Wir haben bisher die gemischten Bevölkerungen Europas durchwandert, wir sahen in Westromanien erschöpfte, in Ostromanien kaum geborene Nationen, jene nach geistiger, diese nach materieller Kraft und Stütze verlangend. Jetzt sind wir unter den Urstämmen des östlichen Europas, und finden eine wundersame Mischung von Jugend und Alter, von Leben und Tod, von Uebermacht und Ohnmacht, von Civilisation und Barbarei; dazu ein Verhältniß zum germanischen Stamm, welches die seltsamsten Kontraste von Abhängigkeit und Freiheit, von Anschmiegung und Opposition, von Verschwimmen und Usurpation zeigt.

Die Slaven bilden, wie wir im ersten Kapitel gesehen, das ostasiatische Princip innerhalb Europas. Als die Germanen in der Völkerwanderung über den Westen und Süden sich ergossen, rückten sie vom Osten her in Deutschland nach. Die neue Ordnung der Dinge, wie sie im karolingischen und im deutschen Reich sich entwickelte, eröffnete sonach einen Kampf des germanisch-europäischen gegen das slavisch-asiatische Princip, der das ganze Mittelalter hindurch gewährt hat, und in mittelbarer Weise noch in unsern Tagen geführt wird. Die östreichische Macht ist aus dem Sturze Ottokars von Böhmen, die preußische aus der Unterjochung der Slaven in Brandenburg und in Preußen hervorgegangen. Die Polen und Ungarn sind von Deutschland aus christianisirt worden, sie haben von daher zum Theil ihre Einrichtungen und Gesetze erhalten; es war eine Zeit, da sie deutsche Reichsoberhoheit anerkannten. Schweden haben über Finnland, Esthland und Liefland geherrscht; endlich seit Peter war es deutsche und romanische Kultur, waren es deutsche Regenten, die den russischen Staat emporbildeten. Alle Slaven sind durch Westeuropäer, und vorwiegend durch deutsche erzogen worden. Europa würde nicht Europa sein, wäre dieses nicht geschehen. Fragt man aber, warum die Wenden, die Obotriten, die Czechen, warum Schlesien, Pommern, Preußen, Kurland, Liefland und Esthland germanisirt worden, warum dagegen Polen, Ungarn und Rußland, die beiden ersten besonders trotz häufiger Gefahren, dem germanischen Andrange zu widerstehen vermochten, so gibt es keine Antwort als die eine, daß nach unumstößlichen innern Gesetzen eben nur in jene drei Völker der nationale Urtrieb gelegt worden, daß nur sie bestimmt sind, den östlichen Typus in seiner Selbstständigkeit zu bewahren. Dieselbigen Gesetze sind es, nach welchem Italien, trotz aller Usurpation der Deutschen, trotz aller noch dauernden Abhängigkeit romanisch geblieben ist und bleiben wird, nach welchen das burgundische Reich, so lange beherrscht von den deutschen Kaisern, an Frankreich zurückfallen mußte. Vielleicht darf man annehmen, daß in der Urzeit germanischer und slavischer Geschichte die Gränzlinie beider Stämme ohngefähr dieselbige gewesen, wie die heutige durch tausendjährigen Kampf errungene; und es erschiene dann der blutige Krieg der germanischen Welt gegen die slavische nur als Wiedernahme des alten, in der Völkerwanderung eingebüßten Landes. Wie dem auch sei, die Geschichte hat im Verlauf von Jahrhunderten entschieden: sie selbst berechtigt uns, die Länder, die sie germanisirt hat, als Glieder des germanischen Organismus in Anspruch zu nehmen. Und so thöricht es wäre, Ungarn oder Polen für Deutschland vindiciren oder alle französischen Provinzen wieder erobern zu wollen, die einst zum deutschen Reiche gehört haben: so naturgemäß und nothwendig ist es andrerseits, Schlesien und Pommern, Böhmen und Mähren, Preußen und die Ostseeprovinzen als deutsche Länder zu betrachten, die beiden letzteren aber für die Zukunft dem Bunde zu vindiciren, dem sie noch nicht eingefügt sind. Es ist damit nicht gesagt, daß die Eigenthümlichkeit, die jenen Völkern zum Theil noch inwohnt, die den Böhmen z. B. als Czechen immer bleiben wird, vernichtet, oder daß slavische Sprache, wo sie noch ist, und die Reste des slavischen Typus verfolgt werden sollen. Man mag unterscheiden zwischen deutschen und slavisch-deutschen Stämmen (gibt es doch auch romanisch-deutsche im südlichen Tyrol und jenseit des Rheins): nur vom slavischen Organismus sind sie getrennt und von dem allein ist hier die Rede.

