Man wird einwenden, daß die Herstellung Polens den Verlust von Posen und Gallizien bedingt[16]; daß, einem moralischen Bedürfniß zu genügen, kein Staat jemals sich selbst geopfert habe. Es ist wahr, im Angesicht der neuen Geschichte einen so unerhörten Edelmuth zu erwarten, wäre mehr als thöricht. Aber ich spreche nur von einer Politik, die zwei lästige Provinzen einem Nachbar opfern würde, der, wiedererstanden, als Bundesgenosse die deutschen Staaten in ihren Grundfesten kräftigen würde. Es ist von einer Abtretung die Rede, welche dergestalt entschädigt werden kann, daß jedes Opfer, auch das kleinste, verschwindet. In den Ostseeprovinzen liegt Posens Ersatz. Preußen hat den Beruf, diese noch immer deutschen Länder der russischen Herrschaft zu entziehn, sie dem Vaterlande wiederzugeben. Oestreich behält die Buckowina, dringt am Pruth vor, nimmt Bessarabien, besetzt die Donaumündungen und umschlingt die griechisch-slavische Halbinsel. Diese der russischen Hegemonie zu entwinden, ihre Oberleitung zu übernehmen, ist die höchste Aufgabe der östreichischen Politik in unserer Zeit.
Die Polen verhalten sich innerhalb ihres Stammes zu den Russen, wie die Skandinavier zu den Deutschen, oder die Spanier zu den Franzosen. Daher die lebhafteste Rückwirkung zwischen beiden Nationen. Der tiefe Widerstand, der im letzten Kern der slavischen Natur, so bildsam sie sonst ist, gegen den geistigen Andrang des germanischen Princips liegt, ein Widerstand, der immer noch beharrlich im russischen Volksgeiste wurzelt, kann durch Polen allein gebrochen werden. Polen ist durch große Ereignisse, durch mannigfache deutsche Einwirkung, durchs Unglück großgezogen worden, ohne doch den slavischen Charakter irgend verloren zu haben. Von Polen aus kann wahrhafte, die Massen durchdringende slavische Kultur sich nach Rußland ergießen; slavischer Geist erstarkt schneller an slavischem, als am fremden: nur so mag Europa bis in den fernsten Osten europäisirt werden. Polen sei frei — und auch Rußland wird freier werden.
Soll ich noch des letzten Ueberrestes polnischer Freiheit, der Republik Krakau gedenken? Man staunt über die Dinge, die von dorther berichtet werden; es scheint, als habe man der alten Stadt ihre Freiheit gelassen, um sich an der Erniedrigung zu weiden oder um in kleinerem Bilde den Todeskampf von Polen beständig vor Augen zu sehen. Man freut sich der Rolle, die zwei deutsche Mächte als Protektoren spielen und bewundert ihre Hingebung. —
Ich komme zu Rußland.
Wir sahen in Ungarn und Polen zwei Binnenländer, mit geringen Ausgängen zur See, ohne maritime Anlagen, das eine durch Natur und für immer, das andere durch Geschick und theilweise (wie Italien und Spanien unter den Westromanen) an deutschen Einfluß gebunden. Jetzt ist von einem ausgebreiteten Staate, reich begabt mit kontinentalen und maritimen Elementen, von einem Volke, das in erster Linie, wie Deutschland den germanischen, Frankreich den romanischen, so den slavischen Charakter ausdrückt — es ist von einer Großmacht die Rede. In der Erstlingschaft des slavischen Typus liegt Rußlands kolossale Größe, liegt seine entsetzliche Schwäche. Rußland ist die wundersamste Erscheinung der neuen Geschichte: der modernste Staat Europas und doch der niedrigste unter allen. Versuchen wir, ihn auf das natürliche Maß zurückzuführen, seine Stellung organisch zu bestimmen.
