[Kapitel XII.]
Die Pentarchie.
Wir fanden im Laufe der Betrachtung die westromanischen Völker und die slavischen durch je Eine, die germanischen durch zwei natürliche Großmächte vertreten. Wir fanden: wie die germanische Familie überhaupt zum vornehmsten Einfluß berufen sei in Europa, so sollte Deutschland insbesondere, als erstes Glied der Familie, ein doppeltes Gewicht in die Wagschale legen.
Und in der That: die Gegenwart selbst scheint dießmal unsern idealen, aus der tiefern Natur geschöpften Forderungen zu genügen. Die europäische Pentarchie zählt Eine romanische, Eine slavische, drei germanische, und unter diesen zwei deutsche Mächte.
Wir fanden: der germanisch-romanische Westen von Europa solle das unbedingteste Uebergewicht haben über den slavisch-griechischen Osten, wie der Geist über die Masse.[26] Und wirklich, die westliche Hälfte hat vier, die östliche nur Eine Macht in ihrer Mitte. Wir fanden: innerhalb des Westens solle das germanische Princip herrschen übers romanische. Und steht nicht Frankreich allein gegen Oestreich, Preußen und England?
Das alles klingt vortrefflich, und ist doch nur Lug und Trug und Täuschung. Die Wirklichkeit der Dinge spricht den Zahlen Hohn. Sie kennt kein deutsches, kein germanisches, kein west-europäisches Uebergewicht. Sie zeigt uns Ohnmacht, wo wir Stärke; Herrschaft, wo wir Schwäche erwarten.
Es ist nöthig, die Ursachen dieses Uebels zu beleuchten; ehe das geschieht, einen Blick auf Oestreich und Preußen als Großmächte zu werfen. Wenn hier, im Schwerpunkt von Europa sich Gebrechen entdecken, so ist die Erklärung schon halb gegeben. Und der Gebrechen werden um so mehr sein, je schwächer, um so weniger, je kräftiger diese Mächte die Vertretung von Deutschland, an dessen Stelle sie stehn, in Europa handhaben. Es fragt sich: kann Oestreich, kann Preußen eine deutsche Politik verfolgen? Und verfolgen sie dieselbe in Wahrheit? —
Zusammengesetzt aus den verschiedenartigsten Bestandtheilen, giebt es für Oestreich keine andere Politik und hat, Josephs II. Zeit ausgenommen, niemals eine andere gegeben, als die konservative; das heißt, ein Verfahren, welches die bestehenden Grundlagen heilig hält, Neuerungen abweist, so lang sie nicht unumgänglich und unschädlich anzunehmen sind, alle Nationalitäten und Provinzialismen schont, jeden auftauchenden Einzeltrieb beseitigt, und so das Ganze in fortdauerndem Gleichgewicht erhält[27]. Diese Maximen sind es, die man östreichisch nennen kann; sie werden durch die Conglomeration geboten, in der keines der Elemente den Vorrang behaupten darf. Jede der Tendenzen, zur überwiegenden im Reiche erhoben, würde die andern gegen sich reizen. Und abgesehen davon, worauf sollte z. B. eine slavische Politik (obgleich die slavische Bevölkerung die Mehrzahl bildet) sich stützen? Auf Böhmen und Mähren, die im deutschen auf Croaten, Slaven und Illyrier, die im ungarischen Verbande stehen? Worauf eine magyarische, die nicht einmal für Ungarn unbedingte Geltung hat, wo slavische und magyarische Elemente zur Einheit geführt werden sollen? Worauf eine italienische, bei der Beschränktheit des lombardischen und dalmatischen Gebietes? Alle diese Tendenzen in Einer zu vereinigen, die den einzelnen die gebührende Stellung gibt und sie sämmtlich umfaßt, das ist die Aufgabe von Oestreich. Und wie wird sie gelöst? Nicht selbsteignen Inhalt, eigenthümliche Richtung hat das östreichische System; es ist ein Mittelding zwischen allen Tendenzen, mit feiner Vorsicht allerdings und mit kluger Mäßigung ausgestattet, und soweit geschickt, um sich hinterher ohne Schaden in die Ereignisse zu fügen, aber ohne den Geist, der die Zukunft auffaßt und voraussichtlich die Ereignisse lenkt, und ohne die Energie, Großes und Mächtiges zu leisten.
Joseph II. fühlte das; er wollte die Staatsmaschine mit Einem Willen beseelen. Aber wie ging er zu Werke? Seine Absicht war, die Nationalitäten hinwegzuräumen, und ein Unding von östreichischer Einheit an ihre Stelle zu setzen. Sein Werk mißlang; und die Anhänger der matten Stabilität glauben sich unüberwindlich gerechtfertigt, wenn sie seinen Namen heraufbeschwören.
Und doch gibt es Eine Politik, eine andere als die Josephische, in der jene Verschmelzung von selbst gegeben ist, mit den Vorzügen des östreichischen Systems, ohne seine Schwankungen, höher und lebensvoller: es ist die deutsche. Was den Westslaven frommt, innige und friedsame Durchdringung des deutschen und slavischen Wesens, Erstarkung vor Rußlands ganz slavischen Fortschritten, will es nicht auch die deutsche Politik? Kann sie nicht, um den obigen Zweck zu erreichen, der Sprache, Literatur und Nationalität der Slaven die freieste Entwicklung gestatten? War es nicht dieselbe Zeit, welcher die Böhmen noch heute mit der freudigsten Erinnerung gedenken (die Epoche Karls IV.) und dieselbe, in der deutscher Geist und deutsche Literatur mehr als jemals in Böhmen geblüht hat? Was die Ungarn wollen, liegt es nicht, wie wir gesehn, auch in der deutschen Politik? In Italien will sie, wie die Italiener selbst, eine kräftige, bewußte, ungezwungene Nationalität; ein offenes und furchtloses Verfahren, um den alten Groll zu versöhnen und Liebe zu stiften, wo die Furcht geherrscht hat; und einen Staatenbund, an dessen Spitze das lombardisch-venetianische Königreich gehört. Was endlich die polnischen Unterthanen Oestreichs wünschen müssen, die Herstellung Polens — auch das ist von der deutschen Politik geboten.