Es war natürlich, daß der übergreifende Andrang des germanischen Princips eine Gegenwirkung hervorrief, welche ihrerseits wiederum die Gränzen übersprang. Der Stoß erzeugte den Gegenstoß. Indem Ungarn dem östreichischen Staaten-Conglomerate einverleibt, indem Polen von Oestreich und Preußen umschlossen wurde, mußte Rußland, nachdem es durch Peter europäisirt worden war, als der reinste Träger des slavischen Typus, von selbst jene Richtung erhalten, welche man heutzutage die panslavische nennt; es wurde der Retter des slavischen Princips, so freilich wie Rußland rettet, d. i. auf mongolische Weise. Diese Reaktion, nothwendig wie so viele Uebel, womit die Vorsehung anderen Uebeln steuert, aber seit lange schon ohne Schranken und Gesetz, unnatürlich und ungeheuer, wird von Vielen für den wahrhaftigen und bleibenden Zustand der Dinge gehalten. Es gibt Leute, die an eine zukünftige Einheit des Slaventhums vom Eismeer bis zum jonischen Meer, an eine Verschmelzung aller slavischen Nationen unter russischem Scepter glauben. Ihnen liegt Zukunft und Rettung Europas in den jugendlichen, frischen, noch durch kein Uebermaß der Kultur verdorbenen Massen des russischen Reiches. Ihnen scheint es, als müsse der Geist der Geschichte, müde im germanisch-romanischen Europa zu weilen, sich auf die slavischen Völker herabsenken, als müsse, nach dem natürlichen Lauf der Dinge, der slavische Stamm den Germanen und Romanen im Südwesten, den Türken im Südosten dasselbige werden, was einst die Macedonier den dorischen und jonischen Griechen auf der einen, dem persischen Reich auf der andern Seite geworden sind. Andere, die noch Verstand genug haben, um zu sehen, daß Jahrhunderte hingehen müssen, ehe die Slaven auf gleicher Entwicklungsstufe mit dem westlichen Europa stehen, daß, wenn dieses auch geschehen sein wird, ihre Natur niemals mit der unsrigen sich ernsthaft messen kann, fürchten dennoch die Uebermacht der Barbarei, ihre einheitliche und ungestörte Kraft gegenüber den zerrissenen Tendenzen des Westens, und den absoluten Willen, welcher als Ausdruck einer ganzen Völkerfamilie sich unwiderstehlich gegen die einzelnen Nationen heranwälzen werde.

Es ist wahr: wo immer die Gränzen, die die Natur zwischen den Stämmen gezogen hat, verwischt sind, wo irgend eine der Völkerfamilien Europas, sei es auch die schwächste, die slavische, als solche geschlossen den übrigen entgegentritt, da ist Gefahr vorhanden, wirkliche, drohende Gefahr. Aber glücklicher Weise liegt in dem Organismus der slavischen Völker ein inneres Gegengift. Die Macht, welche sich vermessen wollte in Wahrheit eine slavische zu sein schlechtweg, d. h. eine panslavische, müßte ein Element gefunden haben, welches, erhaben über den Stammesunterschied, die Stämme von selbst aufheben, in welchem als im Familiengeist die Nationalgeister freiwillig zusammenfließen würden. Dieses Element ist nicht im russischen Reiche. Rußland ist panslavisch nur sofern es russisch ist, sofern der russische Charakter den slavischen zur Zeit am kräftigsten ausdrückt. Daher kann Polen wohl unterjocht, niemals vernichtet werden; der polnische Geist widerstrebt dem russischen, weil dieser ihm nur als solcher, nicht unter dem höhern Gesichtspunkte des slavischen, von Anfang erscheinen konnte. Und selbst wenn es gefunden wäre, jenes Element: — immer noch würde Ungarn in seiner Eigenthümlichkeit entgegenstehn.

Ungarn, mit Slavonien und Kroatien, im weitern Sinne mit Siebenbürgen, bildet, wie schon im Eingange bemerkt, ein besonderes Glied in der slavischen Reihe. Es ist das Mittelland zwischen slavischen, germanischen, und ostromanischen Völkern. Demgemäß zählt man 4 Millionen Slaven (die überwiegende Zahl), ½ Mill. Deutsche, 1 Mill. Wlachen, und, als den Kern der Bevölkerung, der Ungarn seinen Charakter verleiht, 3 ½ Mill. Magyaren. Die Magyaren haben im Laufe von Jahrhunderten über die slavischen Einwohner nicht vermocht, was andern Eroberern in Jahrzehnten gelang: die sonst so schmiegsame slavische Raçe hat ihnen widerstanden. Ihre Bestimmung ist nicht, die Andern zu magyarisiren, einen Urstamm aufzupflanzen in Europa; sie sollen verwachsen mit den andern, aus allen vereinigt soll eine besondere Gattung der östlichen Gruppe entstehen.