Das Weitumfassende, wie Johannes Müller sagt, war von Anfang an der Charakter des russischen Reiches. Wie schon in uralter Zeit Nowgorod und Kiew, im Nord und Süd, die Wiegen russischer Geschichte gewesen, so erstreckt sich auch heute noch Rußlands natürliche Gränze von der Ostsee zum schwarzen Meere. Aber wie die Natur durch weise Fügung im Norden durch den Sund, im Süden durch den Bosporus die Meere verengt hat, so sind aller slavischen Macht die Gränzen der Ausbreitung schon ursprünglich vorgesteckt, und jeder Uebergriff ins germanisch-romanische Völkertreiben kann nur in unorganischen Entwicklungen seinen Grund finden.
Erstaunlich ist die russische Geschichte durch den plötzlichen Aufschwung, den Iwan zuerst, dann Peter der Große ihrem Volke gegeben. Der Thron der Ruriks, von Normannen aufgerichtet, hatte die Germanisirung von Europa vollendet, hatte vom äußersten Südwest bis zum höchsten Nordost dieselbe Saat in alle Länder gepflanzt: Rußland konnte sich gleichartig mit dem übrigen Europa entwickeln. Da kam der mongolische Einfall, zerstörend und unterbrechend. Ohne ihn mußte Rußland, wo nicht in den lateinisch-kirchlichen Kreis, doch in die europäische Gesammtbildung gezogen werden. In Ungarn und Polen gestaltete das Mittelalter sein eigenthümlich Leben: in Rußland wurde es übersprungen. Iwan konnte wenig mehr, als aus der tiefsten Barbarei sein Volk erretten; auf ihn folgte Nacht. Endlich wurde Peter gesandt. Er trieb mit eisernem Willen Rußland in das modern-europäische Wesen hinein: sein Land zur Großmacht zu erheben, war er, wie später Friedrich, berufen; aber während dieser auf tiefe innere Grundlagen baute, eignete Peter die neuesten Resultate des europäischen Verstandes einer Nation ohne Bildung und Geschichte an. In demselben Lande, wo der große Czaar die Thronfolge nicht nach dem Erbrecht, sondern nach der geistigen Befähigung ordnete, wo er die Kirche aufs unmittelbarste dem Staat unterwarf (zwei modern-philosophische Neuerungen), besitzt noch heutzutage der Kaiser 21 Millionen Leibeigene. Dieß schreiende Mißverhältniß zwischen den Maximen der Regierung und dem inneren Kern des Volkes, zwischen Haupt und Gliedern ist es, was nach allen Seiten hin den russischen Staat charakterisirt.
Es ist genug, den hier in Kürze bezeichneten Entwicklungsgang der russischen Geschichte sich scharf vors Auge zu führen, um zu sehen: daß Rußland, wenn es sich selbst wahrhaftig und innerlich bilden will, wieder zurückgehen muß auf die früheren Zeiten, und von neuem beginnen, daß die Scheingröße der Wahrheit weichen, daß das heutige Rußland in Trümmer stürzen muß, damit aus dem Staub sich ein neues erhebe[17].
Es ist nicht nur Widerwille gegen die Despotie, Haß gegen absolutes Regiment, was uns die Weissagung des Unterganges entlockt. Die Despotie war nothwendig in Rußland; sie am leichtesten, wenn sie im Sinne des Volks und für das Volk handelte, konnte Rußland erziehen. Statt dessen hat sie in ihrem Sinne, zu ihrem Besten mit den Massen gewirthschaftet. Religion, Industrie, Bildung, alle Kulturanstalten sind ihr nur die Hebel der Macht. Sie hat Rußland aus sich herausgetrieben, hat es umgemodelt von außen, hat geerndtet, wo sie säen sollte: und darum trifft sie der Fluch. Rußland muß in sich zurückgehen, um von unten herauf im Kerne des Volks eine Entwicklung zu beginnen, die es langsam aber sicher der europäischen Kulturstufe zuführen kann.