Seit die unnatürliche Vereinigung Belgiens mit Holland gelöst ist, erneuert sich hier in geistiger Weise der alte, seit den Tagen von Verdun zwischen Germanen und Romanen geführte Streit um Lothringen. Die Elemente friedlich zu sichten, dazu taugt die Konstituirung Belgiens als Königreich — eine provisorische Maßregel, welche aber der erste europäische Krieg vernichten wird. Belgien war nie mehr, denn eine Provinz mit eigenthümlicher Verfassung. Die Zukunft wird entweder eine Trennung der flämischen und wallonischen Bestandtheile hervorrufen, oder sie wird ganz Belgien in den alten, erst seit der Revolution zerrissenen, deutschen Verband zurückführen. Vielleicht wird das Letztere geschehen. Vielleicht wird das erstarkte Gefühl der Einigkeit und das Bewußtsein, wie leicht es den Deutschen ist, jede Eigenthümlichkeit zu schonen, wie unmöglich den Franzosen, die Trennung verhindern.[25]
In der Schweiz hat der den Germanen eigene Freiheits- und Sonderungstrieb, die Abneigung gegen die Centralisation und die ungebundene Mannigfaltigkeit des Einzellebens die höchste Spitze erreicht. Die Eidgenossenschaft, so herrlich und bewundernswerth, so lang sie um Anerkennung kämpfte und sich wachsend verstärkte, sank schneller, je mehr der Eine negative Trieb, der so verschiedene Bestandtheile vereinigt hatte, nach erlangter Selbstständigkeit sich verlor. Den äußern Gefahren des 17ten und 18ten Jahrhunderts konnte sie durch ihre kriegerische Neutralität widerstehen. Als aber mit der französichen Revolution die innern Stürme sich in Europa erhoben, war es um die Einheit geschehen. Die Mediation konnte nur vorübergehend das Frühere und das Neuere vermitteln. Die Restauration führte die alte Zeit zurück; und die Julirevolution stellte beide gegenüber. Seitdem ist die Schweiz in beständigen Zuckungen; die Mannigfaltigkeit ist zur Anarchie geworden, die Kantonalsouverainetät und die Bundesgewalt, das konservative und liberale Princip bekämpften sich ohne Unterlaß, und statt Einer Nation bietet die Schweiz das peinliche Schauspiel unzähliger Autonomien, deren kleinliches Getriebe Europa ermüdet.
Es war natürlich, daß der Principiengeist in einem so buntgestellten Lande, als die Schweiz es ist, die tiefste Zerrüttung erzeugen mußte. Der französische Liberalismus hat auch hier nur zu wühlen und zu zerstören, nicht aufzubauen vermocht. Aber das Schicksal der Schweiz würde ein leichtes gewesen sein, hätte nicht der deutsche Kern sich mit allzuvielen romanischen Bestandtheilen umgeben. Soll die Schweiz verbunden bleiben, so muß das deutsche Element, dasselbe das den Bund geschaffen hat und noch heute die überwiegende Mehrzahl bildet, die übrigen beherrschen und durchdringen.
Die Kraft, die Tendenz, die dazu vonnöthen ist, kann ihm nur von Deutschland aus geliehen werden. Wenn in Deutschland die weltbewegenden Fragen gelöst sein werden, wenn dort ein neues, schaffendes Princip sich erhoben haben wird, dann wird auch die Schweiz Ruhe, Gesundheit und Eintracht wieder finden. Die alten schweizerischen Aristokratien mußten fallen, gleich den deutschen; sie waren überreif geworden, und die französische Gleichheit war das Werkzeug, wodurch sie fielen. Die Reformation, welche von den Deutschen ausgehen soll, wird Dauerndes an ihre Stelle setzen; sie wird bauen, wo die Revolution nur zerstören konnte.
Aber nicht nur in geistiger, auch in politischer Weise wird die Schweiz an Deutschland gebunden werden. Daß eine schweizerische Nationalität, über die deutschen, französischen und italienischen Bestandtheile hinausgehend und sie alle umfassend, nicht vorhanden ist, daß bei der nächsten europäischen Krise die Schweiz sich Frankreich oder Deutschland, getheilt oder ungetheilt, in die Arme werfen muß, daß die ewige Neutralität der Eidgenossenschaft vor der Wirklichkeit zerstieben wird — das sind Dinge, die die Schweizer sich selbst gestehen müssen. Und wie die Wahl dann fallen werde, darüber kann, nach den Vorgängen eines halben Jahrhunderts, kein Zweifel sein.
Ich hoffe, daß die Gestaltung Deutschlands selbst mich von dem Vorwurfe freisprechen wird: als laufe die Zukunft, die hier den Holländern, Belgiern und Schweizern geweissagt wird, in eine Verflachung hinaus, welche über der egoistischen Ausbreitung des deutschen Elements die Besonderheit der Nationalcharaktere untergrabe. Das engste Verhältniß mit Deutschland würde in der Verfassung, der Sprache, den Sitten und der Wesenheit jener Völkerschaften nicht mehr verändern, als durch die Heilung bedingt ist, die ihre Gebrechen erfordern. Der republikanische Geist, wie er in der Schweiz, der konstitutionelle, wie er in Holland und Belgien lebt, widerspricht nicht, er fügt sich in die Mannigfaltigkeit des deutschen Lebens. Auch kann es nicht derselbe Grad von Verbindung sein, der die innersten Theile von Deutschland, und derselbe, der die ausgeprägtesten Provinzialismen umfaßt. Natur und Verhältnisse erlauben hier eine ungemein feine, jeder Individualität entsprechende Abstufung.
Das vor allem ist in unserer Anschauung gegeben, daß drei kleine Staaten, kraftlos jeder für sich allein, bei Weltbewegungen der Zerstörung ausgesetzt, getragen von Volksgeistern, die die alte Spannkraft zum Theil verloren, zum Theil wahrhaftige und ureigene nie gewinnen können — daß diese neues Leben und gedoppelte Kraft erhalten, indem sie dem großem Stamme sich wieder vermählen; daß Deutschland dagegen, stark durch das Bewußtsein seiner gebliebenen, durch die Einigung seiner abgefallenen Kinder, in der natürlichen Fülle seiner Macht der hohen Aufgabe genügen möge, die ihm in Europa bestimmt ist. Ich weiß es wohl, wer immer, sei er Holländer, Belgier oder Schweizer, nur das jetzige Deutschland anschaut, wie es ist, nicht jenes, welches sein kann und sein wird: dem mag die Seele sich sträuben bei dem Gedanken, das theuer erworbene Vorrecht der Ahnen für solchen Preis zu opfern. Wenn aber die deutsche Nation in geistiger und gemüthlicher Wiedergeburt sich verjüngt, wenn sie den Zauber gefunden haben wird, die Wunden der Völker zu heilen, wenn ganz Europa einer großen organischen Einheit entgegengeht, in der der Niedere dem Höheren sich in natürlicher Unterordnung fügt; dann wird es ein ander Ding sein, ins frühere Vaterland zurück zu gehn. Denn die alte Freiheit bleibt und neue Stärke wird gewonnen.