Oestreich, als Großmacht im Allgemeinen, will eine würdige, weder feindliche noch gebundene Stellung zu Frankreich; ein enges Verhältniß zu England, dem alten Bundesgenossen; es sucht in Italien den französischen Einfluß zu paralysiren, an der Donau und im Orient sich steigend, materiell und moralisch auszubreiten; Beherrscher so vieler slavischer Völker, bedarf es der schärfsten Selbstständigkeit gegen Rußland, so vieler deutscher Provinzen, der innigsten Einigung mit Deutschland. Alles dies, liegt es nicht in den Wünschen und Bedürfnissen der deutschen Nation?
Laßt nun sehen, wie weit die östreichische Politik der deutschen gleicht, wie weit Oestreich in deutschem Interesse handelt. Statt der germanischen Allianz mit England finden wir eine prinzipielle Verbrüderung mit Rußland. Die deutschen Provinzen sind geistig und mechanisch von dem übrigen Deutschland abgesperrt. Die Verschmelzung des deutschen und slavischen Elements in Böhmen und Mähren wird eben dadurch verhindert. In Italien ein unsicheres, von losen Stützen getragenes Wesen. Hier, wie in ganz Deutschland erscheint Oestreich als abwehrende, negative, strafende, nicht als wohlthätig wirkende, nationale Macht. Der Geist der Regierung hat längst die Stufe überschritten, auf den der komplicirte Charakter des Staates ihn stellt; er konservirt nicht nur, er fürchtet die Neuerungen auch wenn sie unschädlich, er umgeht sie, auch wenn sie unumgänglich sind. Das materielle Wohl soll den Völkern die geistige Freiheit ersetzen, für welche sie tagtäglich reifer werden. Das patriarchalische Verhältniß der Herrscher zu den Völkern hat aufgehört; die Zeit hat es unterwühlt, aber man denkt nicht daran, ein höheres an die Stelle zu setzen. Der ganze Staat, mit all den reichen Elementen des Lebens, beruht am Ende nur auf der Waffengewalt. Wie wird es sein, wenn die Zeit herankommt, in der überall in unserem Welttheil die Materie dem Geist, die militärische Macht, ohnmächtig, einer höheren Kraft wird weichen müssen, wenn dann Oestreich keine tiefere Wurzel geschlagen hat im deutschen Volke? Man wird so lange säumen, der Maschine lebendigeren Odem einzuhauchen, bis es zu spät ist, bis sie verrostet, um zusammenzustürzen im ersten Anlauf der Gefahr.
Eine principielle Verbrüderung mit Rußland, habe ich oben gesagt, und will hierüber noch einige Worte hinzufügen. Obwohl Oestreich gegen den „gemeinsamen Feind im Innern“ sich mit Rußland verbündet hat, so rettet es doch anderseits — und dafür gebührt ihm der Dank des Vaterlandes — die deutsche Ehre, indem es den russischen Entwürfen, namentlich in der Türkei entgegenarbeitet. Und hier ist es nun doppelt schmerzlich zu sehen, wie die östreichische Politik, auch bei gutem Willen, das Ziel so wenig erreicht. In der unverrückten Erhaltung der Türkei findet sie das Mittel, die russischen Plane zu vereiteln. Die Türkei aber ist dem Tode verfallen; sie trägt ihn in sich und keine Macht der Erde wird sie retten. Statt an die Spitze der auflebenden christlichen Völker zu treten und die Bewegung mit kräftiger Hand zu leiten, verbündet sich Oestreich mit dem Erbfeinde und zwingt die Insurgenten, sich in Rußlands Arme zu werfen. Statt dem Zuge der Natur und Geschichte zu folgen, will Oestreich stützen, was nicht mehr zu stützen, und unterdrücken, was nicht mehr zu unterdrücken ist. Oder ist Griechenland weniger frei geworden, weil es Oestreich verhindern wollte? Die Folge des unnatürlichen Systemes ist, daß Oestreich, dessen südliche Linie in ihrer ganzen Breite die slavisch-griechischen Länder beherrscht, sich zu schwach fühlt, den russischen Fortschritten allein Einhalt zu thun. „Wenn England,“ schreibt Gentz im Jahre 1828, „durch sein Stillschweigen oder durch diplomatische Subtilitäten, die nur Verlegenheit und Unentschlossenheit verrathen, mit den russischen Anmaßungen kapitulirt — von welcher Seite soll dann die Hülfe kommen? Oestreich, welches keinen ermunternden Wink Englands unbeachtet lassen würde, ist leider nicht in der Verfassung, in der es sein müßte, um allein den Fortschritten Rußlands Schranken zu setzen. Preußen hat nicht die geringste Neigung dazu; wir können uns glücklich preisen, wenn es im entscheidenden Momente nur neutral bleibt.“ Man sieht an dieser, nach Oestreichs Lage, Hülfsmitteln und Sympathien fast unglaublichen Schwäche, wohin eine Politik führt, die dem Geist der Geschichte widerstrebt, statt ihn kühnlich zu fassen. Die Moldau und Wallachei, Serbien und Griechenland haben sich emancipirt ohne Oestreichs Zuthun, die ganze Türkei wird sich emancipiren, und wenn Oestreich noch ein Jahrzehnt in demselben System beharrt, so ist sein Einfluß im Orient verloren, und seine Zukunft, die einzige die als europäischer Macht ihm bleibt, vernichtet.
