[40] S. Dahlmann’s Politik. Kap. 7. §. 199.
[41] Ich erwähne die demagogischen Umtriebe nicht als ob sie die Bedeutung wirklich gehabt hätten, die man ihnen beizulegen gewußt hat, sondern nur der Idee wegen, die sie ausdrücken.
[42] Merkwürdig genug ist es, daß derjenige Staat in Deutschland, welcher durch den edlen und patriotischen Willen, der an seiner Spitze steht, unter allen am meisten geeignet wäre, allgemein deutsches Gewicht zu erringen, am ausgeprägtesten Partialismus des Volksgeistes leidet. Ich meine Würtemberg und die Altwürtemberger.
[43] Gewiß gibt es kein Land in Europa, welches mit der lebendigsten, natürlichen Einheit des nationalen Verbandes so ausgeprägte Provinzialitäten verbindet als Deutschland, keines, das so gut geeignet wäre, zwischen dem starren Centralismus der heutigen Staaten und dem reinen Föderalismus zu vermitteln. Da wir hier uns nur mit dem Allgemeinen beschäftigen, so gehört es nicht hieher, die einzelnen Provinzialcharaktere durchzugehn. Doch bietet sich die Gelegenheit, darauf hinzudeuten, wie der Völkerorganismus, den wir zuerst auf dem Kontinent überhaupt, dann in Europa gefunden haben, in ähnlicher Art auch in Deutschland, als dem Herzen Europas, wiederkehrt. Jene vier Grundstämme (welche im Welttheil die vier Familien bilden) zeigen sich hier als fränkischer, schwäbischer, sächsischer und bairischer Typus. Und wie die Familie in je drei Nationen, so ist hier der Stamm in je drei Hauptarten gespalten: der fränkische in Ostfranken (Maingebiet), in Westfranken (Rheinpfalz, Mosel und Niederrhein) und in Flamänder; der schwäbische in Schwaben, Alemannen und Schweizer; der sächsische in Obersachsen (Thüringen und Königreich Sachsen), Niedersachsen (Hannover, Braunschweig, Westphalen) und Friesen; der bairische in westliche Baiern, östliche Baiern (östreichische Raçe) und Tyroler. Wir sahen in Europa, daß je das dritte Glied jeder Familie eigenthümlich gestellt sei; so tritt auch hier der Besonderungstrieb hervor in den Flamändern (Belgien), den Friesen (Holland), den Schweizern und den Tyrolern. (Daher früher gesagt worden, daß Natur allerdings der Separat-Geschichte jener drei Länder zu Grund liege.) Es versteht sich übrigens von selbst, daß hiemit nur die germanischen, nicht die germanisirten Provinzen von Deutschland gemeint werden. Die letztern in Eins zu fassen, war der Beruf der zwei großen Monarchieen.
[44] Es ist damit nicht gesagt, daß der Adel nicht materiell noch gehoben oder erhalten werden könne (z. B. durch Majorate). Auch gibt es allerdings selbst in Deutschland noch einen Adel von geistiger Bedeutung: in Meklenburg und besonders in den deutschen Ländern von Oestreich. Aber dieß sind gerade diejenigen Theile von Deutschland, wo noch die Tradition des Mittelalters herrscht, sie können daher als Maßstab für das, was in der Zeit liegt, nicht gelten. Wenn man mir den englischen Adel entgegenhält, so antworte ich: er hat seine Probe noch nicht überstanden; und es darf überhaupt von der eigenthümlichen Mischung mittelalterlicher und moderner Institute in England nicht auf unsere Zustände geschlossen werden.
[45] Der Beleg für die ganze oben geführte Klage findet sich zahlreich genug in der heutigen Literatur: in der Heine’schen Poesie, im jungen Deutschland, im ästhetischen Kultus unsrer Tage; auch Rahel und Bettina, die vielvergötterten, überhaupt die Berliner Geistreichen erinnern nur zu lebhaft daran. In den meisten dieser Erscheinungen erregt die Unnatur eben so viel Grauen, als das Talent Bewunderung.
[46] Gerade so, wie in der politischen Welt Rußland (die Gewalt), England (das Geld) und Frankreich (die Lüge) dominiren. Um zu zeigen, wie dieser Zusammenhang nicht oberflächlich, sondern tief begründet sei, ziehe ich aus einem historischen Werke, worin mehr als in allen übrigen das Innere der Dinge ans Licht gestellt ist, einige England betreffende Worte an. „Wir wollen nur in wenigen Zügen bemerklich machen, wie schon vor der französischen Revolution England in demselben Maße immer mehr aufblühte, in welchem Genußsucht, Egoismus, Handelsgeist, Ueppigkeit, Geld, Eleganz des Lebens und Luxus-Bedürfniß, Europa in viel schwerere Ketten legte, als die Hierarchie, Ritterschaft und Despotismus, die oft in unsern Tagen allein geschmäht werden, ja schmieden können. Nach der Art, wie seit Ludwig XIV. Staat und Kriegswesen in Europa eingerichtet worden, hatte der Mensch nach und nach seine Bedeutung verloren, Geld schien einziges Bedürfniß, weil man mit Geld die stehenden Heere, die das Ganze in Ordnung halten sollten, bezahlte, mit Geld die besoldeten Diener ans Vaterland knüpfte, mit Geld die Verräther erkaufte, und mit Geld den Aufwand unterhielt, der bald Rang und Verdienste überglänzte“ — — — — „Seit dieser Zeit stieg der Wohlstand der Britten immer höher, und der Reichthum, der erst später auf der Insel selbst nach und nach Religion, Sitten und endlich auch den alten und edlen Sinn der freien Landbesitzer, die bis dahin den Kern der Nation ausmachten, verdarb, gab ihnen die Mittel, alle Thoren durch die zierliche, reinliche, reiche Außenseite zu blenden, und alle mächtigen Schurken zu kaufen. So ward Europa zuerst von England, in unsern Tagen aber England und Europa endlich zur großen Schmach der lebenden Generation vom Gelde, oder von Leuten, die es anschaffen können, und von seinem Gifte durch und durch verletzt sind, abhängig.“ Wie das System der Gewalt von Rußland allenthalben gestützt wird und mit ihm steht und fällt, haben wir schon oben gesehen; und daß in Frankreich die gewissenlose Sophistik, die Käuflichkeit der Talente und die Verdorbenheit in Literatur und Leben den entwickeltsten Grad erreicht hat, ist uns allen bekannt.
[47] Das heißt, die Religion zerstören.
[48] Jesaia 59, 10. 11.
[49] Dieß glauben wir wenigstens, wenn wir konsequent die Sache betrachten und die Geschichte zu Rathe ziehn. Alle großen, bewegenden Ideen sind von Einzelnen ausgesprochen worden, welche, was in der Zeit schlummerte, zum klaren Ausdruck erhoben. Die Wissenschaft vollends, die alle Strahlen der Erkenntniß in Eins zusammenfassen soll, kann nur aus Einem Kopfe entspringen. Es ist ein gewöhnliches Wort, das Reich des Denkens und Wissens sei eine Republik. Ja wohl Republik, aber in der die Diktatur zuweilen nöthig ist. Siehe übrigens, was Schelling über diesen Gegenstand sagt in der Vorrede des kleinen Buches „vom Ich.“