Diese liegt für das Land, wovon wir sprechen, in einer neuen kalmarischen Union, zu welcher Norwegens frühere Vereinigung mit Dänemark, seine jetzige mit Schweden den Uebergang bildet. Schweden und Norwegen sind zu schwach, zu spärlich bevölkert, um eine wirkliche Macht zu bilden; Dänemark isolirt, verliert sich in Europa. Alle drei in enger Föderation, unter schwedischer Hegemonie, können zu Land und zur See die Bedeutung erhalten, die ihnen geziemt: europäische Bedeutung.

Dazu mitzuwirken, gebietet natürliche Freundschaft so sehr als eignes Interesse dem deutschen Volk. England zur See, Rußland zu Lande sind beständig bereit, so viel an ihnen ist, die Fortschritte Skandinaviens zu lähmen, jede höhere Blüthe zu zerdrücken. Rußlands eiserne Hand lastet schwer auf Schweden und Dänemark; dort leiht es einer wankenden, vom Volkswillen untergrabenen Aristokratie den stützenden Arm, und hemmt die Reformen; hier erträgt die russische Politik lieber die Lasten des Sundzolls, als sie die Einführung einer Konstitution gestattet, welche von der einmüthigen Stimme der Dänen begehrt wird. Glücklicher ist Norwegen in bescheidener Unabhängigkeit, mit eigner Verfassung; nicht die letztere mit ihrer demokratischen Freiheit verdient Bewunderung, sondern der Volksgeist, der sich nach wenigen Jahren in eine Charte eingelebt hat, die andere Völker verwirrt haben würde.

In Skandinavien allein ist das lutherische Bekenntniß zu bestimmter kirchlicher Gestaltung und zu ausschließlicher Herrschaft gediehen. Diese Intoleranz, obgleich sie einerseits lange Zeit hindurch ein einheitlich-religiöses Bewußtsein im Volke erhielt, hat doch andererseits die lebendige innere Theilnahme an der geistigen Kultur Europas auf ähnliche Art geschwächt, wie in Spanien und Portugal, ohne dabei verhindern zu können, daß die französische Aufklärung, besonders in Schweden, die höheren und mittleren Stände, theilweise auch das Volk ergriffen hat. In den Debatten des schwedischen Reichstages erkennt man oft genug das französische Gepräge. In dieser, wie in der obigen Beziehung soll die deutsche Bildung das natürliche und nothwendige Gegengewicht halten.

Man darf glauben, daß der russische Druck in Schweden wenigstens eine Sehnsucht nach der Verbrüderung erweckt hat, welche einst, um der theuersten Güter willen, Skandinavier und Deutsche verband. Jene Völker sind unsre Brüder, Eines Stammes mit uns, sprechen fast dieselbe Sprache; gibt es irgend Bündnisse, welche die Natur selbst an die Hand gibt, so ist es ein deutsch-skandinavisches. Deutscher Einfluß ist der Tod des russischen, er sichert vor englischem Neid; er bringt Kraft, Selbstständigkeit und Stärke der äußern, Gehalt und Richtung der innern Politik zurück. Mehr zu sagen, ist überflüssig, wo Gefühl und gesunde Vernunft deutlicher sprechen, als es mit Worten geschehen mag.


[Kapitel X.]
England.

Durch insularische Lage, durch Geschichte, Bevölkerung und Sprache, nimmt Großbritannien im germanischen Organismus eine gesonderte Stellung ein. Germanisch von Natur und Charakter, spricht es doch die romanische Sprache, und hegt immer noch in Wales und in Irland die celtischen Elemente; obschon zweiten Ranges unter den Völkern seines Stammes, ist es doch die erste Seemacht der Welt, frei und unabhängig durchaus, für sich und in sich gegründet. England bildet das Mittelglied germanischen und romanischen Lebens; vermittelnd, indem sie gibt nach beiden Seiten und von beiden empfängt, ist seine Literatur; vermittelnd seine politische Entwicklung, weil sie mit der germanischen Freiheit moderne Bestandtheile, und mit der Föderation die Centralisation verbindet; ein Mittelding ist selbst die bischöfliche Kirche zwischen katholischem und protestantischem Kirchenthum. Geistig und leiblich, in jeder Beziehung, ist England geborene Großmacht.

