, die auf den Schein der Dinge, nicht auf den Kern sehen, wieder sagen: die urkräftig wirkende Natur wird alle Künste der Politik zu Schanden machen. Die russische Protektion, so begierig ergriffen als Schutzwehr gegen den gemeinsamen Erbfeind, sinkt in sich selbst zusammen, sobald verjüngte Völker auf den Ruinen stehen. Wenn heute Konstantinopel von den Russen erobert würde — unsere Anschauung wäre damit nicht umgestoßen. Unter den Fußtritten türkischer Barbarei ist die neue Saat erblüht; russische Waffen vermögen sie nicht zu ersticken. Wohl sind die Ostromanen slavischer Natur, und Viele von ihnen griechischer Religion; aber alle Gränzen zu überspringen, die zwischen verschiedenen Stämmen Einer Gattung Gott gezogen, alle Hügel zu ebnen, die er gesetzt hat, die ganze östliche Hälfte Europas in einen slavisch-orthodoxen Sumpf umzuwandeln, das ist ein anderes Ding, dahin reicht keine russische Kraft.

Es gibt eine andere Großmacht, welcher die vormundschaftliche Leitung gebührt, wenigstens im Norden der Halbinsel; denn Griechenland möchte sich selber leiten. Ich meine Oestreich, zunächst als Beherrscher von Ungarn, sodann als erste deutsche Macht. Ungarn, mit seinem Zubehör, enthält so viel wallachische und südlich-slavische Bestandtheile, daß eine Rückwirkung auf diese Gegenden von selbst daraus hervorfließt. Davon noch Einiges, wenn von Ungarn selbst die Rede sein wird. Was den deutschen Einfluß betrifft, das heißt inwiefern nach seinem deutschen Charakter hier Oestreich zu handeln befähigt sei, warum überhaupt auf deutsche Spuren (wie oben in Bezug auf Griechenland) Gewicht gelegt werde, darüber seien noch einige Worte gesagt. Sie werden bloß denen verständlich erscheinen, welche mit uns der Meinung sind, daß die Geschichte nach einer bestimmten, umfassenden Organisation Europas, und durch Europa der Erde strebt, daß alle Politik nach dem Trieb der Geschichte sich mit oder ohne Willen regelt, daß es Ideen gibt, die außerhalb der diplomatischen Berechnung liegen, ohne doch trügerische Gebilde zu sein. Und nur für Solche soll das Folgende gesprochen sein.

Ostromanien ist das Land, wodurch Europa an den Orient gränzt. Je inniger die Bande werden, die uns an das alte Asien ketten, je lebhafter die Bewegung, welche die Völker des Westens nach Osten treibt, desto allgemeiner wird die Bedeutung werden, die die Halbinsel des Hämus für ganz Europa gewinnt. Sie ist der große Sammelplatz, das ungeheure Emporium der Europäer; alle Zungen, alle Nationen werden hier sich begegnen. Was sie für Europa, das ist Anatolien für den Orient: Land des Uebergangs, in dem Vorderasiaten aller Art, Kaukasier und Semiten, Armenier und Perser, Syrer und Aegyptier, vielleicht auch Hinterasiaten zusammenströmen. Der Weltverkehr, der auf diese Weise sich bildet, vernichtet nicht die eigenthümliche Entwicklung der Ostromanen; im Gegentheil, die Griechen sind nach ihrer ganzen Anlage und durch merkantilisches Talent besonders geeignet, ihn zu vermitteln und durch ihre Hände zu leiten, ohne doch in dem Völkergewühl zu verschwimmen. Die griechisch-slavische Halbinsel, mit Einem Wort, ist die Brücke von Europa nach dem Orient, Kleinasien die Brücke vom Orient nach Europa. Man denke sich nun die europäische Republik als Königin des Erdballs (wenigstens der östlichen Halbkugel) und ihr gegenüber die beherrschten Länder, so ist offenbar: Ostromanien, mit Anatolien, bildet den Herrschersitz Europas, das große Areal, von dem aus Asien und Afrika regiert wird; Konstantinopel, die alte Weltstadt, ist die Residenz der monarchischen Gewalt, welche von Europa geübt wird. So erhellt nun weiter: dasselbige Volk, das innerhalb Europas zu organischer Oberleitung berufen ist, wenn es überhaupt ein solches gibt, muß sie auch hier, im Mittelpunkt europäischer Herrschaft, erhalten. Es gibt aber nur Eine Stelle, deren Okkupation das Alles verbürgt, weil ihr Besitz, ohne doch die Rechte der eingebornen Völker zu schmälern, die sicherste Basis für europäische Macht und Ordnung gewährt. Diese ist Byzanz, in unsern Tagen das Grab der Osmannen, einst die große Freistadt der Europäer und Sitz der germanischen Hegemonie. Von hier aus kann Asien geordnet, kann Europa im Gleichgewicht erhalten, können die griechisch-slavischen Dinge geleitet werden. Wer Konstantinopel besitzt, ist Schiedsrichter der Welt; und wiederum wehe uns, wenn eine Macht es besäße, welcher, wie der russischen, um Schiedsrichter zu sein, aller höhere Beruf mangelt! Im Alterthum, zur Zeit des römischen Reiches, waren Rom und Byzanz die Pole des Erdkreises. Das wird sich im wunderbaren Kreislauf der Geschichte erneuern; Byzanz als der staatlich europäischen, Rom als der kirchlich europäischen Gesellschaft höchster Typus. Im Hintergrund aber, wie es einst beide mit dem Tode bedroht, wird bestimmend für beide Deutschland stehn.

Von Allem, was die neue Zeit anstrebt, hat das Mittelalter große und wunderbare Ahnungen aufgestellt. In seiner blühendsten Epoche, als Innocenz III. regierte, wurde in Byzanz das lateinische Kaiserthum errichtet. Aber wie die Kreuzzüge überhaupt, so scheiterte auch diese Intention an der haltlosen Willkühr, womit die Kreuzfahrer, gesondert vom übrigen Europa, ihre Bahn verfolgten, an dem unersetzlichen Mangel eines tieferen Zusammenhangs mit dem heimathlichen Organismus, mit dem deutsch-römischen Kaiserthum, das ihn überwachte und auch nach außen überwachen sollte. Unser Jahrhundert vollende, was das Mittelalter gewollt. Nur ein organisirtes, einiges, geschlossenes Europa kann die Aufgabe erfüllen, die Gott ihm zugewiesen hat: die erstorbenen Völker in Asien und Afrika zu beleben, die heranwachsenden in Ostromanien zu erziehen.


[Kapitel VII.]
Die slavischen Völker. Ungarn.