Ich hebe dieß hervor aus zweierlei Gründen. Erstlich, weil es wichtig und nöthig ist einzusehn, daß das englische Gemeinwesen eine besondere, lokale Erscheinung bildet, ein Ding für sich, welches auf andere Zustände niemals angewandt werden kann; daß wir Deutsche durch Uebertragung englischer Staatsformen (soweit sie nicht im germanischen Wesen überhaupt liegen) so wenig selig werden können, als uns französische gefrommt haben. Sodann, weil Manche der Meinung sind, England habe den Beruf, die socialen Probleme zu lösen, worum die europäische Geschichte sich bewegt, und so Europa zum Frieden und zur Vollendung zu führen. Es ist dieß ein Irrthum, der durch den vermittelnden Charakter erzeugt wird, den England als romanisch-germanisches Land bekleidet. Allerdings vermittelt England, und zwar in so hohem Grade, daß ein scharfes Auge aus seinen Zügen sich in ahnender Uebersetzung das Bild herausstellen mag, welches einst die wahre europäische Vermittlung bieten soll; aber immer nur in seiner, in ausschließlicher Weise. Die englische Staatskirche ist in der That ein Mittelding zwischen katholischen und protestantischen Elementen: aber wie thöricht würde es sein, in ihr die Versöhnung der Konfessionen erblicken, durch einen Aufbau von ihrer Art den Frieden stiften zu wollen. Eine Ausgleichung zwischen dem alten Feudalismus und dem modernen Staat, zwischen der Erbaristokratie und dem Geistesadel ist in der That in England gewissermaßen gegeben: wer aber würde geneigt sein, sie auf dem Kontinente nachzuahmen oder nachzuschaffen? Impulse kann England geben, fördernd und beschleunigend eingreifen in die Entwicklung des Kontinents: umwandeln seine Bahn oder sie vorzeichnen kann es nicht. Das ist nur den Deutschen und Franzosen beschieden; nur der rein germanische oder der reine romanische Geist trägt jene ureigne und zwingende Kraft in sich, welche, schaffend oder zerstörend, Europa unaufhaltsam überströmt. Die englische Reformation, die englische Revolution, die englische Reform sind auf England beschränkt geblieben; und trotz all seiner Macht, bei all den unendlichen Vorzügen, besitzt England nicht entfernt jenes ideelle Gewicht, das Frankreich noch in seiner Zerrissenheit, gleichviel ob mit Recht oder Unrecht, über Europa ausübt; Deutschlands (eines wahren Deutschlands) nicht zu gedenken. England ist und bleibt eine Insel: genug, wenn es die eignen socialen Probleme lösen, die eigne Zukunft lichten kann. Wir Deutsche, wahrhaftig, sollten endlich gewitzigt sein, nach fremder Hülfe zu schauen; das Schicksal liegt in unsrer Hand; wir selbst, wir allein wollen es schaffen: alles Andere wäre für uns nur Unsegen und Thorheit.

So bewundernswürdig England erscheint, so wahr es ist, daß unter allen Staaten der Gegenwart (mit einziger Ausnahme etwa des kleinen Norwegens) auf ihm allein das Auge mit Lust verweilen, der Geist sich Trostes erholen kann: so düster blickt dennoch seine Zukunft, und so zahlreich sind die Uebel, woran es krankt. Zwar, sie sind nicht alle unheilbar. Die irische Frage läßt sich lösen, wenn die englische Engherzigkeit zu rechter Zeit verstehen wird, was noth thut. Dieß fremde Element kann England mit sich verschmelzen, wenn es durch Gerechtigkeit und Güte die Schulden der früheren Politik entsühnt, einer Politik, die an die russische Behandlung von Polen und an die barbarischen Zeiten erinnert, wo Völker auf Völker drängten und der erobernde Stamm den unterjochten auszurotten oder in Sklaverei zu knechten pflegte. Jeder Fortschritt der irischen Emancipation stärkt die englische Kraft, weil sie die heterogenen Bestandtheile verschwistert, und man kann in diesem Sinne O’Conell Englands Schutzengel nennen. Aber es gibt noch andere, mit der irischen zusammenhängende Fragen. Wie wird der Kampf, welcher jetzt eben gegen die Monopole der großen Grundeigenthümer geführt wird, sich endigen? Wie wird der Mittelklasse, wenn sie als industrielle Aristokratie der erblichen gegenüber tritt, genuggethan werden, ohne doch die Fundamente der Verfassung zu erschüttern? Denn schon nahet die Zeit, und in unsern Tagen bereitet sie sich vor, wo die Worte „Torys und Whigs“, bisher die Bezeichnung zweier Adelsparteien, ihre alte Bedeutung verlieren, wo das Whigthum die bürgerlichen, das Torythum die adeligen Forderungen bezeichnen wird. Wie lange wird die Hochkirche, mit ihren verrosteten Mißbräuchen, mit den ungeheuern Reichthümern, mit der hochmüthigen Beschränktheit dem Andrang des gesunden Verstandes widerstehen? Wo überhaupt und wann wird die demokratische Bewegung, wie sie seit den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gegen das feudale und kirchliche Mittelalter in England anstürmt, ihr Ende finden? In sich gewiß nicht, und eher nicht, als sie in Europa überhaupt zu Maß und Ziel fixirt sein wird. Und das geschieht nur durch eine ungeheure geistige Macht, durch ein neues, über den Staat und die Menschheit ergossenes Licht, worin die fordernden Klassen sich kennen, aber auch sich fassen lernen. Und dieses Licht wird vom Kontinent auftauchen.

