Wie nun die russische Macht, trotz aller innern Schwäche, so groß geworden ist in Europa? Man denke sich eine Regierung mit allen Hülfsmitteln der Gewalt, mit allen Waffen des Geistes, die dem übrigen Europa zu Gebot stehn, und ihr gegenüber zahllose Tausende, so gefügig dem Willen des Herrschers, so bildsam für alle und jede Werke, so formbar wie Thon in des Töpfers Hand — und das Geheimniß ist gefunden. Militärstaaten sind es ja, die die neuere Zeit in der östlichen Hälfte Europas aufgerichtet hat, und Rußland ist der größte unter ihnen.

Und jene Masse, bei all ihrem Geschick, hat keinen Funken selbsteignen Strebens; während andere Militärmonarchien, mit oder ohne Willen, dem Zuge folgen, der von den Völkern ausgeht, während sie von der Freiheit bewegt werden, wonach in tausend Arten die Menschheit ringt, steht die russische Nation in fremdartiger Barbarei der Bewegung verschlossen. Es gibt aber nur Eine Macht, welche die noch knechtischen Gemüther erheben kann, die Macht der Kirche, wenn sie, erhaben über weltlicher Gewalt und unantastbar, Könige und Bettler vor Einen Richterstuhl stellt. So hat in Wahrheit die katholische Kirche die Völker des Abendlandes in der Freiheit erhalten: die Kirche war Palladium gegen rohe Gewalt, weltliche Hoheit diente, wie die niedrigste Armuth, nur Einem überirdischen Willen. Davon ist Nichts im griechischen Christenthum; die Kirche ist das blinde Werkzeug des Herrschers, der Kaiser der Gott der Erde, und so vermag weder Geist noch Gemüth aus der Nacht der doppelten Sklaverei zu erstehen. Dazu die knechtische Natur der Slaven, der tiefe Aberglaube, worin die griechische Religion, durch keine Reinigung verjüngt, sich selbst überlassen, versunken ist, ihm gegenüber die hohle französische Aufklärung der höheren Stände — welch eine Nation, ohne Einheit, Leben und Inhalt! Welchem Zuge soll nun die russische Regierung folgen? Vom Volke wird ihr keiner mitgetheilt, als der Zug der Barbarei, der bewußtlose Trieb der Gewalt, derselbige, der Hunnen, Mongolen und andere gestachelt hat, auszugehen, Reiche zu stürzen und aufzurichten nach Willkühr. Dieser Trieb ist es ja, der ihrer Natur nach die russische Regierung beseelen muß: weil in der Knechtschaft das Geheimniß der Macht ruht, weil die Theilnahme an höherer Entwicklung versagt ist, was Anders bleibt ihr, selbst bei edlerem Willen, übrig, als nach gesteigertem Wachsthum in Europa und Asien fort und fort und zügellos zu streben? Unbedingte Machterweiterung, das ist das Princip der russischen Politik; hiefür wirkt sie mit eherner Ausdauer, mit einer Kunst und Energie, worin ihr keine Regierung Europas gleichkommt. Moralische oder geistige Rücksichten können sie nicht binden: darin, daß sie kein Mittel zu scheuen, vor keiner Unthat zu zittern hat, darin ruht ihre Stärke[18]. Nicht nur sich gleichermaßen auszubreiten, auch nur ihre Ausbreitung zu hindern, sind andere Mächte zu schwach.

Fraget nicht, wer die Theilung von Polen verschuldet hat. Sie mag in Josephs oder in Friedrichs, in Kaunitzs oder in Heinrichs Kopf entsprungen sein — Rußland hat sie verschuldet. Die Gewißheit, daß Rußland früher oder später leichten Sinnes das ganze Polen zerstören werde, diese Gewißheit hat Polen getheilt.

Das Princip der Gewalt, unerträglich auch dann, wenn ein großes, mannhaftes Volk, wie das römische, es handhabt, ist fluchwürdig im neuern Europa, welches in allen Stücken nach Begründung und Organismus strebt, in dem jede Macht gehalten ist, sich selbst zu erkennen, und die Gränzen, die ihr Gott gesetzt hat.

So will es die Nemesis der Geschichte. Vor tausend Jahren begann in fanatischem Bekehrungseifer die Unterwerfung der slavischen Völker; Jahrhunderte durch war der Nordosten Deutschlands von slavischem Blute voll. Dieses Blut hat um Rache geschrieen: und jetzt gehen zwei deutsche Mächte, die eine mit, die andere wider Willen, an russischer Hand; Deutschland empfindet russische Einflüsse, und kindische Gemüther ängsten sich unter der Furcht vor dem russischen Joch. Wahr ist es: die größte Macht der Erde hat Rußland in Händen: über Deutschland, Skandinavien, die Türkei, Persien und Ostasien erstreckt sich lastend sein Arm; England allein mag ihn dämmen. Wir fürchten sie nicht, diese Herrschaft. Wenn Deutschland sich selbst versteht, hat es keine Macht der Welt zu fürchten: Ein Jahr, vom Geiste der wahren deutschen Politik beseelt, Ein Jahr, mit verändertem System der deutschen Mächte, würde hinreichen, Rußland auf immer zu demüthigen. Das weiß Rußland, und strebt einen geistigen Weg sich zu bahnen in Deutschland, den es im Herzen des Volks nun und nimmermehr finden wird.