Das ist noch nicht geschehen. Ungarn ist in diesem Stücke noch so jung, wie die ostromanischen Völker, erst im Werden begriffen; noch gibt es kein ungarisches Volk. Ja, gerade in unsern Tagen drängt sich der Zwiespalt von Magyaren- und Slaventhum heftiger als jemals hervor. Dieser Zwiespalt ist es, der den Einfluß der Deutschen in Ungarn, ohne Usurpation und Gewalt, von selbst begründet. Er gibt den Deutschen die natürliche Rolle der Vermittlung. Wie Italien unter den westromanischen, so ist Ungarn unter den slavischen Völkern durch seine Besonderheit an Deutschland gebunden. Die Magyaren bedürfen, um das slavische Element zu beherrschen, die Slaven um dem magyarischen zu widerstehen, der deutschen Hülfe. Beide in Einklang zu setzen, ein einiges Volk zu schaffen, ist die Aufgabe der deutschen Politik.

Die Vorsehung also, nicht der Zufall hat es gewollt, daß ein deutsches Haus zugleich den ungarschen Thron überkommen hat. Auch in staatlicher Hinsicht erscheint naturgemäß, fast nothwendig die deutsche Einwirkung. Die ungarische Konstitution, die ungarischen Gesetze sind ein rohes mittelalterliches Gebäude; aber die Freiheit hängt daran, und jede Veränderung ist unwillkommen, weil sie die Herrschaft der Großen und das bestehende Verhältniß der Raçen erschüttert. Eine fremde, unparteiische Hand ist nöthig, um den Fortschritt zu leiten, um die untern Klassen zur Emancipation und den Bürgerstand zu germanischer Geltung zu erheben. Und in der That sieht man mit eigenem Gefühl, wie die östreichische Regierung nicht selten als Verfechterin des Fortschritts den mittelalterlichen Ansprüchen entgegentritt.

Weiter aber, auch die ungarische Politik (als solche, nicht als Bestandtheil der östreichischen betrachtet) ist mit der deutschen nach allen Seiten verwebt. So lang die türkische Macht Europa bedrohte, waren Deutsche und Ungarn gegen sie verbündet. Jetzt nachdem sie gefallen, haben beide dasselbige Interesse nach Ostromanien hin. Wenn Ungarn sich selbst versteht, so muß es, wie einst in der Epoche Ludwigs des Großen, auf die südslavischen Länder, auf die Moldau, die Wallachei und Serbien einzuwirken trachten. Seine Lage gebietet ihm, die Emancipation dieser Völker zu fördern, sie sich zu verpflichten, sie dem russischen Arme zu entziehen. Das will auch Deutschland; und nur der innigste Zusammenhang mit Deutschland kann dieser Bewegung nach Süden europäischen Gehalt geben.

Nicht anders ist es mit Polen. Da der slavische Theil von Ungarn, bei wachsender Opposition beider Elemente, von Rußland leicht angezogen werden kann, da die Magyaren nichts sehnlicher wünschen müssen, als ein kräftiges Gegengewicht, so lag die Erhaltung von Polen und liegt jetzt seine Herstellung im tiefsten Wunsche der Magyaren. Die natürliche Sympathie, die alten historischen Bande machen sie mehr oder weniger der ganzen Nation wünschenswerth. Ungarns Politik in Beziehung auf die slavischen Völker kann ja überhaupt keine andere sein, als die Aufrechthaltung des natürlichen Organismus, d. h. die schärfste Opposition gegen Rußland als denjenigen Staat, der durch Ausbreitung einer einzigen, der russischen Tendenz den Organismus zerstört, der in Polen seine Zwecke erreicht hat, der auch Ungarn bedroht. Das Alles verlangt auch, wo nicht die östreichische und preußische, doch die deutsche Politik. Die Sympathie der Deutschen war, als Polen fiel, so lebhaft als die ungarische; ihr Interesse gegen Rußland ist noch bedeutender.

Ungarn ist der natürliche Bundesgenosse von Deutschland. Beide sind durch Oestreich verknüpft; und sie würden es selbst dann bleiben (so sehr liegt’s in der Natur der Völker), wenn Ungarn von einheimischen Regenten beherrscht würde.