Denn Hand in Hand, gekettet durch die natürliche Freundschaft der Stämme, verbunden durch die gegenseitige Achtung, verbrüdert für die größesten Weltinteressen, sollen England und Deutschland gehen. Ein großartiges weltgeschichtliches Verhältniß soll das ihrige werden. Ueber die Erde hin europäische Kultur und Gesittung auszubreiten, ist England, als der erste Seestaat, vor allen vom Schicksal erlesen; von innen Europa zu ordnen, die ewigen Gesetze einer organischen Politik zu handhaben, sie allenthalben in mittel- oder unmittelbarer Weise zu bewachen, ist, als erste Kontinentalmacht, Deutschland berufen. Dieses als das gesetzgebende, jenes als das ausübende Princip, stehen sie inmitten Europas; die deutsche Innerlichkeit allein vermag dem kaufmännischen Egoismus der englischen Politik zu steuern, der thatkräftige, praktische Sinn der Engländer den Idealismus der Deutschen heilsam zu beschränken, während Frankreich als ewig anregendes Element mit nie rastender Intention zwischen beide tritt.
Ich weiß wohl, man wird das Meiste von dem, was hier gesagt worden, weitaussehend, träumerisch, lächerlich finden, in einem Augenblicke, wo Deutschland auf so hundertfache Art im Handel und Industrie noch den Engländern gehorcht. Dennoch bin ich der Meinung, daß unter den Engländern selbst diejenigen, welche über Deutschlands Gegenwart und Zukunft nachgedacht, Großes und Ungemeines für möglich erachten. Es herrscht in England ein gewisser Instinkt über deutsche Dinge, wie ihn kein anderes Volk hat; die Engländer wissen, was Deutschland werden und sein könnte, sobald es sich seiner selbst in vollem Maaße bewußt würde. Was an ihnen ist, geschieht, es zu verhindern. Diese argwöhnische Politik ist einigermaßen verzeihlich; denn derselbe Instinkt sagt ihnen, an der deutschen Macht werde der englische Egoismus seinen Richter finden. —
Erquicklich in so schwerer Zeit, erhebend in der Mitte zerfallender oder unterwühlter Gemeinwesen war der Anblick der englischen Freiheit. Sie allein, durch ihr gesundes Mark, bietet die Gewähr, daß Europa trotz unsäglicher organischer Leiden noch Keime des Lebens in sich trägt und der Verjüngung. Aber wie sie den Britten allein gehört, wie weder in ihrem Ursprung noch ihrem Geiste die Kraft liegt, um die Völker zu beseelen, so zeigt sie zugleich, daß, wenn Europa sich in der That verjüngen soll, aus einem andern Stamme, aus dem größten germanischen, die neue Freiheit auftauchen muß. Diese allbeseelende, weltverjüngende Freiheit — sie wird die Frucht der Wahrheit sein.
[Kapitel XI.]
Holland, Belgien und die Schweiz.
Wenn ich drei so verschiedene Staaten zugleich in den Kreis der Betrachtung ziehe, so geschieht es, weil sie nur Einem, ihre Zukunft bestimmenden Gesichtspunkte unterliegen. Sie alle waren ehemals Glieder des deutschen Reiches.
Schweizer, Belgier, Holländer mögen ihre Nationalität beweisen, diese mag ihnen bleiben, so weit den Aberben eines großen Stammes der Name gebührt. Durch Lage, Geschichte und Natur — denn immer liegt Natur der Geschichte zu Grund — stehen sie dem deutschen Charakter ferner, als irgend eine andere deutsche Provinz. Was aber wollen sie mehr? Wo ist europäische Eigenthümlichkeit? Sollen die Füße, die Hände sich sondern, weil sie am fernsten vom Herzen liegen? Darin liegt ja gerade der wunderbare Reichthum germanischen Lebens, daß die verschiedensten Provinzialismen zu Einem Volke geeinigt sind. Wie wenig scheint der Friese mit dem Oestreicher, der Alemanne mit dem Preußen gemein zu haben; und sind nicht die Holländer den Friesen, die Schweizer den Alemannen verbrüdert? Es sind alle nur die Kinder der Einen Mutter.