Zu dem kommt noch, als das größeste aller Uebel, der ewige Fluch der Handelsstaaten: der Gegensatz von Luxus und Elend, von Civilisation und Erniedrigung, von Reichthum und Armuth, die tiefe Materialität, worin die auf die Spitze getriebene Industrie die Gemüther versenkt; die Gräuel der Fabriken, deren steigende Vervollkommnung den Menschen, statt ihn zu befreien, bisher noch härter geknechtet hat; und was daraus hervorgeht — die Menge der Proletarier und die Zuckungen der Ochlokratie. Diese letztere Gefahr ist es, welche der englischen Staatsschuld ihren lebensgefährlichen Charakter gibt. Eine finanzielle Umwälzung würde Millionen von Arbeitern brodlos machen, und die Grundvesten des Staates auf’s Spiel setzen. Daher bleibt der englischen Politik nichts übrig, als unaufhörlich, fort und fort den Handel, und was ihn beschützt, die Seemacht und die Okkupationen auszubreiten. Aber schon lauert das Verderben, wo die Politik eines großen Staates von den Verhältnissen statt sie zu leiten wider Willen getrieben wird, wo sie einem Zuge nachjagt, den sie zu beherrschen nimmer vermag. Denn wo ist Ziel und Ende der Ausbreitung? Wann lösen sich die Knoten, die in täglich wachsender Anzahl über alle Punkte der Erde geschürzt werden? Ein einziger starker Schlag: und die Bewegung kann wie ein Lauffeuer in alle Gängen des unermeßlichen Gebäu’s sich ergießen. Die Krise, welcher England entgegengeht, ist nicht heute, nicht morgen da, und schwerlich so lange Europa ruhig bleibt; aber wenn sie kommt, so öffnet sie einen Abgrund von Gefahren. Und wehe für England, wenn dann keine stärkeren Bundesgenossen ihm in Europa blühen als die heutigen: oder wenn der einzige wahrhaftige, den es besitzen kann, nicht zu einer andern Macht herangereift als er heute ist. Es könnte die Zeit kommen, wo diese Macht ihre rettende und helfende Hand über’s Meer hinüberböte den sinkenden Brüdern.

Ich komme zu den auswärtigen Dingen. Es liegt schon in dem oben berührten Zuge des englischen Charakters, daß die Herrschaft und der Einfluß, den England in einem großen Theile der Erde ausübt, zum Heile der Menschheit, und um gedeihlich zu wirken, bald beschränkt, bald überwacht werden muß. England hat gleich Rußland seine Gränzen überschritten. Beide haben eine ausschließliche, universelle Tendenz gemein, die sie rücksichtslos verfolgen, und welche dort auf der kontinentalen Ausdehnung und physischen Größe, hier auf dem Handel und der Seemacht beruht. Wohl erscheint die Uebermacht, wie sie Abscheu erregt, wenn sie von einer rohen, barbarischen Masse kommt, verzeihlicher, wenn sie von einem großen, freien Volke ausgeht, und ist es auch; aber die gebührende Schranke soll ihr nicht weniger gesetzt werden. Wir haben hier drei Dinge zu unterscheiden: die Kolonisation, die Herrschaft in Asien und die englische Politik in Europa.