Jenes gesunde Gleichgewicht des monarchischen, aristokratischen und demokratischen Princips, wonach andere germanische Völker in so wechselnden Schwingungen hinstreben, worauf das seit Montesquieu so bewunderte richtige Verhältniß zwischen der ausübenden, richterlichen und gesetzgebenden Gewalt beruht, hat die englische Verfassung auf ihre Weise gefunden. Ihr ist es gelungen, ohne Umwälzung den schwierigen Uebergang von der ständischen Gerechtsame zur repräsentativen Volksvertretung zu finden. Während andere Oligarchieen Europas längst verknöchert und dem Tode verfallen sind, erhält sich ewig jung, weil fort und fort ergänzt aus dem Kerne des Volkes, und doch ewig dieselbe, als unerschütterter Mittelpunkt des Gemeinwesens, die englische Grund- und Erbaristokratie. Ihr gegenüber steht immer anregend und treibend, die Aristokratie des Geistes, wie sie, zahlreicher als in irgend einem Lande Europas im Unterhause hervortritt. Die Macht des Staates ist, wie sie sein soll: kräftig genug, um durchzugreifen, duldet sie doch, ohne wie anderwärts alles Leben zu verschlingen, eine Menge von Autonomieen in gesetzlichen Kreisen. Nirgend ist man vor militärischer Regierung, nirgend vor bureaukratischer Willkühr gesicherter als in England. Die öffentliche Freiheit ist so unantastbar als sie immer sein kann, die persönliche findet kaum ihres gleichen. Die Duldung, welche früher den verschiedenen Religionsparteien vergönnt war, fängt an zur Berechtigung zu werden; und doch besteht festgegründet und in altem Einfluß die Staatskirche. Bei einer im Ganzen freien Weltansicht bewahrt das englische Volk jene religiöse Pietät, worauf die Lebenskraft und der Stolz von Altengland beruht. Endlich, wenn heute, was Gott verhüten wolle, der Dämon der Revolution aus der schlummernden Tiefe, worin er verschlossen liegt, zum zweiten Mal entfesselt, sich über Europa ergießen, wenn die Throne des Kontinents wie Spreu im Sturme zerstieben würden: — der englische könnte ruhig die Geister beschwören; er, wenn denn alle fallen sollten, würde der letzte fallen; denn er ist auf Freiheit gegründet[21].

Alles das wird mit Recht an England bewundert; und in der That, seit der römischen Republik kennt die Geschichte keinen Staat, in dem die innere Entwicklung so ebenmäßig und glücklich, und so gleichen Schrittes mit der äußern Macht sich gestaltet hätte. Vergebens aber würde man die englische Freiheit anderwärts nachzuahmen versuchen. Aus einer gesunden Mischung der ursprünglichen, der römischen, der sächsischen, der normannischen Bevölkerung, aus dem eigenthümlichen Charakter der Nation, aus dem republikanischen Sinn, der sich in allen Handelsvölkern entwickelt, aus der isolirten Lage, aus hundert begünstigenden Umständen ist sie hervorgegangen: lauter Dinge, die sich so wie hier nirgend wiederholen. Ebendeßhalb, weil die englische Freiheit nicht auf Principien oder bewußten Wahrheiten beruht, bleibt die englische Humanität auf die Heimat beschränkt. Der Engländer ist auswärts engherzig, rücksichtslos und, wie alle Kaufleute, auf den Vortheil bedacht; so ist auch die englische Politik egoistisch durch und durch: außerhalb England gilt ihr jede Verfassung, ja die Tyrannei gleich, wo sie nur ihrem Zwecke dient; selbst philanthropische Maßregeln, wie die Abschaffung der Sklaverei werden nur dann durchgesetzt, wenn das Staatsinteresse gewinnt[22]. Dem Engländer ist die Freiheit ein Eigenthum, das ihm gerade gehört; von dem Trieb der Franzosen, Alles in ihrem individuellen Lichte zu sehn, ist er so weit entfernt, als von der unbezwinglichen Neigung der Deutschen, sich in geistige Gemeinschaft mit andern Nationen zu setzen: er nimmt die Ausländer, wie er sie findet, und benutzt ihre Schwächen für seinen Zweck.