Zu der Zeit, da Deutschland sich selbst abgestorben war, da es keinen Gemeingeist gab, sondern nur Provinzialgeister, deren einseitiger Trieb das Einzelne erhöhte, das Ganze untergrub: damals konnte jene Trennung sich ausbilden und Leben gewinnen; ja noch mehr, sie war nothwendig und heilsam. Aber was am dürren Holze geschah, wird nicht am frischen ergehn. Was geboren ward in der Epoche des Siechthums, verfällt von selbst dem Tode in Zeiten der Gesundheit. Deutschland hat das Verhältniß des Provinzialgeistes zum Muttergeist in seinem Bewußtsein wieder gefunden, und je schärfer das Bewußtsein in der Wirklichkeit sich ausprägen wird, desto unaufhaltsamer werden die einzelnen Glieder aufs Neue in die Gemeinschaft zurückgetrieben werden.
Wie das deutsche Reich überhaupt, so ist auch der geographische Gesammtkörper von Deutschland dem ungebundenen Triebe der Freiheit und Selbstständigkeit unterlegen. Er hat in sich selbst den Entwicklungsgang abgespiegelt, den ganz Europa seit Jahrhunderten genommen. Durch eine Reihe von unberechtigten Gestaltungen, von naturwidrigen Conglomeraten, von zusammengewürfelten Monarchien sollte Europa erzogen werden. Das Unorganische mußte zur Spitze getrieben sein, damit Europa zum klaren Bewußtsein der Nationalitäten, zur Erkenntniß des Einzelngeistes, aus denen es besteht, zum wahren Organismus durchzudringen lerne. So sollte auch Deutschland, welches im Mittelalter ohne gerechtfertigten Instinkt, in willkürlichem Drang sich rastlos auszudehnen strebte, in Trümmer zerfallen: aber nur, um herrlicher und gereinigter in Klarheit sich wieder zu fassen. Zerstückelt und zerstreut, mit abgerissenen Gliedern, voll Ueberfülle in den einzelnen Theilen, er selbst ein Leichnam, lag und liegt gewissermaßen noch der germanische Körper in Mitten Europas. Siehe, da regt sich im Innersten ein neues Leben; das Herz fängt wieder an lebendig zu schlagen, und frisches Blut ergießt sich durch die Adern. Die Circulation hat begonnen; werden die Extremitäten sich ihr entziehen können? Wollen sie kalt bleiben und todt? Denn dieß, und nichts anders, würde ihr Schicksal sein.
Holland ist längst nicht mehr was es war[24]. Die Zeit seiner Selbstständigkeit war glorreich aber kurz. Schon im zweiten Viertel des achzehnten Jahrhunderts folgte es, wie Friedrich der Große schreibt, den Engländern, wie die Schaluppe der Spur des Kriegsschiffes woran sie gebunden ist. Später kam die Einverleibung an Frankreich. Neuerdings versuchte man vergebens, es durch die Vereinigung Belgiens zur Mittelmacht zu erheben. Zwischen England und Deutschland, zwischen den ersten Seestaat Europas und die von Tag zu Tag steigende deutsche Handels- und Industriemacht gestellt, hat es keine Wahl als dem Einen oder Andern sich anzuschließen. Und auch von innen, durch den heillosen Zustand seiner Finanzen geht es einer unvermeidlichen Krisis entgegen. Kann die Wahl in Frage stehn? — Als derjenige Zweig des deutschen Stammes, der durch Natur und Lage für Seefahrt und Handel vor allen geschickt war, sollte Holland einst von Deutschland sich trennen, um unabhängig die Anlagen zu entwickeln, worauf der Reichsverband nur hemmend eingewirkt haben würde. Jetzt wiederum muß es, soll seine Seemacht, sein Handel, sein Kolonialbesitz europäische Bedeutung wiedergewinnen, in den engsten Verband mit Deutschland treten. Die holländische Marine mit einer deutschen verbunden, das heißt mit derjenigen, welche sich in einem Jahrzehent in Deutschland entwickeln ließe, würde bald, (wenn auch nicht an Zahl, doch an Bemannung und seemännischem Geist,) die erste des Kontinents sein; sie könnte in einer fernern Zeit mit der englischen wetteifern.