Also auf die Schranken seines natürlichen Daseins zurückgeführt, wie ausgebreitet, welche Großmacht bleibt immer noch Rußland! Die weiten Länder Ostasiens sind ihm zugewiesen: auf Turan, auf die ungeheure mongolische Hochebene soll es wirken. Ein edler Beruf ist es, hunderte von wilden Stämmen zu zähmen, Nomaden an den Ackerbau zu fesseln, christliche Gesittung allmälig (durch verwandte Horden) unter Mongolen und Tataren zu bringen, die bis auf diesen Tag, unberührt von dem Alles umfassenden Arm Europas, die östliche Welt von der westlichen scheiden. Ungemeines hat Rußland hierin schon gethan; von der Krimm bis in den lappischen Norden, von da bis Kamtschatka, wie viele wilde Völker wohnen gehorsam unter seinem Scepter! Diese Tendenz scheint es auch zu sein, die im Geiste des russischen Volkes selbst liegt: ein flüchtiger Abenteurer hat dem Czaar Iwan halb Sibirien erobert.

Jene innere Durchbildung, welche allein Leben statt der Scheinbildung verleihen kann, vermag dem slavischten der Völker nur wieder ein slavisches zu geben. Ein wiedergebornes Polen, ich wiederhole es, stark und frei, ohne Leibeigene, würde auf dem Wege der friedlichen Berührung Rußland verändern, würde es mit der Zeit vielleicht in die lateinisch-kirchliche Gemeinschaft herüberziehen.

Die griechische Kirche, worauf jetzt der russische Staat beruht, hat keine Zukunft vor sich. Was ihr eigenthümlich ist, sind nicht die wenig verschiedenen Dogmen, sondern der völlige Stillstand, in den sie seit Jahrhunderten versunken und der sie, für das Volk wenigstens, in abergläubischen Heiligen- und Götzendienst herabdrückt. Das Christenthum wurde von Byzanz aus den Russen gebracht. Damals und im ganzen Mittelalter gab es zwei Sphären der Kultur, und demgemäß zwei Gestalten des Christenthums: die occidentalische und orientalische. Jetzt gibt es nur Eine Sphäre mehr: die christlich-europäische; ihr gegenüber die arabisch-muhamedanische und indisch-bramanische. Das orientalisch- und russisch-griechische Christenthum, noch immer lebendig im Orient durch die türkische Invasion, in Rußland durch eingewurzelte Tradition, verliert seine letzte Bedeutung, so wie Europa den Orient überschwemmt und den russischen Slavismus durchbrochen haben wird. Nur der Geist kann dem Geist widerstehen; was vermag das längst erstorbene griechische Princip gegen katholisch-protestantisches Leben? Die Einheit der griechischen und lateinischen Kirche, so oft vergebens angestrebt, ist kein leerer Traum. Aber freilich, im Abendlande selbst muß, ehe sie gedeihen kann, der tiefe kirchliche Zwist eine Lösung gefunden haben. Der Westen, der den Osten besiegen soll, muß einigen Geistes sein. — So führt die Betrachtung russischer Zukunft uns in den Mittelpunkt germanischen Lebens zurück, und auf jene Eine Hoffnung, in der überall das Völkerwohl beschlossen liegt.

Deutschland vor Allen (um das Gesagte in wenige Worte zu fassen) ist berufen, Rußlands falsche Gegenwart zu bekämpfen, seine wahre Zukunft herauszuführen.


[Kapitel IX.]
Die germanischen Völker. Skandinavien.

Ich betrete jetzt den germanischen Boden, und kann mich kürzer fassen. Alle Beziehungen sind hier einfacher; wir sind wie im Heimatlande.

Unberechenbar ist der Abstand, der die ausgewirkte Freiheit der Stände im germanischen Norden von der slavischen Leibeigenschaft trennt. Nirgend in Europa gilt der Bauer mehr als in Schweden und Norwegen; die alte Freiheit der Gaue hat sich in den skandinavischen Gehöften erhalten. In den slavischen Ländern hat, wie wir sahen, die allen gemeinsame, auf Sklaverei gegründete Magnatenherrschaft dreifach verschiedenen Ausgang genommen: in Rußland ist das Czaarthum zur Despotie herangewachsen, in Ungarn hat sich ein aristokratisch-konstitutionelles Gleichgewicht gebildet, Polen ist das Opfer republikanischer Ungebundenheit geworden. Ein ähnlicher Verlauf zeigt sich, bei ganz andern Grundbedingungen, in den germanischen Ländern. In Deutschland hat (nur nach der germanischen Mannigfaltigkeit in oligarchischer Weise) das monarchische, in England das aristokratische, in Skandinavien das demokratische Princip vorwiegende Geltung[20]. Die ersten beiden gleichen sich in dem Unorganischen ihres Daseins; England und Ungarn erfreuen sich konstitutioneller Befriedigung; Polen und Skandinavien erwarten eine Zukunft.