So lange Oestreich und Preußen bureaukratische Militärmächte bleiben, werden sie durch ein inneres Band an Rußland gekettet. Und wiederum, so lange sie mit Rußland verbunden bleiben, so lange werden sie von Rußland beherrscht; denn Rußland ist unter den drei Militärmächten die größeste. Endlich, so lange solch ein Uebergewicht besteht, kein wahrhaftiges Deutschland, kein geordnetes Europa.
Wir kehren zur Pentarchie zurück. Daß Deutschland weder in innern noch in auswärtigen Dingen genügend vertreten werde, haben wir gesehen. Jetzt werden die tieferen Ursachen dieser schiefen Politik, wie sie in den pentarchischen Verhältnissen liegen, sich enthüllen.
Der Grundzug des politischen Systems von Europa ist, seit dem Untergang der kaiserlich deutschen Macht des Mittelalters, die Idee des Gleichgewichts. Von der Hegemonie, die bis dahin geherrscht hatte, sprang Europa schnell zum äußersten Gegensatz hinüber. Zur Zeit Maximilians schienen eine Menge von Staaten, Oestreich, Frankreich, Spanien, England, Venedig, die Schweiz, sich in gegenseitigem Gleichgewicht zu halten. Bald erhob sich die habsburgische, ihr gegenüber die französische Großmacht, seit Elisabeth trat England, später durch Peter den Großen Rußland, endlich Preußen hinzu. Man war von der europäischen Republik zur Aristokratie gekommen; innerhalb der letzteren wuchs in der neuesten Zeit, nachdem Napoleon die Monarchie versucht hatte, eine Oligarchie heran. Rußland und England (gewissermaßen von Frankreich paralisirt), haben das Uebergewicht errungen.
Die Geschichte selbst hat das Gleichgewicht, in dem unvernünftigen Sinne, indem es uns so oft gepredigt wird, gerichtet. Ein Gleichgewicht hat niemals in Wahrheit bestanden, wird niemals bestehen, und in der That hat niemals ein Staatsmann im Ernste daran geglaubt oder darnach gehandelt. Nicht, daß alle Staaten gleichviel wiegen an Gewicht und Geltung, will Europa: ein organisches Verhältniß will es, der kleineren Staaten zu den mittleren, der mittleren zu den großen, der großen zu den größten. Nicht darauf beruht Friede, Ordnung und Blüthe von Europa, daß in endloser Eifersucht jedwede Macht die andere hemmt und beschränkt, daß der kleinste Uebergriff, der unbedeutendste Zufall den ganzen Organismus bedroht und mondenlang die halbe Welt in die peinlichste Spannung versetzt. In der Familie wie im Staat, im kleinsten Gemeinwesen wie im ganzen Erdtheil liegt Halt, Einheit und Zusammenhang darin, daß jede Natur die Stelle einnimmt, die ihr gebührt, daß das Große groß, das Kleine klein, daß das Ganze über und unter einander geordnet sei nach der ursprünglich harmonischen Verschiedenheit, die ihm Gott eingepflanzt hat. Denn nicht verflachende Gleichheit, sondern unendliche Abstufung ist der Charakter alles Geschaffenen, und wo da herrscht, was herrschen, wo gehorcht, was gehorchen soll, da allein lebt Freiheit, Ordnung und Gesundheit. Gebt allen Staaten Europas, von Portugal bis Rußland, die nämliche Geltung, und ihr werdet finden, daß Eure Gleichheit eben so unselig und verwirrender sein würde, als der römische Despotismus, der die halbe Menschheit geebnet und Ein Ungeheuer an ihre Stelle gesetzt hat. Das Gleichgewicht, ich wiederhole es, ist eine ungeheure Täuschung, geschickt genug gemacht, um selbstsüchtige Tendenzen mit dem Mantel der Theorie zu bedecken, oder umgekehrt, nichtswürdige Schwächen mit dem Scheine der Aufopferung zu verhüllen; verwirklicht auf die Dauer zu keiner Zeit, nicht einmal in unsrer, welche die künstliche Aufrechthaltung der Unnatur sich zur Aufgabe gesetzt hat[31].
Was wir in der Pentarchie suchen, sind die Keime einer höheren Ordnung der Dinge, eines natürlichen Gleichgewichts, wonach die Eine Familie ein Uebergewicht behaupten kann, ohne die andere zu drücken, das Eine Volk in der Familie vorangehen kann, ohne das andere zu knechten. Von den deutlichen Spuren einer germanischen Hegemonie in der pentarchischen Gestaltung sind wir ausgegangen; und wollen sehen, wodurch sie bis zum Unmerklichen verwischt werden.
Während die deutschen Mächte weder den deutschen, noch geschweige den germanischen Willen ausdrücken, vertritt Frankreich in Wahrheit den romanischen Westen, welcher mit ihm Eine religiöse — den Katholizismus — Eine politische Tendenz — den Liberalismus — theilt.
Aehnlicher Weise hat Rußland die Einheit des Ostens, eine griechisch-absolute Einheit usurpirt; Polen ist von ihm verschlungen, Ungarn durch die östreichische Politik verhindert, sein eigenthümliches Element herauszukehren.
So bildet der Osten, wie der Westen, eine einige geistig geschlossene Macht.
Wie ganz anders Germanien. Oestreich ist katholisch, Preußen protestantisch, England bischöflich; Oestreich absolut, Preußen konservativ, England hat seine Freiheit, wie seine ganze politische Tendenz für sich. Die beiden erstern sind durch keine Verbindung mit England verknüpft. Skandinavien steht allein, und in sich selbst zersplittert. Die mitteldeutschen Staaten sind durch Vielheit schwach, und überdem durch eine politische Kluft — die konstitutionelle Verfassung — von den Westmächten geschieden: Belgien und die Schweiz von romanischen Einflüssen durchkreuzt, Holland von selbstsüchtigen Interessen geleitet. Nirgend eine germanische Einheit, nirgend ein germanischer Wille.