Wird Oestreich das alte System in der kommenden Zeit mit einer deutschen Politik vertauschen? Ich weiß es nicht. So lange nicht die deutschen Provinzen Deutschland angehören mit Herz und Sinn, von innen und außen, so lange drei der edelsten Stämme, Oestreicher, Tyroler und Steiermärker, alle so hoch begabt, so reich an Geist und Gemüth, ausgeschlossen bleiben von dem lebendigen Bande, das die übrigen Deutschen umschlingt, so lange Böhmen und Mähren in der Entfremdung beharren, worein sie seit den blutigen Zeiten der Ferdinande gebannt sind, — so lange gibt es keine solche Politik. Es ist wahr: die östreichische Monarchie ist von zahlreichen und tiefen Schwierigkeiten umringt; in ganz Europa kein Staat, dessen Leitung verwickelter, gefährlicher und künstlicher ist, und es wäre vermessen, da stets den Willen anzuklagen, wo zum Theil eine schwere Nothwendigkeit herrscht. Das allein schmerzt, diese theilweise Nothwendigkeit von einem bewußten Willen zum höchsten Gesetze erhoben, die natürliche Schwere, welche dem östreichischen Conglomerat anhängt, nicht als leidiges Uebel, sondern als das oberste Princip des Staates betrachtet zu sehen.
Ich komme zu Preußen und bin hier überhoben den nämlichen Beweis zu führen. Preußen besitzt, mit Ausnahme von Posen[28], lauter deutsche Provinzen. Altpreußen, das Stammland seiner Würde, obschon es nicht zum Bunde zählt, ist ganz und gar deutsch durch Geschichte, Natur und Charakter seiner Bewohner. Die Rheinlande, Westphalen und die sächsische Provinz, die es neuerlich beherrscht, sind urdeutsche Gebiete, deren Geschichte so alt ist als die deutsche überhaupt. Deßhalb lebt ein Zug in der preußischen Politik, dem sie kaum widerstehen kann, von dem sie ewig und unabweislich gestachelt wird: der Zug eine deutsche Macht zu sein von ganzer Seele. Doch folgt sie nur langsam diesem Zuge; und dergestalt, daß sie oft genug nach außen hin von Rußland geleitet wird, nach innen dem Anstoße gehorcht, der von Oestreich ausgeht. Steins kurze Verwaltung und die Jahre des Befreiungskampfes hatten gezeigt, wie Preußen, um groß zu sein, Nichts nöthig habe, als der Natur seines Volkes freieren Spielraum zu eröffnen. Sie hatten gelehrt, daß Ein Jahr im deutschen Geiste gehandelt, Jahrzehnte von wohlgemeinter Schwäche überwiegt. Diese Erfahrungen gingen vorüber. Nochmals kam eine schwere Zeit; da wußte man nimmer zu sichten zwischen den guten und den bösen Geistern. Man erbebte vor jedem lebendigen Gegensatz, man zitterte vor dem Rauschen eines Blattes, man bekämpfte gleich gewappneten Riesen die Windmühlen bethörter und träumerischer Jünglinge; Offenheit, Zutrauen, Männlichkeit waren dahin. Und hiezu das unselige Vermächtniß, daß der große Friedrich im russischen Bunde dem Staat hinterließ. Was er, getrieben von der Noth der Zeit, und mit klarer Ahnung der inliegenden Gefahr geknüpft hatte, wurde Regel des preußischen Systems. Die Nachfolger zogen das unheilvolle Band noch enger zusammen. In der Politik, sagt Friedrich der Große irgendwo — und dies ist eins seiner schönsten Worte, kenne ich keine andern Verwandten als meine Freunde. Was würde er heute sagen?
Wem viel gegeben ist, von dem wird viel gefordert. Es mag weh thun, Oestreich seine eigenen Wege wandeln zu sehen; doch Oestreich herrscht in außerdeutschen Ländern und handelt, wie wir gesehn, in auswärtigen Dingen doch oftmals mit deutscher Intention. Aber Preußen, wie mag seine Politik begriffen werden, welche gehorcht hat, wo sie gebieten[29], gefolgt, wo sie bestimmen, verloren, wo sie erobern konnte — drei Dinge, die Preußen gegen Rußland, gegen Oestreich und (in geistiger Weise) gegen Deutschland hin an den Tag gelegt.
Preußen ist die beste Bureaukratie Europas, von bewundernswürdiger Maschinerie, und welche der Wissenschaft, den Meinungen und dem Leben so viele Freiheit läßt, als eine Bureaukratie ihrer engen Natur nach es thun kann. Aber wer heißt das? Bureaukratien sind die Meisterstücke des vergangenen achtzehnten Jahrhunderts, und nicht der moderne Liberalismus oder der Geist der Revolution, sondern der germanische Geist, dem sie widersprechen, wird sie unterhöhlen[30].
Wenn Oestreich undeutsch verharrt, so bleibt es wenigstens eine Macht von Bedeutung im Osten. Preußen, wenn es nicht wagen würde, deutsch zu sein, sänke zum Nichts herab, und wie es überhaupt seit dem Wiener Kongreß den pentarchischen Charakter nur in begleitender und zustimmender Weise bewährt hat, so würde es bald auch nominell aus der Reihe der Großmächte schwinden.