Was die erste betrifft, so ist England berufen, die Ansiedlung der Europäer in den zwei neuen Welttheilen, Amerika (wenigstens der nördlichen Hälfte) und Neuholland zu leiten. In diesem Beruf steht ihm Deutschland zur Seite. Die germanische Raçe, hat ein Engländer gesagt, ist bestimmt, die Erde einzunehmen. Ein gleiches Talent der Kolonisation, gleicher Wanderungs- und Ausbreitungstrieb und gleiches Bedürfniß einer Ableitung ist den Deutschen und Engländern eigen. Die tiefe Stufe, worauf die Wilden von Neuholland stehen, und die geringe Anzahl, welche jetzt die Ureinwohner Amerikas theils ursprünglich, theils leider durch europäische Barbarei im Verhältniß zum Lande bilden, gibt ein natürliches Anrecht zur Okkupation. In geregelter Auswanderung und fortgesetzter Kolonisation liegt das einzige Heilmittel gegen die Ueberfülle und den Pauperismus von Europa. Es kann aber ein gesundes Geschlecht und können blühende Staaten nur dann sich entwickeln, wenn neben dem unruhigen englisch-industriellen Element, und gleichberechtigt mit ihm, das ackerbauende, stabile, deutsche sich festsetzt; wenn es als Grundlage die übrigen Bestandtheile durchdringt. Das hat gezeigt und zeigt tagtäglich die Geschichte des nordamerikanischen Freistaates, diese entsetzlichste aller Geschichten, die sich lediglich um Aktien, Banken und Papiergeld dreht und so lange drehen wird, bis die dortigen Deutschen aufhören werden, das Erbrecht ihres Stammes unter die englische Raçe zu beugen, und die daheim, ihre ausgewanderten Brüder dem Zufall und dem Betruge zu überlassen. Es versteht sich übrigens von selbst, daß alle Kolonien im Laufe der Zeit der Emancipation entgegengehn; die europäische Politik soll sie pflegen, bis sie einig, konsolidirt und mündig sind, und dann den Regungen der Freiheit weichen: eine enge Verbrüderung des Mutterlandes mit den entlassenen Kindern ist nützlicher als alle Beherrschung der herangewachsenen.

In Asien hat England die Sendung erhalten, die indo-germanischen Völker in den europäischen Kreis zu ziehen. Große Plane verbindet die Vorsehung mit der Eroberung von Indien und der Herrschaft der Europäer in Persien. Die kaukasische Völkergruppe, einst im griechisch-macedonischen, und im römischen Reiche theilweise vereinigt, dann so lange getrennt durch die Ueberfluthung des Muhamedanismus, soll sich wieder vereinigen: die bramanische Weltanschauung, so wunderbar durch ihr Alter, ihre Unverwüstlichkeit, durch die tiefen Keime der modernen Religion und Philosophie, die persische des Zendavesta, einst die Vorläuferin des Christenthums und zum Theil schon mit ihm vermählt, seit lange nur unter wenigen schlummernd — sie sollen von der europäischen Bildung berührt, so weit sie lebendig geblieben, durch sie zu neuer Ermannung getrieben, so weit sie abgestorben sind, vom Christenthume assimilirt werden. Indien muß aus der leblosen Erstarrung, Persien aus der tiefsten Zerrüttung durch europäische Bedrängniß empor gehoben werden, damit das eine zu gesunder Ruhe, das andere zu politischer Kraft wieder zurückkehren, beide aber durch ein dauerndes Verhältniß an die europäische Gemeinschaft gebunden werden mögen. Was die englischen Eroberer gewollt, war freilich nicht Ausbreitung des Christenthums, der Humanität oder der Civilisation; von geistigem Bewußtsein war nie eine Spur vorhanden: Habsucht, Geiz und die niedrigsten Leidenschaften haben das angloindische Reich errichtet, und werden vielleicht das chinesische stürzen. Die Vorsehung spielt mit den kleinlichen Trieben des Menschen, indem sie ihre großen Werke damit vollführt. Soll aber Englands Mission segensreich wirken für die Menschheit, soll sie nicht in unbefugte Tyrannei sich verkehren, wie die alten Völker und wie bisher das neuere Europa sie geübt, so muß ihm eine europäische Macht zur Seite stehen, kräftig genug, um die Politik der Gerechtigkeit und Humanität, jene Politik, die eine schönere Zukunft uns bringen soll, in und außerhalb Europas zu wehren. Die Zwecke der Vorsehung, einmal erkannt, sollen nicht entheiligt werden: sie zur Klarheit zu bringen, ihre Ausführung zu überwachen, ist die Sache der deutschen Nation. Die Besitzungen, die sich unter den Malayen ein deutscher Stamm gegründet hat, geben ihr im Süden von Indien materielle Anhaltspunkte.

Man hat kaum mehr zu zweifeln, daß der Besitz von Ostindien zur Umwälzung des chinesischen Reiches treiben wird. China ist der Ausschuß der religiösen, wissenschaftlichen und politischen Kultur von Ostasien: das Staaten-Conglomerat, welches seiner Herrschaft gehorcht, gleicht in seinen Spitzen, dem Kaiser und dem Dalai Lama, halbweg der Organisation des Mittelalters. Mit Chinas und Japans Eröffnung fällt die letzte Schranke der Menschheit hinweg; hinfort gibt es keine Klasse mehr, die sich abzuschließen vermöchte, und die Völker gehen einer allgemeinen Verbindung, die Erde der Einheit entgegen[23].

