[Kapitel VIII.]
Polen. Rußland.
Noch existirt die Akte des Wiener Kongresses; noch gibt es ein Königreich Polen. Man hat nicht gewagt, den letzten Schein zu zerstören, und die Einverleibung auszusprechen. Wir, die wir nicht auf das Aeußere der Dinge, sondern auf die innere Wahrheit schauen, glauben auch jetzt noch an ein Dasein von Polen, und reden darnach. Nach wie vor, unzerstörbar so lang die russische besteht, und gleichberechtigt mit ihr, lebt die polnische Raçe. Von ihrer Zukunft ist hier die Rede.
Polens Schicksal kann den Deutschen zeigen, worin ihre Kraft liegt. Die polnische Republik ist denselben Uebeln unterlegen, welche die deutsche untergruben. Ein wählbares Oberhaupt ohne Macht und Kraft, durch steigende Kapitulationen beschränkt, eine Aristokratie voll unbändigen Uebermuths, unaufhörliche Zwietracht, endlose religiöse Parteiungen, überwiegende Einflüsse des Auslandes, Zerstücklung durch mächtige Nachbarn — das Alles und noch mehr hatten Deutschland und Polen gemein. Es fehlte, um den Untergang ihres Reiches zu überleben, den Polen nur das Eine: der deutsche Bürger- und Bauernstand. Denn während in Deutschland der kleinste Reichsfürst einen Staat beherrschte mit vollkommner Lebenskraft und mit ausgebildeten Gliedern, waren Leibeigene ohne menschliche Geltung das Besitzthum der polnischen Großen. Leibeigenschaft ist allüberall das Zeichen slavischer Völker (vor kurzem sahen wir sie noch in Meklenburg). Die polnischen Edelleute und Freien, mit allem Gefühl für Ehre und Ruhm des Vaterlandes, mit aller Aufopferung, fanden nicht jene breite Unterlage der Volkskraft, um in Zeiten der Noth darauf zu fußen; sie waren zu verwöhnt oder zu klein, um sie auf ihre Kosten zu schaffen. Kosciusko und die letzte Revolution konnten nicht in Jahren ändern, was Jahrhunderte bestanden hatte.
So viel zeigen die blutigen Befreiungsversuche der Polen: ihre Kraft ist unzerstörlich, der nationale Trieb ist unversiegbar, ja nach langem Druck haben sie sich beide Male größer, gereinigter von den Schlacken der slavischen Barbarei wiedererhoben. Verbannung, Verpflanzung, Konfiskation, Hinrichtungen, Verfolgung der polnischen Sprache, Russificiren und Konvertiren — alle die Mittel, die Rußland mit eherner Konsequenz gebraucht hat und noch braucht, sind unfähig, die Nationalität, dieß wunderbare Ding, zu zerstören. Es bleibt ein inneres, unantastbares Element. Aber freilich, noch einmal die Hülle zu durchsprengen und siegreich ins Leben zu treten, das ist dem Kern des Volkes versagt, wo nicht von außen Hülfe kommt.
Woher soll sie kommen als von Deutschland? Vielleicht kann man sagen: als Opfer seiner germanischen Erziehung (seiner aristokratischen Organisation) ist Polen gefallen. Laßt uns das gefallene aufrichten, und zu neuem Leben erziehen.
Wir Deutsche haben Polen getheilt, Einiges an uns gerissen, das Andere den Armen des Drängers überliefert. Laßt uns die Schuld versöhnen, wie sie einzig gesühnt werden kann. Dieselben Hände, die Polen zerstört, sollen es wieder aufbauen.
So viel sagt uns das Gefühl des Rechts, die Theilnahme für ein unterdrücktes Volk und das Bewußtsein unsrer deutschen Natur, die am Aufbauen ihre Lust hat und mit Scham sich erinnert, einmal zerstört zu haben. Die Politik sagt noch mehr. Polen vernichten, heißt die Grundlagen vernichten, auf denen die Ordnung Europas beruht. Kein Volk in Europa hat für Erhaltung dieser Grundlagen tieferes und wesentlicheres Interesse als das deutsche Volk; denn es bildet den Mittelpunkt des großen Gebäudes. Kein Volk empfindet so schmerzhaft jede Verrückung, jede Erschütterung der organischen Verhältnisse als das deutsche. Deßhalb nennt man uns das konservative Volk, und unsere Mächte die stabilen Mächte — und in diesem Sinne sind wir’s von ganzer Seele. Wie ein Fluch lastet die Theilung von Polen noch heute auf Oestreich und Preußen. Sie hat Rußlands Kräfte verdoppelt, ohne die unsrigen zu stärken; indem wir den Schwachen opferten, beugten wir uns unter das Joch des Starken. Die eroberten Provinzen hängen als schweres Gewicht an den Fersen der deutschen Mächte, die geschehene That hat sie unwiderstehlich in Eine Bahn mit Rußland getrieben — eine Bahn, worin sie ihm doch nur zu folgen vermögen, ohne es zu erreichen oder zu überholen. Zwei mächtige Vormauern sind Polen und Ungarn zwischen Rußland und Deutschland gelagert. Wir haben die letztere zu wenig benutzt, die erstere mit eignen Händen umgerissen. Die Wunden, die Deutschland sich selbst durch den Fall von Polen geschlagen, wollen geheilt sein. Sie werden es, wie das Elend der Polen selbst, nur durch Restauration. Von Deutschland erwartet Polen seine Zukunft.
Die Polen haben Ursache, an ihrem Vaterland zu verzweifeln, wenn sie den Schein der Dinge betrachten. Frankreich hat zweimal, unter Napoleon und unter Louis Philipp, die polnische Sache verrathen; England ist fern, nur von der See her wirksam, egoistisch berechnend; und die deutschen Großmächte, wie sollten sie einer Politik entsagen, die sie seit einem Jahrhundert verfolgt? Aber die Zeit wird kommen, schon bricht sie sich Bahn, wo Oestreich und Preußen einem höheren Zuge folgen, als dem engen, der sie bisher geleitet, wo sie, deutsche Mächte ganz und gar, in deutschem Geiste handeln. Die Zeit wird kommen, wo sie einsehn, daß tiefer als das absolutistische Interesse in ihrem eignen Blute ein anderes wurzelt — das nationale, allumfassende; daß über konservativen und liberalen, absoluten und revolutionären Tendenzen hinaus die deutsche Tendenz liegt — die Tendenz der Gerechtigkeit, der Ordnung und der Wahrheit, jener innern Wahrheit, ohne welche alle Konstruktionen der Politik nur ein Gemächte sind von Staub und Thon, auf Sand gebaut, zum Sturze bestimmt und im Sturze den Erbauer selbst in seine Trümmer begrabend. —