Ich wende mich jetzt zur Zukunft, um in ihrem Bilde Rußland zu schauen. Polen ist die westliche, Preußen (durch die Ostseeprovinzen) die nordwestliche, Oestreich (durch Ungarn, Moldau u. s. f.) die südwestliche, der Kaukasus (durch die Tscherkessen) die südöstliche Vormauer gegen Rußland[19]. All diese Gränzen hat Rußland übersprungen, oder ist im Begriff, sie zu überspringen. Maß und Ziel wird ihm unser Jahrhundert setzen.

Von Polen ist gesprochen worden. Ein europäischer Krieg vermag vielleicht allein, auch ohne Mitwirkung deutscher Mächte, Polen zu befreien. Wir wollen die letztere hoffen; aber, wie ihm auch sei, Polen ist ein nagender Wurm in den russischen Eingeweiden, und wenn die Gefahr über Rußland kommt, wenn der Staat erkrankt, so wird die Schlange, die es zertreten zu haben meint, es in die Ferse stechen.

Der Heerd der russischen Politik, der Sitz der Kultur, wodurch sie groß geworden, Rußlands Kopf sind die Ostseeprovinzen. Von hieraus zirkulirt das geistige Lebensblut durch die Adern des weiten Reiches; es ist das Band, wodurch Rußland an Deutschland gebunden wird, der Leiter, der die Deutschen überhaupt zur russischen Regierung bringt. Die Münnichs, die Ostermanns, die Nesselrode sind Deutsche; wir selbst haben, seit dem großen Peter, Rußland großgezogen; zu eignem Unheil haben wir gezeigt, was deutscher Geist mit roher Masse auszurichten vermag. Nehmt die Ostseeprovinzen weg, und ihr zwingt Rußland, der fremden Hülfe zu entbehren, mit eignem Gehirne zu arbeiten, in sich selbst zurückzugehen, ihr zwingt es, den Volksgeist gründlicher zu wecken, eine neue segensreichere Bahn zu beginnen. Esthland, Liefland und Kurland sind in Kultur, Sitte und Sprache nach dem Theile der Bevölkerung, der dem Lande den Charakter gibt, unbestreitbar deutsch; ihre Vereinigung mit Rußland ist Unnatur; nur im deutschen Bündniß finden sie Bestand. Deutschland gebührt es, die verlornen Brüder wieder an sich zu ziehn, und Rußland selbst erleichtert das Werk. Lange geschont in ihren Privilegien und im Genuß einer eigenthümlichen Freiheit, fangen diese Provinzen an, allmälig dem Andrang der russificirenden Tendenz zu unterliegen. Sie sind verloren für Rußland, je mehr sie, dadurch gestachelt, sich in die Arme des Mutterlandes zurücksehnen, das sie verschmähten, so lange sie sich so frei, als es in Preußen z. B. nur immer sein konnte, und durch überwiegende Bildung so wichtig und vorragend im russischen Reiche spürten. Wir haben oben bereits erwähnt, wie Preußen, dessen östliche Provinzen durch Natur und Geschichte den russischen so verwandt sind, berufen sei, sie dem deutschen Einfluß zurückzuführen. Es gibt Dinge, die nur aus langer Gewohnheit unglaublich erscheinen, obgleich sie an sich nicht nur glaublich, sondern nothwendig sind. Dahin gehört, daß Preußen seine Politik gegen Rußland im angegebnen Sinn verändere. Zeit und Noth werden Preußen belehren.

Auch davon war oben die Rede, wie leicht es Oestreich vermöchte, die Donau bis zu ihren Mündungen zu beherrschen und die Halbinsel des Hämus zu umgarnen; wie im ungarschen Volksgeist das Bestreben liege, an die Stelle des russischen Einflusses in Ostromanien den eignen zu setzen. Das Meiste ist hier schon gegeben; nur zu sehen, thut Noth, und darnach mit Entschlossenheit zu handeln.

Noch sind die Tscherkessen aus jahrelangen Kämpfen um Freiheit und Vaterland unbesiegt hervorgegangen. Wir widmen den tapfern Stämmen des Kaukasus eine lebhaftere Theilnahme als den arabischen in Algier, und das mit Recht, theils weil dem nomadischen Araber auch nach der Eroberung des Landes immer noch eine Heimat bleibt, theils weil wir mit Vergnügen in dem Charakter, der Verfassung und der Art der Tscherkessen die kräftige Natur unserer Vorältern, freilich in asiatischer Weise, wiederfinden und die Vorsehung bewundern, die in dem Gränzgebirge zwischen Asien und Europa den reinen kaukasischen Urstamm so unversehrt erhalten hat. Es ist zu hoffen, daß die Tscherkessen ausdauern, bis sich den Engländern Gelegenheit bietet, von Südasien aus den Widerstand zu unterstützen und Rußlands Fortschritte zu vereiteln. Ohne den Kaukasus ist für Rußland keine bleibende Stätte in Persien; was jenseits liegt, das ist, wie der indogermanische Orient überhaupt, der germanischen, nicht der slavischen Einwirkung beschieden.