Trauriger ist der Anblick der englischen Politik in Europa. Was England immer vermag, das geschieht, um die industriellen Kräfte der kontinentalen Länder auszusaugen und an sich zu ziehen und die Völker auf den Ackerbau zu beschränken. Eine so drückende Herrschaft hat es im Mittelmeer gegründet, daß Portugal und Sicilien zu Kolonien herabgesunken sind, daß Spanien, Unteritalien und Griechenland der schwersten Anstrengungen bedürfen, um das zu werden, worauf die Natur sie selbst hingewiesen hat. Auch Frankreich hat durch eine verkehrte Politik der englischen Mittelmacht zu viel eingeräumt, um ohne riesenhafte Kämpfe sich selbst, geschweige denn die andern, von der englischen Uebermacht im Mittelmeer befreien zu können. Was aber noch mehr entrüstet, ist die herzlose Gewandtheit, womit England in den obengenannten kleineren Staaten die inneren Gebrechen benützt, die Parteikämpfe ausbeutet, jedes Uebel zu seinem Zwecke zu drehen versteht, um jeden Keim der äußern Blüthe durchs innere Gegengewicht zu zerknicken. Die Behandlung, die ein freies Volk den jonischen Inseln angedeihen läßt, erregt den bittersten Unwillen; man freut sich der Hoffnung, daß eine frühere oder spätere Zukunft die jonischen Griechen befreien wird: denn ohne die Inseln ist nie und nimmer eine griechische Macht gedenkbar. Russische und englische Politik gleichen sich nur allzusehr. Nur in Rußland ist es die Regierung allein, die ein konsequentes System der Machtentwicklung verfolgt; in England ist das ganze Volk, die Kaufleute besonders, von jenem Instinkt beseelt, und den Ministern bleibt Nichts zu thun, als die Grundlagen fortzuführen, die von ihren Landsleuten auf eigne Hand gelegt werden.

Es ist aber die Herrschaft des Mittelmeers eine Lebensfrage für West- und Ostromanen, welche über kurz oder lang geschlichtet sein will; und schon bereitet zwischen England und Frankreich der Kampf sich vor, der in erster Linie die Frage entscheidet. Frankreichs Isolirung in der orientalischen Frage war der erste Schritt: der Nationalinstinkt begriff dunkel, warum es sich handle, und das Ministerium Thiers streckte nach langer Zeit zum ersten Male, gegenüber der englischen Suprematie, mit Klarheit die französisch-romanische Tendenz hervor, obwohl sie ihm nur zur widrigen Komödie diente. — Um in Indien Herr zu sein, braucht England weder im Mittelmeer allein zu dominiren, noch Aegypten an sich zu ziehen, noch an der arabischen Küste zu herrschen; eine Linie durch Syrien, und von da den Euphrat hinab, erhält dieselbe Verbindung und ist naturgemäßer, weil sie Persien berührt. — England ist groß und mächtig genug, von der Natur mit hinreichenden Vorzügen begabt um die erste Seemacht zu bleiben, ohne die einzige sein zu wollen; um den größten Handel der Erde in der Hand zu behalten, bedarf es nicht, der Zerstörung aller andern Industrien nachzujagen.

Die Romanen mögen ihre Sache mit England verfechten; wir haben das Unsrige zu thun. Die neuste Zeit hat in Deutschland eine Opposition gegen die englischen Handelsmaximen hervorgerufen, welche zu wichtigen Dingen die Bahn brechen wird. Deutschland ist aus dem Schlafe erwacht, der Jahrhunderte durch den Holländern und Engländern so süße Früchte getragen; es erinnert sich, was es einst gewesen, was es wiederum werden kann und welch reiche Keime einer ungemeinen merkantilen und industriellen Größe in ihm schlummern. Zwar wird die Opposition so lange sich auf den Federkrieg beschränken, als noch ein deutsches Königreich sich zur englischen Handelsprovinz herabwürdigt, als nicht der Zollverein die sämmtlichen deutschen Staaten und den Vorposten von England, Holland, umfaßt, als noch keine Flotte vorhanden ist, um den Handel zu schützen und unsern Ansprüchen Gewicht zu geben. Aber die Bewegung hat begonnen, und die Agitation wird eher nicht endigen, als bis Deutschland als einige, geschlossene Handelsmacht von neuem Geiste beseelt den Engländern gegenübersteht; bis diese mit eigenen Augen sehen, daß die gutmüthigen und albernen Deutschen, deren Geschichte seit Jahrhunderten es war, von außen und innen überlistet zu werden, einem andern Volke Platz gemacht. Dann erst können wir, ebenbürtig in jeder, auch in materieller Beziehung, Offenheit und die Rücksicht, die dem deutschen Namen gebührt, von den Engländern erzwingen, dann erst kann der große germanische deutsch-englische Bund geschlossen werden.